Dezember ist ein guter Monat für Aufstände in Indien. Es ist kühl. Der Zorn der Demonstranten wird nicht durch Hitze gelähmt. Ob es in der Nachkriegszeit die vielen Märsche der entrechteten Bauern auf Delhi waren oder die Massenproteste gegen Korruption vor einem Jahr – es geschah immer zur kühlen Jahreszeit. Die Behörden hätten also gewarnt sein müssen, doch sie wurden von den Ereignissen völlig überrascht. Plötzlich war das ganze Land in Aufruhr – wegen einer Vergewaltigung. Aus Sicht der Behörden ist das schwer zu verstehen: 660 angezeigte Vergewaltigungen gibt es in Delhi im Jahr. Als die Polizei die Meldung von einer 23-jährigen Physiotherapeutin erreichte, die missbraucht worden war, verharrte sie in der üblichen Routine. Alltag. Nichts weiter. Doch diesmal war etwas anders, diesmal sprang eine Funke über, der das ganze Land in einen Zustand der moralischen Revolte versetzte. Wie ist das möglich?

Da ist einmal die besondere Brutalität, mit der diese Studentin missbraucht wurde. Die junge Frau hatte mit einem Freund ein Kino in Saket besucht, jenem ersten modernen Kaufhauskomplex, den jeder in Delhi kennt. Die beiden warten an einer viel frequentierten Haltestelle auf den Bus, der sie nach Hause bringen soll. Es ist halb zehn Uhr abends. Ein Schulbus hält an, es ist nicht der normale Linienbus, aber der Fahrer winkt und bietet eine Mitfahrgelegenheit. Die beiden steigen ahnungslos ein – drinnen warten sechs Männer. Einer ist der Schulbusfahrer, ein anderer ist Trainer in einem Fitnessstudio, ein dritter ist noch minderjährig, über die anderen weiß man nichts. Wahrscheinlich sind sie im ähnlichen Alter wie die Studentin, wahrscheinlich stammte auch einer von ihnen aus Uttar Pradesh, Indiens größtem, armem Bundesstaat vor der Haustür Delhis.

Die Studentin jedenfalls war von dort. Sie kam aus einem bettelarmen Dorf und hatte sich ihren Studienplatz schwer erkämpft. In dem Aufstiegswillen dieser jungen Frau können sich Millionen Inderinnen wiedererkennen – und sie kennen auch die Gefährdungen und die Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind, die unabhängig vom Mann Karriere machen wollen, die brechen wollen mit einer Tradition, die sie in Ketten legt. Für diese Frauen ist es ein langer, steiniger Weg vom Dorf in die Stadt. Die Gleichberechtigung war in Indien bis heute nie ein gesellschaftlich relevantes Thema. Es war keine Frage, an der sich eine politische Massenbewegung entzünden konnte. Selbst Mahatma Gandhi war kein großer Freund von ihr. So ist in den Köpfen der Männer vieles beim Alten geblieben, aber die Frauen zieht es trotzdem in die Städte. »Viele Frauen, die ihre traditionelle Hausfrauenrolle hinter sich lassen, stoßen auf die klassische, männliche Antwort, die ihnen verbietet, Haus und Wohnung zu verlassen«, berichtet die indische Frauenrechtlerin Albina Shakeel. »Wenn sie dennoch gehen, entsteht bei den Männern ein Ärger, der in vielen Fällen in sexueller Belästigung und Vergewaltigung mündet.« Allein im Jahr 2011 wurden in Indien 24206 Vergewaltigungen angezeigt.

Das Problem also war bekannt. Und doch konnte niemand ahnen, was in dem Schulbus aus Saket an diesem Sonntagabend geschehen würde. Die sechs jungen Männer machten erst den Begleiter unschädlich und vergewaltigten dann nacheinander die Studentin. Ohne den Bus anzuhalten. Dabei misshandelten sie die junge Frau mit einer Eisenstange. Sie zerstörten mit der Stange ihre inneren Organe. »Es war ein barbarischer Akt. In den 20 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit habe ich nie ein Opfer sexueller Gewalt gesehen, das solcher Brutalität ausgesetzt war«, sagte der behandelnde Arzt in Delhi.

Doch niemand außer ein paar Studenten der linken Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) in Delhi verstand zunächst die Dimension des Verbrechens. Politik und Polizei machten weiter, als sei der Fall einer von 24000. Nur die Studenten der JNU organisierten eine Straßenblockade vor jener Bushaltestelle in Saket. Sie demonstrierten auch vor der Polizeistation, wo der Fall zuerst gemeldet wurde. »Dies ist doch kein neues Problem. Jede Frau ist davon bedroht. Keine kann sagen, dass sie auf Delhis Straßen noch nicht belästigt wurde«, sagte der JNU-Studentensprecher. Er wusste gar nicht, wie recht er hatte.

Ein paar Tage lang besetzte ein bisher noch nie gesehenes Bürgervolk der Hauptstadt die grünen Wiesen rund um Indiens alten Triumphbogen, dem India Gate. Viele junge Leute – nicht wenige von ihnen brachten ihre Mutter mit. »Nur weil ich meine Beine zeige, werde ich sie nicht spreizen«, schrieb eine Demonstrantin auf ihr Plakat. Andere waren direkter: »Tod den Vergewaltigern!«, forderten sie, oder: »Kastriert sie!« Zu Tausenden verlangten sie mehr Sicherheit für Frauen. Doch die Polizei verstand die Botschaft nicht. Sie hatte die Aufgabe, das Nationalheiligtum India Gate frei von Kundgebungen zu halten. Da es keine anderslautenden Befehle gab, da kein Minister eingriff, weil keiner verstand, was sich hier zu entfalten begann, hielten sich die Polizisten an ihre Order. Sie begann, den Platz mit Wasserwerfern und Tränengas zu räumen. Es kam zum Straßenkampf. Die Frauen auf der Straße schrien. Die Revolte hatte ihre Bilder – und sie hatte ihren Gegner. Die Polizei, die Regierung, den Staat.

Am nächsten Tag schrieb der ehemalige Chefredakteur der Hindustan Times, Prem Shankar Jha, dass die meisten Frauen in Indien ohnehin auf Polizeistationen vergewaltigt würden. Indiens Frauen fühlten sich in diesem Moment, als seien sie nirgendwo sicher. Am wenigsten bei den Behörden, die doch die Aufgabe hätten, sie zu beschützen. Die Zahlen untermauern dieses allgemeine Gefühl der Unsicherheit: 26,4 Prozent aller Vergewaltigungsfälle führten bisher vor Gericht zu einer Verurteilung des Mannes. 85 Prozent aller bekannten Fälle sind seit Jahren vor Gericht anhängig. Vielsagend ist der Fall einer 19-Jährigen, die letzte Woche Selbstmord beging, nachdem sie ihre Vergewaltigung anzeigte und die Polizei ihr riet, ihren Vergewaltiger zu heiraten.