Als Kind war ich oft bei meinen Großeltern auf dem Dorf. Direkt neben dem Haus war eine Kuhweide. Ich habe den Kühen Namen gegeben, sie gefüttert, mit ihnen gesprochen, wie Kinder das halt tun. Als ich sieben Jahre alt war, begriff ich, dass sie das Fleisch sind, das man später auf dem Teller vorfindet. Von dem Moment an konnte ich kein Fleisch mehr essen.

Für mich sind Tiere Mitgeschöpfe. Sie sind nicht irgendwas, dessen wir uns einfach bedienen und dem wir alle kreatürliche Würde absprechen können. Die Erde ist auch ihr Planet. Meine Traumvorstellung ist eine Welt, in der Tiere als Lebewesen respektiert werden. Das klingt eigentlich ganz normal. Was sollen sie denn sonst sein, wenn nicht Lebewesen? Aber das bedeutet auch: Es sind Geschöpfe, die fühlen und Schmerz empfinden, sie kennen Angst und Freude. Doch so werden sie nicht behandelt.

Damit meine ich nicht in erster Linie das Töten und Essen, sondern das, was vorher passiert. In der Massentierhaltung, bei den Transporten quer durch Europa, in Container gepfercht, ohne Wasser, schreiend in der Hitze. Dabei ist egal, wenn das Tier schließlich halb tot aus dem Transporter geschleift wird. Da es nur noch Ware ist, erscheint es zu aufwendig, ihm das Geringste zukommen zu lassen. Mir hat noch niemand erklärt, woher sich das Recht ableitet, andere Wesen in dieser Art zu behandeln. Niemand kann mir sagen, dass das richtig sei, jeder findet das schlimm. Aber wir als Verbraucher sind es, die es geschehen lassen. Durch unsere Nachfrage. Wenn das Fleisch abgepackt im Supermarkt liegt, scheint es eine saubere Sache zu sein. Trotzdem, der Wahnsinn dahinter fällt auch auf uns zurück; durch all die Medikamente und Giftstoffe ist Fleisch nicht einmal mehr ein gesundes Nahrungsmittel.

Berge von Fleisch und Butter werden weggeworfen. Wir produzieren viel mehr, als verkauft wird. Die Überproduktion wird mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen gerechtfertigt. In den Fleischfabriken jedoch braucht man immer weniger Personal. Das meiste geschieht maschinell. Die technische Überwachung der Abläufe wird manchmal nur noch von einem einzigen Menschen wahrgenommen.

Artgerecht heißt zunächst, dass eine Kuh auf eine Weide gehört. Und nicht ihr ganzes Leben festgekettet auf ein paar Quadratmetern im Stall verbringt. Abgesehen davon, dass ich das Schlachten grausam finde – kann es nicht wenigstens in der heimatlichen Umgebung des Tieres passieren, ohne die Qualen des Transports?

Es gibt wenige Dinge im Leben, die man unstrittig behaupten kann, aber in dem Punkt bin ich sicher: So behandelt man ein lebendes Wesen nicht. Ich bin umgeben von Menschen, die das genauso sehen und dennoch keinerlei Konsequenzen daraus ziehen. Ich will niemandem den Genuss an seinem Steak nehmen. Ich verlange nicht, dass alle Menschen Vegetarier werden. Aber könnte es nicht so gehen, dass man Tiere dabei nicht so schrecklich quält?

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