Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!
Seite 3/5:

HIV-Aufklärung - eine gelungene Missionsarbeit in Nsara

Um zwei Uhr nachmittags ist die Temperatur auf 39 Grad gestiegen, die Regenbogen-Gemeinde hat ihren neuen Vorsitzenden gewählt, die Mikrokredite vergeben und ist auf dem Weg nach Hause. Zurück bleibt ein Stapel Musikkassetten. Giovanna Calabria schiebt zwei über den Tisch mit einer Miene, die keine Ablehnung duldet. Ein Geschenk. Das erste Album des Gospelchors der »Äitsch-Ei-Wihs«. Ein Chor von HIV-Positiven im tiefsten afrikanischen Hinterland – das klingt fast zu absonderlich, um wahr zu sein. Der Südsudan hat über 20 Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Gesundheitsaufklärung scheint unmöglich in einem Land ohne Infrastruktur, mit mehr als 70 Prozent Analphabeten. Doch in Nsara lassen sich immer mehr Leute im Hospital auf HIV testen, sie kennen die Ansteckungsursachen, debattieren über eheliche Treue in einer polygamen Gesellschaft, reden sogar über Kondome (wenn auch nicht mit den Missionsschwestern) und behandeln Infizierte nicht mehr wie Aussätzige. Ein kleines Wunder kirchlicher Missionsarbeit, wäre da nicht die Sache mit den Geistern. HIV/Aids ist im Südsudan, erstens, ein Virus, übertragen durch bestimmte Körperflüssigkeiten. Es ist, zweitens, ein Fluch, verursacht durch böse Kräfte. Wer sich testen lässt und sein Ergebnis offenlegt, wer sich in der Regenbogen-Gemeinde outet, der ist zumindest frei vom Verdacht der Hexerei. Im Namen des Vaters, des Sohnes und vieler Geister – das ist Christentum in Afrika.

Giovanna Calabria tippt auf die Kassette. »Ein totaler Reinfall«, sagt sie. Sie wollten singend über Aids aufklären und dazu noch Geld in die Vereinskasse bringen. Bloß will keiner die Musik kaufen. Die Rhythmen sind zu brav für die Ghettoblaster der Dorfjugend in Nsara, und die Songtitel versprechen auch keine Partylaune. »Das Leben ist hart« heißt das Album. Das muss man den Leuten in Nsara nicht vorsingen. Das wissen sie auch so.

Anzeige

Am nächsten Nachmittag spricht John doch vom Töten. Der Unterricht ist vorbei, er hockt vor dem Missionshaus unter einem Baum, um den Hals das Kreuz, das Schwester Giovanna ihm geschenkt hat. Wir reden über sein Dorf im Kongo, über die Schule, in die er damals ging, und den Bolzplatz in Duru, der nicht so schön war wie der in Nsara, gleich neben dem Missionshaus und der Kirche. Er weiß, dass Giovanna Calabria im Kongo nach seinen Verwandten suchen lässt, aber er will nicht zurück. Um nichts in der Welt. »Hast du keine Sehnsucht nach deinen Eltern?« – »Ich habe Angst, dass man mich bestraft«, sagt er. David, ein einheimischer Missionshelfer, mit dem er sich angefreundet hat, übersetzt aus dem Zande ins Englische.

Er kannte den Mann nicht, den sein LRA-Trupp eines Tages entführte. Wahrscheinlich war es ein Bauer aus einem der umliegenden Dörfer. Offenbar musste er für einige Zeit Proviant und Munition schleppen, gefesselt an andere Gefangene, so wie es dem Jungen in seinen ersten Wochen bei der LRA ergangen war. John weiß nicht, warum der Mann sterben musste, er weiß auch nicht, warum sein Kommandant den Jüngsten im Trupp den Befehl zur Hinrichtung erteilte. Mit Pangas und Knüppeln hätten sie auf den Mann eingeschlagen, sagt er, »und dann hat er irgendwann nicht mehr geschrien«.

John flüstert etwas auf Zande. »Er fürchtet sich vor Rache«, sagt David, »vor der Rache und Strafe Gottes.« Dem Jungen zittern die Mundwinkel, Schwester Giovanna müsste jetzt kommen und ihr Mantra sprechen, aber sie ist außer Rufweite. Also hocken ein frommer Übersetzer und eine atheistische Reporterin vor dem 13-Jährigen und stimmen einen holprigen Kanon an: »Gott hat alles gesehen«, sage ich auf Englisch, David spricht es auf Zande nach, »Gott weiß, dass du kein Mörder bist, er weiß, dass sie dich gezwungen haben. Gott weiß...« John ist in sich zusammengesackt, jede Kraft scheint aus seinem Körper gewichen. Da sei ja nicht nur Gott, sagt er kaum mehr hörbar, sondern auch der Geist des Mannes, den er getötet hat. Was, wenn der ihn nun jagen wird? »Der«, antworten wir, »weiß auch, dass du kein Mörder bist.«

John mache Fortschritte, wird Giovanna Calabria später sagen, die Weinkrämpfe seien weniger geworden, die Wutausbrüche auch. Ein leichter Fall. Sie hat in all den Jahren ehemalige Kindersoldaten betreut, die vier oder fünf Jahre bei der LRA gewesen waren und nach wenigen Monaten zurückwollten zu Kony, den sie einen »gütigen Vater« nannten, zurück zu einem Leben mit der Waffe und dem Gefühl der Allmacht, das sie verleiht.

Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, und betet für die, die Euch verfolgen.

Matthäus-Evangelium, 5, 44.

Kann man für einen wie Kony beten? »Kann man«, sagt Schwester Giovanna. »Ich bete jeden Tag, dass Gott ihn endlich holt.« Egal, wie. Durch Malaria, Herzschlag, einen Schlangenbiss, eine Kugel.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Idi Amin | Kongo | Italien | Malaria | Sudan | Uganda
    Service