Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!

Wie die Ordensschwester Giovanna Calabria ehemalige Kindersoldaten im Südsudan rettet – und dem Terror des Rebellenchefs Joseph Kony trotzt. von 

Zwei Kindersoldaten im Süden des Sudan (Archiv)

Kindersoldaten im Süden des Sudan (Archiv)  |  © Str Old/Reuters

Sie hat das Geld vor dem Jungen auf den Tisch gekippt. »Erst glätten, dann sortieren und zählen«, hat sie zu ihm gesagt und ihn allein gelassen. Er könnte sich den Haufen zerknüllter Banknoten in die Taschen stopfen und einfach gehen. Stehlen und rauben hat er gelernt. Niemand würde ihn aufhalten. Die Erwachsenen sitzen noch beim Gottesdienst in der Kirche, über den Hof dringt das Murmeln des Schlussgebets. Aber er bleibt sitzen, streicht konzentriert über die Scheine und flüstert die Zahlen wie eine magische Formel: »Ten, twenty, thirty...« Bei »one hundred and...« kommt er ins Stocken, beginnt von Neuem, schafft es beim dritten Mal. 147 südsudanesische Pfund, etwa 40 Euro, hat die Gemeinde gespendet. Er schreibt die Summe auf ein Stück Papier, den Stift wie einen Meißel auf die Tischplatte drückend, legt das Geld daneben und wartet auf die Schwester.

Vor einem Jahr ist er hier aufgetaucht, ein verstockter, magerer Kerl, der oft um sich schlug. Inzwischen hat er einige Pfunde und Zentimeter zugelegt. Er besucht die Schule, es geht ihm gut, soweit es einem 13-jährigen ehemaligen Kindersoldaten gut gehen kann. »Ihn hierbehalten?«, sagt Giovanna Calabria. »Kommt nicht infrage. Das ist kein Waisenhaus.« Der Junge aber will nicht gehen.

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Nsara, eine Kleinstadt mit wenigen Tausend Einwohnern, ein paar Ziegelbauten und zahlreiche Lehmhütten, liegt im Ländereck der Kriege und Krisen im Südsudan. Der Kongo, Uganda und die Zentralafrikanische Republik sind nicht weit entfernt. Grenzen bedeuten nicht viel in dieser Gegend, in der Flüchtlinge, Händler, bewaffnete Banden an manchen Tagen mehrere Staaten durchstreifen, ohne einen einzigen Schlagbaum zu sehen. »Sie können ruhig kommen«, hat Schwester Giovanna am Telefon zu mir gesagt. »Im Moment ist es ziemlich friedlich hier.«

Vor anderthalb Jahren waren wir uns das erste Mal begegnet, damals war es hier nicht friedlich. Es gab Überfälle von Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA), der berüchtigten Truppe des Joseph Kony. Die Gemengelage von Konflikten war zu kompliziert für ausländische Journalisten, die Frontlinien gern übersichtlicher haben. Ob die UN sie notfalls evakuieren würden, fragte ich damals Giovanna Calabria. »Meine Liebe, wir lassen uns nicht evakuieren. Was immer passiert, liegt in Gottes Hand.«

Ein Satz wider alle Vernunft und wider alle Sicherheitsregeln für internationale Helfer. Aber Giovanna Calabria arbeitet nicht für die Vereinten Nationen oder Ärzte ohne Grenzen. Sie leitet eine Station des italienischen Comboni-Ordens. Sie ist Missionarin.

Missionar, lateinisch: der Gesandte. Das Wort erinnert an den Kolonialismus, weiße Männer in Leinenanzügen und Tropenhelmen, umgeben von halb nackten Einheimischen. Nicht an eine multinationale Frauen-WG mit Katze, Fahrrad und Kindersoldaten als Untermietern. Die Ordensschwestern sind nicht hier, um zu missionieren, der Katholizismus ist in der Gegend schon lange verbreitet. Sie sind hier, um zu helfen.

In der großen Missionsstation, die umgeben ist von den Hütten der Leprakranken, sind sie zu viert: Giovanna Calabria, 67, Eugenia Valle, 78, und Sara Antonini, 37, sie alle kommen aus Italien. Maria Teresa Carrasco, 46, ist aus Mexiko. Zwei Schwestern aus dem Kongo und aus Äthiopien sind zu anderen Stationen versetzt worden. Die Personaldecke wird dünn. »Wir kriegen kaum noch junge Leute«, sagt Giovanna Calabria. »Schon gar nicht aus Europa.« Was einen nicht sonderlich überrascht. Eine Stellenanzeige für die Station in Nsara sähe etwa so aus: Physisch und mental belastbare Frau gesucht, ledig, kinderlos, für Stelle auf Lebenszeit mit 70-Stunden-Woche. Gehalt: keines. Urlaub: alle drei Jahre. Erfahrungen mit Malaria, Reptilien, Geistern und bewaffneten Konflikten erwünscht. Wer macht so etwas? 

Ein Wochentag in Nsara, früh am Morgen. Noch herrschen angenehme 28 Grad, das Licht und die Farben könnten schöner nicht sein. Frauen ziehen mit Körben und Töpfen zum Markt, Kinder plärren, Handys dudeln. Eugenia, ausgebildete Krankenschwester, zuständig für den Morgenkaffee, ist seit halb fünf auf den Beinen. Morgenandacht, Frühstück, dann geht Sara, Chefin und einzige Ärztin des örtlichen Hospitals, zur ersten Visite. Maria verschwindet in der Missionsschule, die sie leitet. Giovanna Calabria stapft mit einem Megafon hinüber ins Gemeindezentrum zu den »Äitsch-Ei-Wihs«. Damit ist keine ethnische Minderheit gemeint, sondern die Gruppe der HIV-Positiven in Nsara.

Seit sie im Hospital antiretrovirale Medikamente erhalten, haben sich ihre Lebenserwartung und ihr Tatendrang deutlich erhöht. Unter dem Dach der Mission haben sie einen Verein, die Rainbow Community, gegründet, der inzwischen über 500 Mitglieder zählt. An diesem Tag ist ein neuer Vorsitzender zu wählen, Beiträge sind einzutreiben, Mikrokredite zu vergeben, Nachrichten und Klatsch werden ausgetauscht: Wer ist schwanger, wer ist gestorben, wer hat wessen Waisen adoptiert, warum ist der Zucker schon wieder teurer, wer wurde mit wem beim Händchenhalten gesehen. Über 100 Menschen hocken unter einem Wellblechdach, und Giovanna Calabria ist mittendrin, eine kleine Frau mit blassem Gesicht und Brille. Durch das scheppernde Megafon verteilt sie Ratschläge und Bibelexegesen, teils auf Englisch, teils auf Zande, der lokalen Sprache.

Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu. Erster Brief des Petrus, Kapitel 4, Vers 8.

»Ihr wisst, was das heißt: Passt aufeinander auf, haltet zusammen. Gott liebt euch, egal, ob ihr HIV-positiv seid oder Lepra habt.« Lepra? »Gibt’s hier auch«, raunt sie. Sie sucht in der Menge den Hausmeister und Lagerverwalter der Mission, auch er ein »Äitsch-Ei-Wih«, der etwas gegen die Schlangen tun soll, die nachts das Gelände unsicher machen. »Haben Sie schon einmal eine Kobra gesehen?«, fragt sie. Nein. Muss auch nicht sein. So beginnt ein ganz normaler Tag in Nsara.

Der Junge heißt John. Er sitzt an diesem Morgen in der Förderklasse der Missionsschule, und müsste man raten, welches der Kinder schon einmal einen Menschen getötet hat, würde man sofort auf ihn deuten. Da ist eine Versteinerung im Gesicht, ein Aus-der-Welt-gestoßen-Sein, das man von den Halbwüchsigen mit Kalaschnikows an Straßensperren kennt. So eine Waffe hat er getragen, musste sie tragen, wollte es irgendwann wohl auch. Wer eine bekommt, der rückt auf in der Hierarchie der Lord’s Resistance Army, der »Widerstandsarmee des Herrn«, der ist nicht mehr Gefangener, sondern Kämpfer.

»Hello, how are you?«, ruft John im Chor mit den anderen Kindern. An der Tafel stehen englische Vokabeln.

John war elf, als LRA-Rebellen sein Dorf auf der kongolesischen Seite der Grenzregion überfielen, mehrere Bewohner töteten und die Kräftigsten unter den Kindern und Jugendlichen verschleppten. »Die übliche Geschichte«, sagt Giovanna Calabria. John verbrachte ein Jahr bei der LRA. Er wurde offenbar bald vom Gefangenen zum Aufpasser ernannt, musste andere Entführte mit dem Stock schlagen, wenn sie jammerten, durfte irgendwann ein Gewehr tragen und ein Panga. So nennt man hier eine Machete. Mit der hat er getötet. Aber darüber, sagt die Schwester, rede er kaum mehr.

Über Joseph Kony, den Anführer der LRA, weiß John, dass dieser viel Macht hat und alles sieht. Fast wie Gott. Das haben ihm die Kommandanten seines Trupps erzählt. Er selbst hat Kony nie gesehen. Die LRA hat seit Jahren keine festen Stützpunkte mehr, sondern zieht in kleinen unabhängigen Trupps durch den Busch. Auf einem dieser Tagesmärsche geriet Johns Gruppe in eine Schießerei mit Soldaten, er rannte davon und irrte herum, bis ihn Händler aufgriffen und er schließlich in Giovanna Calabrias improvisiertem Therapieprogramm landete. Das besteht aus ordentlicher Verpflegung, Schulbesuch und Strafpredigten, wann immer er in das Gebaren eines bewaffneten Halbstarken zurückfällt. Sonntags lässt sie ihn die Kollekte zählen – eine vertrauensbildende Maßnahme. Und wenn John nach einem seiner Albträume wieder in einen Strudel aus Schuld, Verzweiflung und Panik gerät, wirft sie ihm eine Rettungsleine zu. »Gott sieht alles«, sagt sie dann zu ihm, »Gott hat gesehen, dass sie dich zum Töten gezwungen haben. Gott weiß, dass du kein Mörder bist!« Es ist eine schützende Decke aus Worten, eine Art Mantra, halb gesprochen, halb gebetet, gleichmütig und eindringlich zugleich. Sie hat es bei unzähligen solcher Kinder ausprobiert. »Die meisten«, sagt sie, »beruhigen sich dann.«

Hilfe für 13-jährige Exrebellen steht nicht im Lehrplan des Instituts der Comboni-Schwestern in Verona, Giovanna Calabrias Heimatstadt. Seit über einem Jahrhundert ist sie der Hauptsitz des Ordens. In Calabrias Schulzeit in den fünfziger Jahren waren die Missionarinnen Heldinnen. Frauen, die im Auftrag Gottes, aber ohne Ehemann in eine unbekannte Welt aufbrachen – das klang so fromm wie verheißungsvoll. Zum Missfallen ihres Vaters gelobte Giovanna mit Anfang zwanzig, ihr Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gegenüber dem Orden zu verbringen. Der schickte sie nach ihrer Ausbildung zur Sozialarbeiterin mit 27 Jahren nach Gulu im Norden Ugandas. Das war 1971, ein Armeeoffizier namens Idi Amin hatte sich gerade an die Macht geputscht.

»Lehrjahre« nennt sie diese Zeit. Sie lernte, betrunkene Soldaten anzulächeln, »demütig, aber nie ängstlich«. Sie lernte, wie man politisch Verfolgte tagelang in einem Hühnerstall versteckt und wie man vor einer Polizeisperre so tut, als würde man die verstümmelten Leichen am Straßenrand weder sehen noch riechen.

Idi Amin sympathisierte mit dem Islam und dem Ostblock. Seiner legendären Paranoia und seiner von der ostdeutschen Stasi ausgebildeten Geheimpolizei fielen in den acht Jahren der Diktatur 300.000 Menschen zum Opfer. Besonders gefährdet waren ugandische Kirchenvertreter und das vermeintlich illoyale Volk der Acholi im Norden. Eines der Zentren dort ist die Stadt Gulu.

Es gab damals kein Internet, kein CNN oder Al-Dschasira, niemand berichtete über die Gräueltaten. Es gab nur eine Telefonleitung, die mal funktionierte und mal nicht – und das Gebet, um sich gegenseitig zu stützen, gemeinsam mit den ugandischen Schwestern, den Lehrerinnen und Mädchen der Missionsschule. Giovanna Calabria hätte damals um ihre Ablösung bitten können. Aber das erschien ihr wie Verrat. Also blieb sie, wie die anderen weißen Schwestern auch. Einerseits hemmte ihre Anwesenheit die Gewaltbereitschaft von Amins Soldaten. Andererseits hob sie die Hierarchie der Hautfarben auf. Entweder flohen alle – oder keiner.

Zu fliehen wäre »a waist of manni« gewesen, sagt Giovanna Calabria in ihrem italienisch intonierten Englisch – Geldverschwendung. »Die Rückreise nach einer Evakuierung muss man nämlich selbst bezahlen.«

Um zwei Uhr nachmittags ist die Temperatur auf 39 Grad gestiegen, die Regenbogen-Gemeinde hat ihren neuen Vorsitzenden gewählt, die Mikrokredite vergeben und ist auf dem Weg nach Hause. Zurück bleibt ein Stapel Musikkassetten. Giovanna Calabria schiebt zwei über den Tisch mit einer Miene, die keine Ablehnung duldet. Ein Geschenk. Das erste Album des Gospelchors der »Äitsch-Ei-Wihs«. Ein Chor von HIV-Positiven im tiefsten afrikanischen Hinterland – das klingt fast zu absonderlich, um wahr zu sein. Der Südsudan hat über 20 Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Gesundheitsaufklärung scheint unmöglich in einem Land ohne Infrastruktur, mit mehr als 70 Prozent Analphabeten. Doch in Nsara lassen sich immer mehr Leute im Hospital auf HIV testen, sie kennen die Ansteckungsursachen, debattieren über eheliche Treue in einer polygamen Gesellschaft, reden sogar über Kondome (wenn auch nicht mit den Missionsschwestern) und behandeln Infizierte nicht mehr wie Aussätzige. Ein kleines Wunder kirchlicher Missionsarbeit, wäre da nicht die Sache mit den Geistern. HIV/Aids ist im Südsudan, erstens, ein Virus, übertragen durch bestimmte Körperflüssigkeiten. Es ist, zweitens, ein Fluch, verursacht durch böse Kräfte. Wer sich testen lässt und sein Ergebnis offenlegt, wer sich in der Regenbogen-Gemeinde outet, der ist zumindest frei vom Verdacht der Hexerei. Im Namen des Vaters, des Sohnes und vieler Geister – das ist Christentum in Afrika.

Giovanna Calabria tippt auf die Kassette. »Ein totaler Reinfall«, sagt sie. Sie wollten singend über Aids aufklären und dazu noch Geld in die Vereinskasse bringen. Bloß will keiner die Musik kaufen. Die Rhythmen sind zu brav für die Ghettoblaster der Dorfjugend in Nsara, und die Songtitel versprechen auch keine Partylaune. »Das Leben ist hart« heißt das Album. Das muss man den Leuten in Nsara nicht vorsingen. Das wissen sie auch so.

Am nächsten Nachmittag spricht John doch vom Töten. Der Unterricht ist vorbei, er hockt vor dem Missionshaus unter einem Baum, um den Hals das Kreuz, das Schwester Giovanna ihm geschenkt hat. Wir reden über sein Dorf im Kongo, über die Schule, in die er damals ging, und den Bolzplatz in Duru, der nicht so schön war wie der in Nsara, gleich neben dem Missionshaus und der Kirche. Er weiß, dass Giovanna Calabria im Kongo nach seinen Verwandten suchen lässt, aber er will nicht zurück. Um nichts in der Welt. »Hast du keine Sehnsucht nach deinen Eltern?« – »Ich habe Angst, dass man mich bestraft«, sagt er. David, ein einheimischer Missionshelfer, mit dem er sich angefreundet hat, übersetzt aus dem Zande ins Englische.

Er kannte den Mann nicht, den sein LRA-Trupp eines Tages entführte. Wahrscheinlich war es ein Bauer aus einem der umliegenden Dörfer. Offenbar musste er für einige Zeit Proviant und Munition schleppen, gefesselt an andere Gefangene, so wie es dem Jungen in seinen ersten Wochen bei der LRA ergangen war. John weiß nicht, warum der Mann sterben musste, er weiß auch nicht, warum sein Kommandant den Jüngsten im Trupp den Befehl zur Hinrichtung erteilte. Mit Pangas und Knüppeln hätten sie auf den Mann eingeschlagen, sagt er, »und dann hat er irgendwann nicht mehr geschrien«.

John flüstert etwas auf Zande. »Er fürchtet sich vor Rache«, sagt David, »vor der Rache und Strafe Gottes.« Dem Jungen zittern die Mundwinkel, Schwester Giovanna müsste jetzt kommen und ihr Mantra sprechen, aber sie ist außer Rufweite. Also hocken ein frommer Übersetzer und eine atheistische Reporterin vor dem 13-Jährigen und stimmen einen holprigen Kanon an: »Gott hat alles gesehen«, sage ich auf Englisch, David spricht es auf Zande nach, »Gott weiß, dass du kein Mörder bist, er weiß, dass sie dich gezwungen haben. Gott weiß...« John ist in sich zusammengesackt, jede Kraft scheint aus seinem Körper gewichen. Da sei ja nicht nur Gott, sagt er kaum mehr hörbar, sondern auch der Geist des Mannes, den er getötet hat. Was, wenn der ihn nun jagen wird? »Der«, antworten wir, »weiß auch, dass du kein Mörder bist.«

John mache Fortschritte, wird Giovanna Calabria später sagen, die Weinkrämpfe seien weniger geworden, die Wutausbrüche auch. Ein leichter Fall. Sie hat in all den Jahren ehemalige Kindersoldaten betreut, die vier oder fünf Jahre bei der LRA gewesen waren und nach wenigen Monaten zurückwollten zu Kony, den sie einen »gütigen Vater« nannten, zurück zu einem Leben mit der Waffe und dem Gefühl der Allmacht, das sie verleiht.

Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, und betet für die, die Euch verfolgen.

Matthäus-Evangelium, 5, 44.

Kann man für einen wie Kony beten? »Kann man«, sagt Schwester Giovanna. »Ich bete jeden Tag, dass Gott ihn endlich holt.« Egal, wie. Durch Malaria, Herzschlag, einen Schlangenbiss, eine Kugel.

Es gibt Missionsgebiete, in denen sich die Feindesliebe und andere Grundsätze der Bergpredigt leichter vertreten lassen. Zentralafrika, die Schicksalsregion des Comboni-Ordens, gehört nicht dazu. Als Daniel Comboni, Priester aus Verona, 1857 zum ersten Mal den Nil flussaufwärts fuhr, gehörte er zu jener Generation christlicher Missionare, die noch vor der großen Welle der Kolonialisierung ins Innere Afrikas vordrangen – beseelt von der Idee, das Evangelium in eine vermeintlich unberührte Wildnis zu tragen. Aber da hatten Sklaven- und Elfenbeinhändler dank der Schiffbarmachung des Nils die Region bereits geplündert. Comboni geißelte nicht nur die Sklaverei, was damals viele Europäer taten, schließlich profitierten von dem Menschenhandel vor allem muslimische Araber. Der Italiener behauptete auch, dass Afrikaner weder Barbaren noch kindliche Mündel waren, sondern gleichwertige Menschen. Das galt im christlichen Europa des 19. Jahrhunderts als ziemlich kühne These.

Die katholische Kirche beteiligte sich zu dieser Zeit im benachbarten Belgisch-Kongo an einem mörderischen System der Ausbeutung und Christianisierung durch Zwangsarbeit und Zwangstaufe. Im Sudan allerdings, unter türkisch-ägyptischer Verwaltung, ließ sie Comboni gewähren, der die Missionierung unter das Motto »Afrika den Afrikanern« stellte. Er bildete Schwarze, oftmals ehemalige Sklaven, zu Lehrern und Priestern aus. Er forderte Frauen, Afrikanerinnen wie Europäerinnen, dazu auf, Missionsstationen zu gründen. Trotz solch unkonventioneller Ansichten brachte Comboni es bis zum Bischof von Khartoum. Dort starb er 1881, gezeichnet von Malaria und Typhus. »Es ist die Pflicht aller Katholiken, Afrika zu helfen«, sagte er einmal. Dabei träumte er vermutlich von einem sanften Heer lehrender, betender und heilender Missionare, nicht aber von einer kleinen italienischen Ordensschwester, die 130 Jahre später mit wehender Haube auf einem Motorrad mit einer Bürgerwehr über Staubpisten brettert.

Giovanna Calabria wundert sich selbst, wie sie, behütet aufgewachsen im Italien des Wiederaufbaus, im Vertrauen auf Gott mitten hineingeraten ist in die schlimmste Kriegsregion nach 1945. Wer sich für Jahre, manchmal für ein Leben in Zentralafrika verpflichtet, muss sich auskennen mit dem Genozid in Ruanda, dem blutigen Kollaps des Kongo, mit Sudans Bürgerkrieg und Ugandas Rebellionen. Geschätzte sechs bis sieben Millionen Menschen sind an der Gewalt und ihren Folgen gestorben, an Hunger und Seuchen. Jedes Schlachtfeld hat seine historischen Ursachen, und doch hängen sie alle miteinander zusammen. Die Comboni-Missionare wissen oft besser als die meisten UN-Helfer, welche Freiheitskämpfer des einen Landes sich mit dem Diktator des Nachbarstaates verbündet haben, über welche Wege Rohstoffe und Waffen geschmuggelt werden, wo sich welche ethnische Miliz gerade aufhält.

Im ugandischen Gulu, wo Giovanna Calabria bis 2002 arbeitete, erlebte sie den Aufstieg von Joseph Kony, einem ehemaligen Ministranten, der gegen die ugandische Armee kämpft und binnen kurzer Zeit zur Geißel seines eigenen Volkes wird. Die LRA entführt Zehntausende von Kindern und macht sie zu Fußsoldaten oder Bräuten für ihre Kommandanten; sie plündert Dörfer und bestraft »illoyales« Verhalten mit dem Abschneiden von Händen, Füßen, Lippen und Ohren. Die Comboni-Schwestern in Gulu unterrichten derweil weiterhin Englisch, Geografie und Mathematik an ihrer Mädchenschule, soweit deren Schülerinnen nicht entführt werden. Sie betreuen LRA-Rückkehrer, die befreit wurden oder geflohen sind, sie versorgen die Opfer von Strafaktionen. Es gibt Bilder, die bleiben gestochen scharf im Gedächtnis. »Einmal«, sagt Giovanna Calabria, »haben wir sechs junge Männer aufgelesen, drei mit einem blutigen Handstumpf, drei mit einem Beinstumpf.«

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten. Psalm 46, 2.

Kann man Zuversicht in Gott bewahren, wenn man all das gesehen hat? »Manchmal werde ich wütend auf ihn«, sagt Schwester Giovanna. »Sehr wütend.«

Nach ein paar Tagen in Nsara – man hat bereits jedes Zeitgefühl verloren – verkündet Sara Antonini, eine der Missionsschwestern: »Mein Papa kommt in drei Wochen aus Italien.« Familienbesuch in einem Krisengebiet, das klingt riskant. »Ist doch alles ruhig hier«, widerspricht Sara Antonini. Seit Monaten hat es in der Gegend keine LRA-Überfälle mehr gegeben. Die UN-Mission im Südsudan hat zwar Alarm geschlagen, es drohe wieder Krieg zwischen dem gerade erst unabhängig gewordenen Südsudan und dem sudanesischen Regime in Khartoum. Doch die Grenzscharmützel spielen sich über 500 Kilometer entfernt ab. Papa Antonini kann also kommen. Vor ihm liegen einige Tausend Kilometer im Flugzeug, eine Landung auf der Staubpiste in der Provinzhauptstadt Yambio, dann eine halbe Stunde im Geländewagen oder auf dem Rücksitz eines Motorrads bis Nsara, wo er seine Tochter in die Arme schließen kann. »Mein Vater«, sagt Sara Antonini, »weiß schon, was ihn hier erwartet.«

Seit drei Jahren ist sie in Nsara. Sie hat sich an die überfüllten Krankenstationen gewöhnt, an die Verwandten der Patienten, die auf dem Hospitalgelände kampieren, an das Misstrauen der traditionellen Heiler, die ein enzyklopädisches Wissen über Heilpflanzen haben, aber Gelbsucht-Patienten mit Gesichtsbemalung kurieren wollen. Ihre eigenen Malaria-Anfälle steckt sie inzwischen gut weg, die Arbeitstage von 16 Stunden auch, und manchmal nimmt sie den Sonntagnachmittag frei. Wenn es abends für ein paar Stunden Strom aus der Solaranlage gibt und wenn die Internetverbindung funktioniert, rückt die Welt für Sara Antonini und die anderen Missionarinnen ein wenig näher, auf einem Laptop-Bildschirm.

Was wird passieren, wenn die Kraft irgendwann nicht mehr für die Arbeit reicht, wenn das innigste Gebet keine Energie mehr verleiht und der Körper nicht mehr will? »Der Orden«, sagt Sara Antonini, »hat ein Alten- und Pflegeheim für die Schwestern.« Zu Hause in Verona.

»Zu Hause ist hier«, sagt Giovanna Calabria. »Und hier sterbe ich auch.«

2002 hat man sie nach Nsara geschickt, zu einer Zeit, als im Sudan Bürgerkrieg war zwischen dem Süden und dem Norden. Sie tröstete sich damit, »wenigstens nicht mehr die LRA vor der Nase zu haben. Dann tauchten die plötzlich hier auf. Bis vier Kilometer vor Nsara sind sie gekommen.«

Joseph Kony hatte sich 2006 aus Uganda in den benachbarten Kongo zurückgezogen, nunmehr gejagt von UN-Truppen und der ugandischen Armee samt ihren amerikanischen Militärberatern. Die LRA, strategisch reduziert auf den reinen Überlebenskampf, operierte jetzt in kleinen Trupps im Grenzgebiet des Kongo, des Südsudans und der Zentralafrikanischen Republik. Die Menschen flohen in die größeren Städte, mehrere Tausend auch nach Nsara. Die Comboni-Schwestern hielten nun nachts abwechselnd Wache am Fenster, das Mobiltelefon griffbereit. Aber wen ruft man in einer südsudanesischen Kleinstadt bei einem Rebellenüberfall an?

Normalerweise schützen Polizei und Armee die eigene Bevölkerung vor ausländischen Terroristen. Aber die Polizei und die Streitkräfte des Kongo und der Zentralafrikanischen Republik sind, gelinde gesagt, für solche Aufgaben nicht zu gebrauchen. Das südsudanesische Militär, deutlich besser gerüstet, konzentriert sich lieber auf den schwelenden Konflikt mit dem Regime in Khartoum. Also überließ man die Jagd auf die LRA dem ugandischen Militär, das in Nsara einen Stützpunkt einrichten durfte, aber in seinem Verfolgungseifer nachlässt. Die Zande gründeten deshalb eine Bürgerwehr. Mit dem Segen der lokalen Politiker, der mächtigen traditionellen Chiefs und der Kirchen. Allen voran der katholischen. Es sind hagere Männer in abgewetzten Kleidern und Flip-Flops, mit Kalaschnikows und chinesischen Motorrädern. Vor Kurzem brachten sie zwei entführte Kinder zurück – und die abgeschlagene Hand eines getöteten Gegners.

War Jesus nicht gegen Gewalt?

»Jesus«, sagt Giovanna Calabria, »steht für ein Leben in Würde und Respekt. Dazu gehört das Recht, seine Familie zu schützen.«

Für den Abschiedskaffee nach fünf Tagen hat sie den heiligen Espresso-Vorrat angebrochen. Ihr ist noch etwas eingefallen aus ihren Lehrjahren, die Geschichte der zwei Soldaten aus Idi Amins Armee. Deren Trupp hatte sich eines Tages drohend vor der Mission in Gulu aufgebaut, weil die Schwestern Verfolgte verbargen. Etwas an den beiden sei anders gewesen, sagt sie, etwas in ihrem Blick, das sie als Scham interpretierte. Tage später kamen sie heimlich zurück und brachten Essen für die Versteckten. Als es mit Amin zu Ende ging und seine Soldateska in Wut und Panik alles niedermachte, heuerten die Schwestern die beiden als Schutz für die Mission an. »Auch das lernt man«, sagt Giovanna Calabria: »in einer unmenschlichen Situation nach denen zu suchen, die menschlich bleiben wollen.«

Man möchte gern etwas sagen zu dieser Lebensgeschichte, die eigentlich zu viel ist für einen einzelnen Menschen. Aber im Kopf will sich so schnell kein angemessener Satz formen. »Danke fürs Zuhören«, sagt sie und räumt die Kaffeetassen weg.

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