Gute Nachrichten aus Nordkorea, und das zu Jahresbeginn! Wer wollte sich nicht freuen, als Machthaber Kim Jong Un in seiner Neujahrsansprache eine "radikale Wende" in der Politik seines Landes ankündigte und ein Ende der Feindschaft mit Südkorea in Aussicht stellte, ja sogar die Wiedervereinigung. Dazu noch ein Feuerwerk über Pjöngjang. Und die jungen Leute tanzten an Silvester im Schnee! Hatte es bisher auch noch nicht gegeben.

Bis sich dann die Experten über Kims Redetext beugten. Und die befanden: alles kalter Kaffee! Wissenschaftler nahmen frühere Reden zur Hand, Zeitungsartikel und Agenturmeldungen, und siehe da: Gab es alles schon mal. Zu 90 Prozent sei die Rede ein "Wiederaufguss" gewesen, sagen Leute, die solche Texte seit Jahren analysieren.

Einhellig warnen Diplomaten und humanitäre Helfer vor falschen Hoffnungen. "Vor Ort merkt man ganz wenig von Veränderungen", heißt es etwa bei der Deutschen Welthungerhilfe, die seit über 15 Jahren in Nordkorea arbeitet.

Immerhin, der Stil hat sich geändert. Kim Jong Un wandte sich über das Fernsehen an das Volk, so wie sein Großvater, der "Große Führer" Kim Il Sung, dies zu tun pflegte. Dessen misanthropischer Sohn Kim Jong Il mochte keine Kameras, er ließ seine Neujahrsworte lieber als Leitartikel in der Parteizeitung verbreiten. Der Enkel, in Aussehen und Gebaren dem Großvater verblüffend ähnlich, gibt sich wie der Gründer der roten Dynastie volkstümlich. Dessen Ausstrahlung mag er nicht haben. Aber er geht unter die Leute, schüttelt jovial die Hände seiner Untertanen. Er habe "ein paar Herrschaftsgesten gelernt", sagt einer, der ihn aus der Nähe beobachten konnte. Kim besucht mit seiner Frau auch schon mal Vergnügungsparks und Popkonzerte. Was man so macht, wenn man gerade 30 Jahre alt geworden ist.

Nur, täusche sich niemand in dem vergnügten Pummel: Das Diktatorenhandwerk beherrscht er wie die Alten. Als Erstes hat er die Armeeführung gründlich gesäubert. Von den vier Spitzenmilitärs, die im Dezember 2011 mit ihm den Sarg seines Vaters im Trauerzug begleiteten, ist keiner mehr im Amt.

Gehalten hat sich Chang Song Taek, der Onkel des jungen Diktators und Pjöngjangs graue Eminenz. Der Mann von Kim Jong Ils Schwester Kim Kyong Hee dürfte der zweitmächtigste Mann in Nordkorea sein. Man muss sich nicht all diese Namen merken, man muss nur das Prinzip verstehen: Dies ist keine klassische marxistische Parteiherrschaft wie in China oder einst in der DDR und in der Sowjetunion. Nordkorea ist ein Land in Familienbesitz, und das inzwischen in dritter Generation. Der Kim-Clan und die Familien einiger anderer Revolutionsveteranen haben sich das Land mithilfe von Armee und Partei unterworfen. Zwanzig Familien mit vielleicht zweihundert Mitgliedern: Das ist der innere Zirkel der Macht.

Diese zweihundert Leute stehen an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide. Und die Sicherung ihrer Macht ist oberstes Ziel aller Politik. Deshalb gilt die Maxime "Das Militär zuerst" bis heute. Und deswegen fließt das meiste Geld in dem bitterarmen Land noch immer in die Rüstung. Kurz vor Weihnachten hat Nordkorea wieder eine Langstreckenrakete getestet; nach westlichen Schätzungen verfügt es über acht bis zwölf nukleare Sprengsätze. Bankrotteure mit Atomwaffen: Diese furchterregende Kombination war immer wieder dafür gut, humanitäre Hilfe zu erpressen. Bis Südkoreas jetziger Präsident alle Lieferungen einstellte.

Seine Nachfolgerin, die im Februar ihr Amt antritt, will einen anderen Weg versuchen. Park Geun Hye, Tochter des früheren Militärdiktators Park Chung Hee, setzt auf eine "Politik des Vertrauens" und möchte die Hilfe für den vom Hunger geplagten Norden, aber auch den Handel zwischen den beiden Landesteilen wieder aufnehmen. Die Neujahrsansprache Kim Jong Uns dürfte auch eine Geste an die neue Präsidentin gewesen sein: Wir können miteinander ins Geschäft kommen.

Von Park Geun Hye heißt es, sie sei bestens in Peking vernetzt. Was für eine mögliche Annäherung von Vorteil sein könnte. Denn China ist das einzige Land, das – in Grenzen – auf den Norden Einfluss zu nehmen vermag.