Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!
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Comboni missionierte unter dem Motto »Afrika den Afrikanern«

Es gibt Missionsgebiete, in denen sich die Feindesliebe und andere Grundsätze der Bergpredigt leichter vertreten lassen. Zentralafrika, die Schicksalsregion des Comboni-Ordens, gehört nicht dazu. Als Daniel Comboni, Priester aus Verona, 1857 zum ersten Mal den Nil flussaufwärts fuhr, gehörte er zu jener Generation christlicher Missionare, die noch vor der großen Welle der Kolonialisierung ins Innere Afrikas vordrangen – beseelt von der Idee, das Evangelium in eine vermeintlich unberührte Wildnis zu tragen. Aber da hatten Sklaven- und Elfenbeinhändler dank der Schiffbarmachung des Nils die Region bereits geplündert. Comboni geißelte nicht nur die Sklaverei, was damals viele Europäer taten, schließlich profitierten von dem Menschenhandel vor allem muslimische Araber. Der Italiener behauptete auch, dass Afrikaner weder Barbaren noch kindliche Mündel waren, sondern gleichwertige Menschen. Das galt im christlichen Europa des 19. Jahrhunderts als ziemlich kühne These.

Die katholische Kirche beteiligte sich zu dieser Zeit im benachbarten Belgisch-Kongo an einem mörderischen System der Ausbeutung und Christianisierung durch Zwangsarbeit und Zwangstaufe. Im Sudan allerdings, unter türkisch-ägyptischer Verwaltung, ließ sie Comboni gewähren, der die Missionierung unter das Motto »Afrika den Afrikanern« stellte. Er bildete Schwarze, oftmals ehemalige Sklaven, zu Lehrern und Priestern aus. Er forderte Frauen, Afrikanerinnen wie Europäerinnen, dazu auf, Missionsstationen zu gründen. Trotz solch unkonventioneller Ansichten brachte Comboni es bis zum Bischof von Khartoum. Dort starb er 1881, gezeichnet von Malaria und Typhus. »Es ist die Pflicht aller Katholiken, Afrika zu helfen«, sagte er einmal. Dabei träumte er vermutlich von einem sanften Heer lehrender, betender und heilender Missionare, nicht aber von einer kleinen italienischen Ordensschwester, die 130 Jahre später mit wehender Haube auf einem Motorrad mit einer Bürgerwehr über Staubpisten brettert.

Giovanna Calabria wundert sich selbst, wie sie, behütet aufgewachsen im Italien des Wiederaufbaus, im Vertrauen auf Gott mitten hineingeraten ist in die schlimmste Kriegsregion nach 1945. Wer sich für Jahre, manchmal für ein Leben in Zentralafrika verpflichtet, muss sich auskennen mit dem Genozid in Ruanda, dem blutigen Kollaps des Kongo, mit Sudans Bürgerkrieg und Ugandas Rebellionen. Geschätzte sechs bis sieben Millionen Menschen sind an der Gewalt und ihren Folgen gestorben, an Hunger und Seuchen. Jedes Schlachtfeld hat seine historischen Ursachen, und doch hängen sie alle miteinander zusammen. Die Comboni-Missionare wissen oft besser als die meisten UN-Helfer, welche Freiheitskämpfer des einen Landes sich mit dem Diktator des Nachbarstaates verbündet haben, über welche Wege Rohstoffe und Waffen geschmuggelt werden, wo sich welche ethnische Miliz gerade aufhält.

Im ugandischen Gulu, wo Giovanna Calabria bis 2002 arbeitete, erlebte sie den Aufstieg von Joseph Kony, einem ehemaligen Ministranten, der gegen die ugandische Armee kämpft und binnen kurzer Zeit zur Geißel seines eigenen Volkes wird. Die LRA entführt Zehntausende von Kindern und macht sie zu Fußsoldaten oder Bräuten für ihre Kommandanten; sie plündert Dörfer und bestraft »illoyales« Verhalten mit dem Abschneiden von Händen, Füßen, Lippen und Ohren. Die Comboni-Schwestern in Gulu unterrichten derweil weiterhin Englisch, Geografie und Mathematik an ihrer Mädchenschule, soweit deren Schülerinnen nicht entführt werden. Sie betreuen LRA-Rückkehrer, die befreit wurden oder geflohen sind, sie versorgen die Opfer von Strafaktionen. Es gibt Bilder, die bleiben gestochen scharf im Gedächtnis. »Einmal«, sagt Giovanna Calabria, »haben wir sechs junge Männer aufgelesen, drei mit einem blutigen Handstumpf, drei mit einem Beinstumpf.«

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten. Psalm 46, 2.

Kann man Zuversicht in Gott bewahren, wenn man all das gesehen hat? »Manchmal werde ich wütend auf ihn«, sagt Schwester Giovanna. »Sehr wütend.«

Nach ein paar Tagen in Nsara – man hat bereits jedes Zeitgefühl verloren – verkündet Sara Antonini, eine der Missionsschwestern: »Mein Papa kommt in drei Wochen aus Italien.« Familienbesuch in einem Krisengebiet, das klingt riskant. »Ist doch alles ruhig hier«, widerspricht Sara Antonini. Seit Monaten hat es in der Gegend keine LRA-Überfälle mehr gegeben. Die UN-Mission im Südsudan hat zwar Alarm geschlagen, es drohe wieder Krieg zwischen dem gerade erst unabhängig gewordenen Südsudan und dem sudanesischen Regime in Khartoum. Doch die Grenzscharmützel spielen sich über 500 Kilometer entfernt ab. Papa Antonini kann also kommen. Vor ihm liegen einige Tausend Kilometer im Flugzeug, eine Landung auf der Staubpiste in der Provinzhauptstadt Yambio, dann eine halbe Stunde im Geländewagen oder auf dem Rücksitz eines Motorrads bis Nsara, wo er seine Tochter in die Arme schließen kann. »Mein Vater«, sagt Sara Antonini, »weiß schon, was ihn hier erwartet.«

Seit drei Jahren ist sie in Nsara. Sie hat sich an die überfüllten Krankenstationen gewöhnt, an die Verwandten der Patienten, die auf dem Hospitalgelände kampieren, an das Misstrauen der traditionellen Heiler, die ein enzyklopädisches Wissen über Heilpflanzen haben, aber Gelbsucht-Patienten mit Gesichtsbemalung kurieren wollen. Ihre eigenen Malaria-Anfälle steckt sie inzwischen gut weg, die Arbeitstage von 16 Stunden auch, und manchmal nimmt sie den Sonntagnachmittag frei. Wenn es abends für ein paar Stunden Strom aus der Solaranlage gibt und wenn die Internetverbindung funktioniert, rückt die Welt für Sara Antonini und die anderen Missionarinnen ein wenig näher, auf einem Laptop-Bildschirm.

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