Kindersoldaten im SüdsudanGiovanna, hilf!
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Bis vier Kilometer vor das Dorf kamen die Rebellen

Was wird passieren, wenn die Kraft irgendwann nicht mehr für die Arbeit reicht, wenn das innigste Gebet keine Energie mehr verleiht und der Körper nicht mehr will? »Der Orden«, sagt Sara Antonini, »hat ein Alten- und Pflegeheim für die Schwestern.« Zu Hause in Verona.

»Zu Hause ist hier«, sagt Giovanna Calabria. »Und hier sterbe ich auch.«

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2002 hat man sie nach Nsara geschickt, zu einer Zeit, als im Sudan Bürgerkrieg war zwischen dem Süden und dem Norden. Sie tröstete sich damit, »wenigstens nicht mehr die LRA vor der Nase zu haben. Dann tauchten die plötzlich hier auf. Bis vier Kilometer vor Nsara sind sie gekommen.«

Joseph Kony hatte sich 2006 aus Uganda in den benachbarten Kongo zurückgezogen, nunmehr gejagt von UN-Truppen und der ugandischen Armee samt ihren amerikanischen Militärberatern. Die LRA, strategisch reduziert auf den reinen Überlebenskampf, operierte jetzt in kleinen Trupps im Grenzgebiet des Kongo, des Südsudans und der Zentralafrikanischen Republik. Die Menschen flohen in die größeren Städte, mehrere Tausend auch nach Nsara. Die Comboni-Schwestern hielten nun nachts abwechselnd Wache am Fenster, das Mobiltelefon griffbereit. Aber wen ruft man in einer südsudanesischen Kleinstadt bei einem Rebellenüberfall an?

Normalerweise schützen Polizei und Armee die eigene Bevölkerung vor ausländischen Terroristen. Aber die Polizei und die Streitkräfte des Kongo und der Zentralafrikanischen Republik sind, gelinde gesagt, für solche Aufgaben nicht zu gebrauchen. Das südsudanesische Militär, deutlich besser gerüstet, konzentriert sich lieber auf den schwelenden Konflikt mit dem Regime in Khartoum. Also überließ man die Jagd auf die LRA dem ugandischen Militär, das in Nsara einen Stützpunkt einrichten durfte, aber in seinem Verfolgungseifer nachlässt. Die Zande gründeten deshalb eine Bürgerwehr. Mit dem Segen der lokalen Politiker, der mächtigen traditionellen Chiefs und der Kirchen. Allen voran der katholischen. Es sind hagere Männer in abgewetzten Kleidern und Flip-Flops, mit Kalaschnikows und chinesischen Motorrädern. Vor Kurzem brachten sie zwei entführte Kinder zurück – und die abgeschlagene Hand eines getöteten Gegners.

War Jesus nicht gegen Gewalt?

»Jesus«, sagt Giovanna Calabria, »steht für ein Leben in Würde und Respekt. Dazu gehört das Recht, seine Familie zu schützen.«

Für den Abschiedskaffee nach fünf Tagen hat sie den heiligen Espresso-Vorrat angebrochen. Ihr ist noch etwas eingefallen aus ihren Lehrjahren, die Geschichte der zwei Soldaten aus Idi Amins Armee. Deren Trupp hatte sich eines Tages drohend vor der Mission in Gulu aufgebaut, weil die Schwestern Verfolgte verbargen. Etwas an den beiden sei anders gewesen, sagt sie, etwas in ihrem Blick, das sie als Scham interpretierte. Tage später kamen sie heimlich zurück und brachten Essen für die Versteckten. Als es mit Amin zu Ende ging und seine Soldateska in Wut und Panik alles niedermachte, heuerten die Schwestern die beiden als Schutz für die Mission an. »Auch das lernt man«, sagt Giovanna Calabria: »in einer unmenschlichen Situation nach denen zu suchen, die menschlich bleiben wollen.«

Man möchte gern etwas sagen zu dieser Lebensgeschichte, die eigentlich zu viel ist für einen einzelnen Menschen. Aber im Kopf will sich so schnell kein angemessener Satz formen. »Danke fürs Zuhören«, sagt sie und räumt die Kaffeetassen weg.

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