Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!
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Johns Gesicht sagt: Ich habe getötet

Seit sie im Hospital antiretrovirale Medikamente erhalten, haben sich ihre Lebenserwartung und ihr Tatendrang deutlich erhöht. Unter dem Dach der Mission haben sie einen Verein, die Rainbow Community, gegründet, der inzwischen über 500 Mitglieder zählt. An diesem Tag ist ein neuer Vorsitzender zu wählen, Beiträge sind einzutreiben, Mikrokredite zu vergeben, Nachrichten und Klatsch werden ausgetauscht: Wer ist schwanger, wer ist gestorben, wer hat wessen Waisen adoptiert, warum ist der Zucker schon wieder teurer, wer wurde mit wem beim Händchenhalten gesehen. Über 100 Menschen hocken unter einem Wellblechdach, und Giovanna Calabria ist mittendrin, eine kleine Frau mit blassem Gesicht und Brille. Durch das scheppernde Megafon verteilt sie Ratschläge und Bibelexegesen, teils auf Englisch, teils auf Zande, der lokalen Sprache.

Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu. Erster Brief des Petrus, Kapitel 4, Vers 8.

»Ihr wisst, was das heißt: Passt aufeinander auf, haltet zusammen. Gott liebt euch, egal, ob ihr HIV-positiv seid oder Lepra habt.« Lepra? »Gibt’s hier auch«, raunt sie. Sie sucht in der Menge den Hausmeister und Lagerverwalter der Mission, auch er ein »Äitsch-Ei-Wih«, der etwas gegen die Schlangen tun soll, die nachts das Gelände unsicher machen. »Haben Sie schon einmal eine Kobra gesehen?«, fragt sie. Nein. Muss auch nicht sein. So beginnt ein ganz normaler Tag in Nsara.

Der Junge heißt John. Er sitzt an diesem Morgen in der Förderklasse der Missionsschule, und müsste man raten, welches der Kinder schon einmal einen Menschen getötet hat, würde man sofort auf ihn deuten. Da ist eine Versteinerung im Gesicht, ein Aus-der-Welt-gestoßen-Sein, das man von den Halbwüchsigen mit Kalaschnikows an Straßensperren kennt. So eine Waffe hat er getragen, musste sie tragen, wollte es irgendwann wohl auch. Wer eine bekommt, der rückt auf in der Hierarchie der Lord’s Resistance Army, der »Widerstandsarmee des Herrn«, der ist nicht mehr Gefangener, sondern Kämpfer.

»Hello, how are you?«, ruft John im Chor mit den anderen Kindern. An der Tafel stehen englische Vokabeln.

John war elf, als LRA-Rebellen sein Dorf auf der kongolesischen Seite der Grenzregion überfielen, mehrere Bewohner töteten und die Kräftigsten unter den Kindern und Jugendlichen verschleppten. »Die übliche Geschichte«, sagt Giovanna Calabria. John verbrachte ein Jahr bei der LRA. Er wurde offenbar bald vom Gefangenen zum Aufpasser ernannt, musste andere Entführte mit dem Stock schlagen, wenn sie jammerten, durfte irgendwann ein Gewehr tragen und ein Panga. So nennt man hier eine Machete. Mit der hat er getötet. Aber darüber, sagt die Schwester, rede er kaum mehr.

Über Joseph Kony, den Anführer der LRA, weiß John, dass dieser viel Macht hat und alles sieht. Fast wie Gott. Das haben ihm die Kommandanten seines Trupps erzählt. Er selbst hat Kony nie gesehen. Die LRA hat seit Jahren keine festen Stützpunkte mehr, sondern zieht in kleinen unabhängigen Trupps durch den Busch. Auf einem dieser Tagesmärsche geriet Johns Gruppe in eine Schießerei mit Soldaten, er rannte davon und irrte herum, bis ihn Händler aufgriffen und er schließlich in Giovanna Calabrias improvisiertem Therapieprogramm landete. Das besteht aus ordentlicher Verpflegung, Schulbesuch und Strafpredigten, wann immer er in das Gebaren eines bewaffneten Halbstarken zurückfällt. Sonntags lässt sie ihn die Kollekte zählen – eine vertrauensbildende Maßnahme. Und wenn John nach einem seiner Albträume wieder in einen Strudel aus Schuld, Verzweiflung und Panik gerät, wirft sie ihm eine Rettungsleine zu. »Gott sieht alles«, sagt sie dann zu ihm, »Gott hat gesehen, dass sie dich zum Töten gezwungen haben. Gott weiß, dass du kein Mörder bist!« Es ist eine schützende Decke aus Worten, eine Art Mantra, halb gesprochen, halb gebetet, gleichmütig und eindringlich zugleich. Sie hat es bei unzähligen solcher Kinder ausprobiert. »Die meisten«, sagt sie, »beruhigen sich dann.«

Hilfe für 13-jährige Exrebellen steht nicht im Lehrplan des Instituts der Comboni-Schwestern in Verona, Giovanna Calabrias Heimatstadt. Seit über einem Jahrhundert ist sie der Hauptsitz des Ordens. In Calabrias Schulzeit in den fünfziger Jahren waren die Missionarinnen Heldinnen. Frauen, die im Auftrag Gottes, aber ohne Ehemann in eine unbekannte Welt aufbrachen – das klang so fromm wie verheißungsvoll. Zum Missfallen ihres Vaters gelobte Giovanna mit Anfang zwanzig, ihr Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gegenüber dem Orden zu verbringen. Der schickte sie nach ihrer Ausbildung zur Sozialarbeiterin mit 27 Jahren nach Gulu im Norden Ugandas. Das war 1971, ein Armeeoffizier namens Idi Amin hatte sich gerade an die Macht geputscht.

»Lehrjahre« nennt sie diese Zeit. Sie lernte, betrunkene Soldaten anzulächeln, »demütig, aber nie ängstlich«. Sie lernte, wie man politisch Verfolgte tagelang in einem Hühnerstall versteckt und wie man vor einer Polizeisperre so tut, als würde man die verstümmelten Leichen am Straßenrand weder sehen noch riechen.

Idi Amin sympathisierte mit dem Islam und dem Ostblock. Seiner legendären Paranoia und seiner von der ostdeutschen Stasi ausgebildeten Geheimpolizei fielen in den acht Jahren der Diktatur 300.000 Menschen zum Opfer. Besonders gefährdet waren ugandische Kirchenvertreter und das vermeintlich illoyale Volk der Acholi im Norden. Eines der Zentren dort ist die Stadt Gulu.

Es gab damals kein Internet, kein CNN oder Al-Dschasira, niemand berichtete über die Gräueltaten. Es gab nur eine Telefonleitung, die mal funktionierte und mal nicht – und das Gebet, um sich gegenseitig zu stützen, gemeinsam mit den ugandischen Schwestern, den Lehrerinnen und Mädchen der Missionsschule. Giovanna Calabria hätte damals um ihre Ablösung bitten können. Aber das erschien ihr wie Verrat. Also blieb sie, wie die anderen weißen Schwestern auch. Einerseits hemmte ihre Anwesenheit die Gewaltbereitschaft von Amins Soldaten. Andererseits hob sie die Hierarchie der Hautfarben auf. Entweder flohen alle – oder keiner.

Zu fliehen wäre »a waist of manni« gewesen, sagt Giovanna Calabria in ihrem italienisch intonierten Englisch – Geldverschwendung. »Die Rückreise nach einer Evakuierung muss man nämlich selbst bezahlen.«

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