Sollte die Wehrpflicht bei der bevorstehenden Volksbefragung abgelehnt werden, drohen angeblich schlimme Zeiten über Österreich hereinzubrechen. Unfallopfer würden künftig auf offener Straße verbluten und alle, die ein Infarkt trifft, müssten hilflos verröcheln, weil dann die Ambulanzen nur mehr im Stundentakt zu Notrufen ausrücken könnten. Alte und Sieche würden lebendigen Leibes verschimmeln, weil niemand mehr da wäre, der sich um die armen Leute kümmerte. Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst und ohne Zivildienst sei die Republik einer sozialen Katastrophe ausgeliefert.

Wo immer die konservativen Präsenzdienst-Fetischisten in diesen Tagen das Wort erheben, stimmen sie ihre Höllenpredigt vom Land ohne Helfer an. Meist ist auch ein Vertreter des Roten Kreuzes nicht weit, der sich mit sorgenvoller Miene dem Schauermärchen anschließt. Ausgerechnet ein Vertreter jener Organisation, die unter dem Eindruck des blutigen Gemetzels von Solferino (nach der österreichischen Niederlage bedeckten im Juni 1859 insgesamt 30.000 Tote und Verwunderte das lombardische Schlachtfeld) ins Leben gerufen wurde, tritt nun dafür ein, dass Kanonenfutter ausgehoben wird, damit im Gegenzug sein Verein weiterhin auf Arbeitskräfte zum Billigtarif zurückgreifen kann. Irgendwie muss sich das der Humanist Henry Dunant anders vorgestellt haben, als er seine Hilfsgemeinschaft gründete.

Noch größer als die Heuchelei der Funktionäre des Roten Kreuzes scheint jene der Volkspartei zu sein, der auch kein gewichtigeres Argument für die Beibehaltung der Wehrpflicht einfällt als der drohende Verlust des Zivildienstes. Von allem Anfang hatten die Konservativen die Möglichkeit zu einem Wehrersatzdienst, eine Errungenschaft der Regierungsjahre von Bruno Kreisky, heftig bekämpft. Zivildiener wurden häufig als »Drückeberger« verächtlich gemacht und mussten im Vergleich zu regulären Rekruten mit wesentlich schlechteren Bedingungen vorliebnehmen. Das müssen sie bis heute. Noch die Regierung Schüssel legte in einer Gesetzesnovelle fest, dass die heute ach so unverzichtbaren Hilfskräfte auf einen Verpflegungssatz von sechs Euro pro Tag gesetzt wurden, der erst Jahre später nach einem Urteil des Verfassungsgerichtshofes erhöht werden musste.

Lange Zeit legte die Volkspartei auch Wert darauf, dass potentielle Zivildiener zunächst vor einer eigenen Kommission eine sogenannte »Gewissensprüfung« ablegen mussten. Dort wurde versucht, die Kandidaten mit einer ganzen Batterie von Fangfragen in Widersprüche zu verwickeln. Noch im Jahr bevor auch diese Hürde 1991 abgeschafft wurde, schlug der damalige Wehrsprecher der ÖVP, Felix Ermacora, Alarm. Bei einer Veranstaltung der Offiziersgesellschaft forderte er, dass im Interesse des Staates »auch Menschenrechte, wie etwa die Gewissensfreiheit, eingeschränkt werden« müssten. Einige Jahre später sprach der Völkerrechtler vom »maroden Zivildienst«. Da war er gerade zum Präsidenten des Kameradschaftsbundes aufgestiegen.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überzeugend, wenn die Pharisäer von der Volkspartei vorgeben, plötzlich ihr Herz für Zivildiener entdeckt zu haben. Sie sind ungefähr so glaubwürdig wie mittelalterliche Ablassprediger, die in glühenden Farben ewige Höllenqualen ausmalten und versprachen, jeder Christ könne sich mit einer großherzigen Spende an die Kirche sein Seelenheil erkaufen.