Die Generalsekretärin der italienischen Gewerkschaft General Confederation of Labour (CGIL), Susanna Camusso © Alessandro Bianchi / Reuters

Auf die mächtigste Frau Italiens blickt ein wuchtiger Männerkopf herab. Es ist das Porträt des ersten Gewerkschaftschefs der CGIL nach dem Faschismus, Giuseppe Di Vittorio. Der hätte es allerdings gehasst, als Ölbild über dem Schreibtisch von Susanna Camusso zu hängen. Denn das Werk des Malers Carlo Levi hatte in seinen Augen einen ehrenrührigen Makel: Es zeigte den kommunistischen Gewerkschafter ohne Krawatte. Der Künstler musste noch mal ran – und nahm Rache. Er porträtierte Di Vittorio so hässlich, wie es ihm möglich war, die Augen quollen hervor wie bei einer Kröte. Aber die Krawatte saß tadellos. Erst nach seinem Tod förderten die Genossen das ursprüngliche Porträt wieder zutage.

Es sind Geschichten wie aus einer anderen Welt, als es in Italien noch die stärkste kommunistische Partei des Westens gab und die mit ihr verbündete CGIL den Klassenkampf und nicht etwa Tarifkonflikte austrug.

Susanna Camusso, 57 Jahre alt und seit etwas mehr als zwei Jahren an der Spitze der mit mehr als 5,5 Millionen Mitgliedern größten italienischen Gewerkschaft, ist parteilos. Sie kann bei Demonstrationen röhren wie eine Propagandistin, aber im Interview ist sie sanft und spricht so leise, dass man die Ohren spitzen muss, um sie zu verstehen; wenn auf ihrem iPhone ein Anruf eingeht, ertönt Bob Dylans Blowin’ in the Wind.

Nach eigener Einschätzung hat Camussos Büro einen der schönsten Ausblicke Roms, vom großen Fenster am Schreibtisch sieht man den sonnendurchfluteten Pinienpark der Villa Borghese. Während des Interviews greift Susanna Camusso immer wieder zur Zigarette. Gibt es bei den italienischen Gewerkschaften etwa kein Rauchverbot? Doch, sagt Susanna Camusso und lacht, »aber das hier ist ein Privatbüro«.

DIE ZEIT: Signora Camusso, wer ist heute der größte Feind der Arbeiter und kleinen Angestellten in Italien?

Susanna Camusso: Die Arbeitslosigkeit! Wir reden über ein Land, in dem sich seit drei, vier Jahren nichts mehr bewegt, in dem die Arbeitslosigkeit wächst, vor allem unter den jungen Leuten, die deshalb ein kollektives Schuldgefühl mit sich herumschleppen. Aber Schuldgefühle machen die Sache noch schlimmer.

ZEIT: Offiziell liegt die Quote der Jugendarbeitslosigkeit bei 36 Prozent.

Camusso: Ja, aber in Wirklichkeit ist die Zahl höher. Menschen, die die Jobsuche längst aufgegeben haben, tauchen zum Beispiel gar nicht in der Statistik auf, das gilt vor allem für Frauen und Süditaliener. Inzwischen machen viele Menschen kein Hehl mehr daraus, dass sie resigniert haben. Gleichzeitig wächst die Schattenwirtschaft.

ZEIT: Jedem, der nach Italien in den Urlaub fährt, fällt auf: Viele Jobs werden bei Ihnen von Ausländern übernommen. Sind sich die Italiener für manche Arbeiten auch zu schade?

Camusso: Zum Teil, ja. »Zu schade« ist natürlich ein heikler Begriff. In letzter Zeit wird viel über die Statistik diskutiert, nach der italienische Frauen wieder als Haushaltshilfe arbeiten, als badanti, wie das bei uns bedauerlicherweise heißt.

ZEIT: Wieso bedauerlicherweise? Badanti kommt doch von badare, aufpassen.

Camusso: Es ist eine Bezeichnung, die man sich vor allem für die in der Altenpflege tätigen Immigranten ausgedacht hat. In Italien herrscht nach wie vor eine Arbeitshierarchie, die in anderen Ländern ihresgleichen sucht: Manche qualifizierte Arbeit gilt ganz einfach als anspruchslos. Dazu gehört alles, was mit Betreuung und Pflege zu tun hat und früher zur unbezahlten Hausarbeit zählte, die traditionell von Frauen verrichtet wurde.

ZEIT: Sie haben gesagt, der Hauptfeind der Arbeitnehmer sei die Arbeitslosigkeit. Hätte die Antwort vieler Gewerkschafter früher nicht gelautet: Der Hauptfeind ist der Fabrikherr?

Camusso: In einem Land, das sich hauptsächlich aus Klein- und Kleinstbetrieben zusammensetzt, spielt die Figur des Fabrikherrn kaum noch eine Rolle. Es steht allerdings außer Frage, dass sich viele unserer Unternehmer nicht um den Verfall der italienischen Industriegesellschaft scheren. Seit rund zwanzig Jahren hat es für mich in Italien keine nennenswerten Investitionen mehr gegeben, die Gewinne schöpfen zunehmend andere ab.

ZEIT: Nicht nur von Unternehmern in Italien hört man aber immer wieder, dass die Gewerkschaften ein wichtiger Grund dafür sind, dass kaum noch investiert wird.

Camusso: Die uralte Leier! Das ist doch Unsinn. In Wirklichkeit bedeutete der große wirtschaftliche Umbruch in den achtziger Jahren, die erste digitale Revolution, für Italien eine wettbewerbsbedingte Abwertung: Während die Welt sich in technologischen Neuerungen und bahnbrechenden Veränderungen übertraf, hat unser Land sich selbst herabgestuft und die Abwertung der Lira als Wettbewerbselement benutzt. Als man dann einmütig beschloss, dem Euro beizutreten – das war das letzte große Anliegen, das vom ganzen Land rückhaltlos mitgetragen wurde –, wurde dieses Wettbewerbselement wirkungslos. Dadurch wurde der Wert der Arbeit herabgemindert. Nicht von ungefähr sind wir in punkto Gehälter auf dem vorletzten Platz in Europa. Nach uns kommt nur noch Griechenland.

ZEIT: Was verdient denn zum Beispiel ein normaler Fiat-Arbeiter?

Camusso: Ein normaler Fiat-Arbeiter, der seine zwei Schichten macht, was in den alten Werken der Durchschnitt ist, kommt mit Ach und Krach auf 1.200 Euro netto.