Charlotte Link"In meiner Traumvorstellung werden Tiere als Lebewesen respektiert"

von Ralph Geisenhanslüke

Als Kind war ich oft bei meinen Großeltern auf dem Dorf. Direkt neben dem Haus war eine Kuhweide. Ich habe den Kühen Namen gegeben, sie gefüttert, mit ihnen gesprochen, wie Kinder das halt tun. Als ich sieben Jahre alt war, begriff ich, dass sie das Fleisch sind, das man später auf dem Teller vorfindet. Von dem Moment an konnte ich kein Fleisch mehr essen.

Für mich sind Tiere Mitgeschöpfe. Sie sind nicht irgendwas, dessen wir uns einfach bedienen und dem wir alle kreatürliche Würde absprechen können. Die Erde ist auch ihr Planet. Meine Traumvorstellung ist eine Welt, in der Tiere als Lebewesen respektiert werden. Das klingt eigentlich ganz normal. Was sollen sie denn sonst sein, wenn nicht Lebewesen? Aber das bedeutet auch: Es sind Geschöpfe, die fühlen und Schmerz empfinden, sie kennen Angst und Freude. Doch so werden sie nicht behandelt.

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Damit meine ich nicht in erster Linie das Töten und Essen, sondern das, was vorher passiert. In der Massentierhaltung, bei den Transporten quer durch Europa, in Container gepfercht, ohne Wasser, schreiend in der Hitze. Dabei ist egal, wenn das Tier schließlich halb tot aus dem Transporter geschleift wird. Da es nur noch Ware ist, erscheint es zu aufwendig, ihm das Geringste zukommen zu lassen. Mir hat noch niemand erklärt, woher sich das Recht ableitet, andere Wesen in dieser Art zu behandeln. Niemand kann mir sagen, dass das richtig sei, jeder findet das schlimm. Aber wir als Verbraucher sind es, die es geschehen lassen. Durch unsere Nachfrage. Wenn das Fleisch abgepackt im Supermarkt liegt, scheint es eine saubere Sache zu sein. Trotzdem, der Wahnsinn dahinter fällt auch auf uns zurück; durch all die Medikamente und Giftstoffe ist Fleisch nicht einmal mehr ein gesundes Nahrungsmittel.

Charlotte Link

49, begann bereits als Jugendliche mit dem Schreiben. Mit über 20 Millionen verkauften Büchern zählt sie heute zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern. Die Verfilmung ihres Romans Das andere Kind wird diese Woche in der ARD ausgestrahlt.

Berge von Fleisch und Butter werden weggeworfen. Wir produzieren viel mehr, als verkauft wird. Die Überproduktion wird mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen gerechtfertigt. In den Fleischfabriken jedoch braucht man immer weniger Personal. Das meiste geschieht maschinell. Die technische Überwachung der Abläufe wird manchmal nur noch von einem einzigen Menschen wahrgenommen.

Artgerecht heißt zunächst, dass eine Kuh auf eine Weide gehört. Und nicht ihr ganzes Leben festgekettet auf ein paar Quadratmetern im Stall verbringt. Abgesehen davon, dass ich das Schlachten grausam finde – kann es nicht wenigstens in der heimatlichen Umgebung des Tieres passieren, ohne die Qualen des Transports?

Ich habe einen Traum
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Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Es gibt wenige Dinge im Leben, die man unstrittig behaupten kann, aber in dem Punkt bin ich sicher: So behandelt man ein lebendes Wesen nicht. Ich bin umgeben von Menschen, die das genauso sehen und dennoch keinerlei Konsequenzen daraus ziehen. Ich will niemandem den Genuss an seinem Steak nehmen. Ich verlange nicht, dass alle Menschen Vegetarier werden. Aber könnte es nicht so gehen, dass man Tiere dabei nicht so schrecklich quält?

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Leserkommentare
    • aeterna
    • 06. Januar 2013 17:18 Uhr

    Es sollte im Grunde selbstverständlich sein, dass man auch Tiere als seine Mitgeschöpfe respektiert, das gleiche Recht steht aber ebenso den Pflanzen zu ... Doch da werden Sie noch weniger auf Gegenliebe stoßen, weil diese Lebewesen nun einmal kein Angesicht haben - wie Tiere und Menschen.
    Ich denke:
    Würden nicht wenige Menschen nicht so gleichgültig
    oder sogar recht negativ gegenüber ihrer eigenen Kreatur gegenüberstehen, dann wäre auch den anderen Mitgeschöpfen schon ein wenig geholfen.
    Sind diese besagten Menschen vielleicht auch nicht die gleichen,
    die völlig gedanken- bis geradezu respektlos mit (ih-
    ren) Tieren umgehen?
    Nur mal eine überlegenswerte Frage ...

    2 Leserempfehlungen
  1. gigantischer werdenden Verbrechen an Tieren geächtet UND beendet werden.
    Ich zähle Fische ausdrücklich dazu-----------
    und ich fände es schön, wenn die Zeitungen für ihre Koch-Blogs und Essens-Kolumnen mal vegetarische und vegane Köche engagierten.

    2 Leserempfehlungen
    • Sambi
    • 06. Januar 2013 22:46 Uhr

    endlich einmal einen Traum zu lesen, der auch mein Traum ist.

    Würden die Menschen doch begreifen, dass es ein großes Unrecht ist, was wir den Tieren Tag für Tag antun.
    Und dabei ist es gar nicht nötig, Tiere und Tierprodukte zu essen, um gesund zu sein, ja es ist sogar die gesündeste Ernährung der Welt.

    Danke für diesen Traum. Ich hoffe, er wird eines nahen Tages wahr!

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  2. Das scheinheiligste, was ich seit langem gelesen habe.

    Eine Leserempfehlung
  3. Im Juli 2012 kam es in Cambridge zu einer bemerkenswerten Erklärung, unterschrieben von dn führenden Neurowissenschaftlern mit Ehrengast Stephen Hawkin: Das Bewusstsein von Säugetieren und Vögeln entspricht dem Bewusstsein des Tieres Mensch. Doch welcher Mensch versucht sich vorzustellen, was das bedeutet? Ich vermute, es haben nur sehr wenige davon gehört, denn ansonsten müsste es eine weltweite Schockwelle ausgelöst haben.
    Mein Traum endet nicht am Stacheldrahtzaun einer Kuhweide, auf der viel zu junge Kuhmütter stehen und mitunter tagelang, nächtelang klagend schreien, weil man ihnen ihre Babys weggenommen hat, damit erwachsene Menschen sich diese Babynahrung einverleiben können. Ob gesund oder ungesund, nach neuesten Erkenntnissen eher letzteres. Vor allem für die Umwelt hat die Milchproduktion katastrophale Folgen, die sich in naher Zukunft fatal bemerkbar machen werden. Nach der Tortur - was gibt es schlimmeres für eine Mutter, als dass man ihr das Kind wegnimmt? - wird die Kuh am Ende auch noch - zum Dank? - grausamst umgebracht. Und all das tolerieren wir, obwohl wir wissen, dass ihr Bewusstsein, die Wahrnehmung dessen, was mit ihnen geschieht, unserer Wahrnehmung entspricht.
    Kühe auf grünen Wiesen sollen uns eine heile Welt vorgaukeln. (Wir leben gegenüber einer Kuhweide und wissen deshalb, dass das Gegenteil der Fall ist.)
    Nachdem wir uns der Tiere wegen für eine vegane Lebensweise entschieden hatten, waren wir erstaunt, wie einfach das geht. Es ist nur der Kopf!

    2 Leserempfehlungen
  4. "In den Fleischfabriken jedoch braucht man immer weniger Personal. Das meiste geschieht maschinell.", zweigt nur, daß er in letzter Zeit nicht in einer wirklich modernen und großen Fleischfabrik war: Das ist mit die (fach!-)personalaufwendigste Produktion, die man sich vorstellen kann. In einer vor wenigen Monaten eröffnetenrichtig großen Fabrik im Badischen, die hunderte von Supermärkten beliefert, arbeiten 800 Leute gleichermaßen handwerklich, nur mit dem Unterschied, daß eben die Arbeitsschritte verteilt sind.
    Es geht hygienisch sauber zu, und die Fleisch- und Wurstwaren sind vom handwerklichen und vom geschmacklichen Standpunkt nicht zu beanstanden. Wenn man dann aber erfährt, daß an den "Zerlegelinien" pro Stunde 400 (angelieferte, es ist kein Schlachthof) Schweine verarbeitet werden, ist man schon froh, einschlägige Einkäufe schon seit langem nur bei wenigen Bio-Bauern des Vertrauens zu tätigen.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Berg | Dorf | Essen | Fleisch | Massentierhaltung | Medikament
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