Frauenrechte : Brief an meinen Grapscher

Ein Mann bedrängte Noorjahan Akbar. Womit er nicht rechnete: Sie wehrte sich, mitten in Kabul.

Sehr geehrter Herr,

ich kenne Ihren Namen nicht, aber wir sind uns in der Woche nach dem Ramadanfest auf dem Basar in Kabul begegnet. Vielleicht erinnern Sie sich an mich. Ich stand an einem Gemüsestand und feilschte um den Preis von frischer Minze, als Sie an mir vorübergingen und mir einfach so in den Po kniffen. Ich wurde rot. Der alte Mann, der sein Gemüse verkaufte, bemerkte das, aber er sagte nichts. Er sieht so etwas wahrscheinlich jeden Tag. Mir ist das schon mehr als einmal passiert, aber dieses Mal schämte ich mich mehr, weil der alte Mann es gesehen hatte.

Ich bin Ihnen hinterhergerannt und habe Sie am Handgelenk gepackt. Ich hatte Angst und schwitzte. Ich fing an zu schreien. »Warum haben Sie das gemacht? Wie können Sie es wagen?« Und Sie schrien zurück, noch lauter: »Sie verrückte Frau! Ich habe gar nichts gemacht. Sie sind es gar nicht wert, Ihnen irgendetwas anzutun.«

Ich schämte mich dafür, vor aller Augen zu sagen, was Sie getan hatten. Sie erinnern sich wahrscheinlich, wie uns jeder anstarrte. Einige Frauen rieten mir, ruhig zu bleiben, da alles andere nur meinen Ruf ruinieren würde. Wenn es bedeutet, seinen Ruf zu ruinieren, weil man bei Unrecht laut aufschreit, dann soll es so sein, sagte ich mir. Wenn eine Frau einen guten Ruf und Respekt dadurch erlangt, dass sie ihre Unterdrückung hinnimmt, dann kann dieser Respekt auch nur unterdrückend sein.

Noorjahan Akbar

21, ist Studentin und freie Journalistin aus Kabul. Sie engagiert sich für die Frauenrechtsorganisation Safe World for Women International.

Ich fing an zu schreien. Kurze Zeit später kam die Polizei und nahm uns mit auf die Wache. Ich war gelähmt vor Angst. Die Polizei in meinem Land ist nicht gerade dafür bekannt, dass sie Frauen gut behandelt. Was würde passieren, wenn sie nun plötzlich mich beschuldigten? Was würde ich machen, wenn sie mich schlugen? Was wäre, wenn, wenn, wenn...

Ein großer Mann in Uniform fragte mich, was passiert war. Ich erzählte es ihm. Sie, mein Peiniger, wollten gerade etwas sagen, aber der Polizist schrie: »Sie sind jetzt ruhig!« Das Nächste, was ich mitbekam, war, dass er Sie schlug. Sie lagen auf dem Boden, und er trat Sie mit seinen gigantischen Schuhen. Schweißperlen rannen ihm aus seinen dicken Augenbrauen. Er muss genauso wütend gewesen sein wie ich.

Ich habe Sie seitdem nicht wieder gesehen, aber Ihr Freund, der Sie begleitete, folgte mir bis nach Hause. Er sagte zu mir: »Warum die Aufregung? Es ist doch nicht so, als hätte er Sie gefickt.« Aber für einen zweiten Kampf war ich an diesem Tag zu müde.

Sie und Ihr Freund behaupten wahrscheinlich, Muslime zu sein. Sie beten bestimmt auch jeden Freitag oder noch häufiger in der Moschee. Womöglich sagen Sie Ihren Frauen, dass sie nicht aus dem Haus gehen sollen, weil die Welt da draußen voll mit schrecklichen Menschen ist, die sie entwürdigen. Vielleicht glauben Sie sogar, dass Sie das Recht hätten, meinen Po zu berühren, weil eine »gute« Frau niemals ohne einen Mann auf die Straße geht. Wäre ich eine »gute« Frau, dann würde ich mich auch so verhalten. Diese Straßen gehören den Männern.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, um Ihnen zu sagen, dass ich niemals beabsichtigt habe, dass Sie geschlagen und gedemütigt werden. Aber ich bereue es auch nicht, laut geworden zu sein. Ich schreibe Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass ich weiß, was Sie vorhaben. Sie wollen mir drohen, mir Angst machen. Sie wollen, dass ich zu Hause bleibe, wo ich lernen kann, mich um viele Kinder zu kümmern und für jemanden wie Sie zu kochen, und mich einem Mann unterwerfe, der mich eines Tages heiraten soll. Sie wollen, dass ich mich vor der Welt da draußen fürchte und dort nicht meinen Weg und meinen Ort finde. Sie wollen mir glauben machen, dass die einzigen sicheren und »passenden« Orte für mich die Küche und das Schlafzimmer sind.

Ich weiß aber, dass der richtige Ort für mich wie für jede andere Frau die Straßen unserer Stadt sind. Die Schulen dieses Landes. Die Polizei-Akademie. Das Parlament. Die Regierung. Die Moschee. Die Gewerkschaften. Der Kampf oder jeder andere Ort, von dem wir träumen.

Ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich Ihnen nie wieder etwas abkaufen werde. Niemand kann mich überzeugen, dass ich weniger wert bin als ein Mann und dass das beste Leben für mich in einer »sicheren« Küche ist, wo ein Mann oder eine Schwiegermutter jeden meiner Schritte kontrolliert. Ich kaufe euch das nicht ab. Nie wieder.

Ich werde jeden Tag aus dem Haus gehen und mit erhobenem Haupt durch die Straßen meiner Stadt laufen, nicht weil ich es muss, sondern weil ich es kann. Und weder Ihre Belästigung noch eine sexuelle Nötigung oder die unterdrückende Regierung können mich davon abhalten.

Trotzig,

eine Frau, die Sie belästigt haben

Aus dem Englischen von Justus von Daniels

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Kommentare

110 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Entschuldigung, das ist jetzt wirklich

völlig klischeehaft:
Ich habe in 50 Jahren noch nicht einen "sexualisierten Übergriff" in der U-Bahn gesehen, und in die Zeitung kommen regelmäßig gewalttätige Übergriffe, bei denen Passanten und Fahrgäste sich hinter ihren Zeitungen verstecken, um nicht involviert zu werden.

Und im heutigen schockierenden Fall, in welchem eine Frau, die sexueller Belästigung am Arbeitsplatz aus dem Weg gehen wollte, der sie daraufhin entlassende Arbeitgeber - eine Frau.
Zumindest in Deutschland ist die Welt also komplizierter als Sie sie anscheinend sehen.

Und für Afghanistan ist zu sagen, dass wir in Europa sehr sehr lange gebraucht haben bis zur heutigen Stellung der Frau. Im Mittelalter war eine hiesige Frau zur Wahrung ihrer Rechte ebenfalls komplett auf einen männlichen "muntwalt" angewiesen...es hat Jahrhunderte gedauert, die heutige europäische Sicht auszubilden. Da dürften Appelle an afghanische Männer schlicht keine Verständigungsbasis haben, weil jegliches kulturelle Wissen um westliche Gleichberechtigungsvorstellungen in einem ländlichen Agrarvolk mit einer Mehrheit an Analphabeten fehlt.

Ganz ehrlich.

Sollte ich mal in die Situation kommen, dass mich jemand belästigt, dann hab ich hoffentlich genug Mut, um selber für mich einzutreten, und muss nicht hoffen, dass ein unbeteiligter Mann mich arme Frau rettet.

Was sagen Sie aus?
Das Frauen zu schwach sind um selber für sich einzutreten? Dass wir auf die Hilfe von unbeteiligten Männern angewiesen sind, weil wir uns sonst nicht wehren können?

Natürlich sollten Männer helfen, wenn sie eine entsprechende Situation beobachten. Das steht außer Frage. Aber darauf verlassen kann man sich nunmal nicht. Genau so, wie man nicht vorhersagen kann, wie man selber in so einer Situation verhalten würde.

Man kann die Emmanzipation auch zu weit treiben

Der Mensch (f,m) ist als soziales Wesen angelegt, weil er in einigen Millionen Jahren gelernt hat, etwas für andere zu tun, kann durchaus zum eigenen Vorteil sein.
Ich habe den Eindruck, Sie bringen hier unnötigerweise das Geschlecht der Handelnden ins Spiel.
Ein altruistischer Mensch, egal ob Mann oder Frau, wird in einer ähnlichen Situation versuchen zu helfen. Und ich sehe keinen vernünftigen Grund, diese Hilfe abzulehnen, nur weil der Helfende vom anderen Geschlecht ist.
Ihr Beitrag klingt etwas danach, als hätten Sie Angst, in irdgeneiner Form von einem Mann abhängig zu sein. Ich fände es bedauerlich, wenn man menschliches Miteinander unter diesem Gesichtpunkt betrachtet. Etwas mehr Selbstbewusstsein könnte vielleicht hilfreich sein. Dann kann man sich auch bei Gelegenheit von einem Mann helfen lassen.

Nein, das meine ich nicht

aber wie soll sich eine Person selber verteidigen lernen, wenn es ihr immer abgenommen wird? Irgendwann muss man auch selber in die Schuhe kommen.

Und wenn es nötig ist, kann man sich gerne helfen lassen. Ist aber nicht nötig, ist es keine Hilfe, sondern Abhängigkeit/ Feigheit/ Faulheit.

Nebenbei: Menschen sind nicht altruistisch. Das wäre biologisch gesehen fatal! Selbst wenn sie jemandem helfen, gibt es ein egoistisches Motiv. Sei es, dass sie sich danach glücklich, stärker oder stolz fühlen oder aber sie erhoffen sich andere Vorteile wie Zuneigung, Dank (Patronismus!), Bewunderung