Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!

Wie die Ordensschwester Giovanna Calabria ehemalige Kindersoldaten im Südsudan rettet – und dem Terror des Rebellenchefs Joseph Kony trotzt. von 

Zwei Kindersoldaten im Süden des Sudan (Archiv)

Kindersoldaten im Süden des Sudan (Archiv)  |  © Str Old/Reuters

Sie hat das Geld vor dem Jungen auf den Tisch gekippt. »Erst glätten, dann sortieren und zählen«, hat sie zu ihm gesagt und ihn allein gelassen. Er könnte sich den Haufen zerknüllter Banknoten in die Taschen stopfen und einfach gehen. Stehlen und rauben hat er gelernt. Niemand würde ihn aufhalten. Die Erwachsenen sitzen noch beim Gottesdienst in der Kirche, über den Hof dringt das Murmeln des Schlussgebets. Aber er bleibt sitzen, streicht konzentriert über die Scheine und flüstert die Zahlen wie eine magische Formel: »Ten, twenty, thirty...« Bei »one hundred and...« kommt er ins Stocken, beginnt von Neuem, schafft es beim dritten Mal. 147 südsudanesische Pfund, etwa 40 Euro, hat die Gemeinde gespendet. Er schreibt die Summe auf ein Stück Papier, den Stift wie einen Meißel auf die Tischplatte drückend, legt das Geld daneben und wartet auf die Schwester.

Vor einem Jahr ist er hier aufgetaucht, ein verstockter, magerer Kerl, der oft um sich schlug. Inzwischen hat er einige Pfunde und Zentimeter zugelegt. Er besucht die Schule, es geht ihm gut, soweit es einem 13-jährigen ehemaligen Kindersoldaten gut gehen kann. »Ihn hierbehalten?«, sagt Giovanna Calabria. »Kommt nicht infrage. Das ist kein Waisenhaus.« Der Junge aber will nicht gehen.

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Nsara, eine Kleinstadt mit wenigen Tausend Einwohnern, ein paar Ziegelbauten und zahlreiche Lehmhütten, liegt im Ländereck der Kriege und Krisen im Südsudan. Der Kongo, Uganda und die Zentralafrikanische Republik sind nicht weit entfernt. Grenzen bedeuten nicht viel in dieser Gegend, in der Flüchtlinge, Händler, bewaffnete Banden an manchen Tagen mehrere Staaten durchstreifen, ohne einen einzigen Schlagbaum zu sehen. »Sie können ruhig kommen«, hat Schwester Giovanna am Telefon zu mir gesagt. »Im Moment ist es ziemlich friedlich hier.«

Vor anderthalb Jahren waren wir uns das erste Mal begegnet, damals war es hier nicht friedlich. Es gab Überfälle von Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA), der berüchtigten Truppe des Joseph Kony. Die Gemengelage von Konflikten war zu kompliziert für ausländische Journalisten, die Frontlinien gern übersichtlicher haben. Ob die UN sie notfalls evakuieren würden, fragte ich damals Giovanna Calabria. »Meine Liebe, wir lassen uns nicht evakuieren. Was immer passiert, liegt in Gottes Hand.«

Ein Satz wider alle Vernunft und wider alle Sicherheitsregeln für internationale Helfer. Aber Giovanna Calabria arbeitet nicht für die Vereinten Nationen oder Ärzte ohne Grenzen. Sie leitet eine Station des italienischen Comboni-Ordens. Sie ist Missionarin.

Missionar, lateinisch: der Gesandte. Das Wort erinnert an den Kolonialismus, weiße Männer in Leinenanzügen und Tropenhelmen, umgeben von halb nackten Einheimischen. Nicht an eine multinationale Frauen-WG mit Katze, Fahrrad und Kindersoldaten als Untermietern. Die Ordensschwestern sind nicht hier, um zu missionieren, der Katholizismus ist in der Gegend schon lange verbreitet. Sie sind hier, um zu helfen.

In der großen Missionsstation, die umgeben ist von den Hütten der Leprakranken, sind sie zu viert: Giovanna Calabria, 67, Eugenia Valle, 78, und Sara Antonini, 37, sie alle kommen aus Italien. Maria Teresa Carrasco, 46, ist aus Mexiko. Zwei Schwestern aus dem Kongo und aus Äthiopien sind zu anderen Stationen versetzt worden. Die Personaldecke wird dünn. »Wir kriegen kaum noch junge Leute«, sagt Giovanna Calabria. »Schon gar nicht aus Europa.« Was einen nicht sonderlich überrascht. Eine Stellenanzeige für die Station in Nsara sähe etwa so aus: Physisch und mental belastbare Frau gesucht, ledig, kinderlos, für Stelle auf Lebenszeit mit 70-Stunden-Woche. Gehalt: keines. Urlaub: alle drei Jahre. Erfahrungen mit Malaria, Reptilien, Geistern und bewaffneten Konflikten erwünscht. Wer macht so etwas? 

Ein Wochentag in Nsara, früh am Morgen. Noch herrschen angenehme 28 Grad, das Licht und die Farben könnten schöner nicht sein. Frauen ziehen mit Körben und Töpfen zum Markt, Kinder plärren, Handys dudeln. Eugenia, ausgebildete Krankenschwester, zuständig für den Morgenkaffee, ist seit halb fünf auf den Beinen. Morgenandacht, Frühstück, dann geht Sara, Chefin und einzige Ärztin des örtlichen Hospitals, zur ersten Visite. Maria verschwindet in der Missionsschule, die sie leitet. Giovanna Calabria stapft mit einem Megafon hinüber ins Gemeindezentrum zu den »Äitsch-Ei-Wihs«. Damit ist keine ethnische Minderheit gemeint, sondern die Gruppe der HIV-Positiven in Nsara.

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