Mensch und NaturWir Weltgärtner

In dieser Woche wird in Berlin eine neue erdgeschichtliche Epoche eingeläutet: Das Anthropozän. Der Begriff soll unser Denken verändern. Ein Gespräch mit dem Geobiologen Reinhold Leinfelder von 

 Palm Islands Dubai Arabische Emirate

Wie der Mensch die Natur prägt, zeigen die Palm Islands in Dubai. Durch die Besiedlung wurde die Wüstenlandschaft dauerhaft verändert.  |  © Michon Scott/Nasa

DIE ZEIT: Sie sind einer der Initiatoren des Anthropozän-Projektes, das am 10. Januar in Berlin startet. Worum geht es?

Reinhold Leinfelder: Der Begriff Anthropozän – Menschenzeit – soll zum Ausdruck bringen, dass wir die erdgeschichtlich relativ stabile Epoche des Holozäns hinter uns gelassen haben und etwa seit dem Jahr 1800 in eine neue Epoche eingetreten sind, in der der Mensch zum dominierenden geologischen Faktor geworden ist. Das kann man an vielen Punkten festmachen: Mehr als 90 Prozent allen Pflanzenwachstums findet in Systemen statt, die der Mensch beeinflusst, 90 Prozent der Biomasse aller lebenden Säugetiere werden vom Menschen und seinen Haustieren gestellt, und mehr als drei Viertel der eisfreien Landoberfläche sind nicht mehr im ursprünglichen Zustand.

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ZEIT: Dass der Mensch die Umwelt formt, wissen wir ja schon lange. Was ist neu am Anthropozän außer dem Begriff an sich?

Leinfelder: Neu ist die Erkenntnis, dass wir ein untrennbarer Teil des Systems sind. Noch denken wir in Gegensätzen: Auf der einen Seite die »gute« Natur, die man bewahren muss; auf der anderen der Mensch und die »böse« Technik, deren Einfluss man zurückdrängen muss. Doch dieser Dualismus ist überholt. Natur und Kultur sind Teile eines Gesamtsystems geworden. Das eine lässt sich nicht ohne das andere begreifen.

ZEIT: Bei der Berliner Eröffnungsveranstaltung* soll – neben Philosophen, Forschern, Musikern und Filmemachern – auch der Architekt Rem Koolhaas sprechen. Sein programmatischer Vortragstitel: »Die Natur ist vorbei.« Dabei erleben wir gerade in der Architektur eine Gegenbewegung, die sich die Natur zum Vorbild nimmt – etwa beim ökologischen Bauen.

Reinhold Leinfelder
Reinhold Leinfelder

Der Geologe und Paläontologe Reinhold Leinfelder forscht an der FU Berlin und der LMU München. Bis 2010 war er Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseum.

Leinfelder: Für mich ist das kein Gegensatz. Klar, vom Konzept der unberührten Natur müssen wir uns verabschieden, aber zugleich geht es ja darum, das Gesamtsystem so zu gestalten, dass es nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Und dazu zählen für mich selbstverständlich naturnahes Bauen und ein Energiemanagement mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck.

ZEIT: Fördert die Sichtweise vom Anthropozän nicht eine neue Hybris? Es ist ja kein Zufall, dass der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, der als Erster den Begriff Anthropozän prägte, auch das sogenannte Geoengineering nicht ausschloss. Es gibt etwa den Vorschlag, mit Aerosolen künstlich die Sonneneinstrahlung zu bremsen und so den Klimawandel aufzuhalten. Dabei können wir die Folgen solcher großtechnologischer Eingriffe derzeit weder übersehen noch vollständig beherrschen.

Leinfelder: Diese Gefahr sehe ich auch. Hinter solchen Ideen steckt oft der Glaube an monokausale Klempnerlösungen, also die Vorstellung, man könne Probleme dadurch abstellen, dass man an einer einzigen Stellschraube dreht. Davon müssen wir wegkommen. Das ist zwar oft gut gemeint, doch solche technokratischen Lösungen sind systemisch meist nicht durchgedacht. Das war auch bei den Biofuels zu beobachten, den Kraftstoffen aus Pflanzen: Die ganzen Nebenwirkungen – steigende Lebensmittelpreise, Transport- und Effizienzverluste, fatale Auswirkungen auf die Landwirtschaft et cetera – wurden nicht bedacht. Was wir brauchen, ist so etwas wie ein gärtnerisches Gestalten, das ein Verständnis für die Komplexität des Gesamtsystems entwickelt.

ZEIT: Sind wir dazu klug genug? Werden wir diese Komplexität je überblicken?

Leinfelder: Auch der Wissenschaft ist natürlich klar, dass wir noch längst nicht alles wissen. Um ein solches Gesamtverständnis zu erreichen, brauchen wir sicher noch eine sehr viel bessere Verschränkung von Natur- und Geisteswissenschaften; dasselbe gilt aber auch für Technik und Gesellschaft. Die Wissenschaft kann nicht alleine die Antwort geben. Wir brauchen mehr Partizipation auf allen Ebenen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), dem ich angehöre, hat dazu einen »Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation« vorgeschlagen. Das heißt: Um Veränderungen zu erzeugen, müssen die gesellschaftlichen Kräfte von vornherein mit einbezogen werden. Und wir brauchen mehr systemisch arbeitende, interdisziplinär kooperierende Wissenschaftler.

ZEIT: Genau daran hapert es heute aber. Unser Wissenschaftssystem fördert doch immer noch das Spezialistenwissen und diejenigen, die sich innerhalb einer Disziplin profilieren. Zudem stehen die einzelnen Fächer oft auch untereinander in Konkurrenz um Drittmittel. All das steht der Interdisziplinarität entgegen.

Leinfelder: Sie sprechen mir aus der Seele. Da muss sich einiges ändern. Natürlich brauchen wir die spezialisierte, hochkonzentrierte Wissenschaft in einzelnen Bereichen. Aber zugleich brauchen wir auch die Verschränkung und das, was ich transformative Ergänzung nenne. Wir brauchen also Leute, die zum Beispiel neuartige Batterien entwickeln, und zugleich jene, die sich über deren gesellschaftliche Verwendung und Akzeptanz Gedanken machen.

ZEIT: Wird der Nachwuchs dafür richtig ausgebildet?

Leinfelder: Wir brauchen sicher mehr Karrierewege, die von vornherein die systemische Perspektive eröffnen. Das fängt schon in den Schulen an: Dort wird ja auch meist noch sektoral gedacht – Physik, Chemie, Biologie – und nicht themenbezogen. Um das zu ändern, braucht es entsprechend ausgebildete Leute und Anreizsysteme in den Hochschulen. Das dauert. Aber da bewegt sich schon etwas.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich jetzt vom Berliner Auftakt zum »Anthropozän-Projekt« konkret?

Leinfelder: Wir erhoffen uns eine kritische Reflexion und eine Aufbruchstimmung. Besonders gespannt bin ich auf die Reaktion des Publikums. Springt der Funke über? Das Projekt ist offen angelegt, und das Ziel können wir alle nur zusammen bestimmen. Wichtig ist vor allem die geistige Vernetztheit – sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch über diese hinaus. Die muss viel besser werden. Die Technik dazu haben wir – das Internet, Datenbanken, extrem rasche Austauschmöglichkeiten. Also: Wenn wir es jetzt nicht schaffen, wann dann?

*Anmerkung der Redaktion: Rem Koolhass hat kurzfristig abgesagt,

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Leserkommentare
    • k00chy
    • 10. Januar 2013 12:41 Uhr

    Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen: "Du siehst aber schlecht aus!". Der andere:" Ja, mir geht's auch nicht gut, ich habe 'homo sapiens'". Sagt der erste: "Mach' dir nichts draus, das hatte ich auch mal, das geht vorbei!"

    2 Leserempfehlungen
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    • PGMN
    • 10. Januar 2013 19:33 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    • PGMN
    • 10. Januar 2013 19:40 Uhr

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Der Witz ist schwachsinnig? Stimmt, Planeten können nicht sprechen. Aber kommt es darauf an?

  1. ...der Zufall der Evolution hat es halt soweit gebracht, dass das jetzige Ökosystem so ist wie es ist. Vorausgeplant war ja nie sowas. Zufällig ist dabei unsere Spezies potenziell mit soviel Verstand versehen worden, dass wir wirklich als Super-Landschaftsgärtner fungieren könnten. Aber es gilt auch immer noch für alle Lebewesen und die meisten Menschen das uralte Naturgesetz: "Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral". Wie sich das Anthropozän weiterentwickelt ist daher nicht vorherbestimmt, wie alles in der biologischen Evolution.

    2 Leserempfehlungen
  2. Sowohl der Fragesteller als auch Leinfelder tun so, als sei das alles ganz was Neues. Ist es nicht - es rückt nur gerade mal wieder in den Fokus.

    Den Begriff "Antropozän" hat nicht Crutzen, sondern der italienische Geologe Antonio Stoppani bereits vor 134 Jahren geprägt - er ist also also sehr viel älter als Leinfelder, Crutzen & Co. Dass zumindest Leinfelder die damit zusammenhängenden Fehlinformationen durchgehen lässt, weckt leise Zweifel an seiner diesbezüglichen Kompetenz.

    Recherche, liebe Redaktion, Recherche - man sollte die Wikipedia-Artikel, auf die man direkt neben dieser Fehlinformation verlinkt, vielleicht auch mal lesen, dann passiert so was nicht.

    4 Leserempfehlungen
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    Lieber Leser "daibutsu"
    Natürlich haben wir recherchiert. Der Begriff Anthropozän (Anthropocene) stammt tatsächlich von Paul Crutzen und wurde von Paul Crutzen und Eugene Stoermer (2000) in einem Newsletter publiziert. Anthropozän bezeichnet geochronologisch eine Epoche. Das erscheint plausibel.

    Stoppani, der übrigens von Crutzen, Leinfelder und anderen in vielen Arbeiten als Ideengeber erwähnt wird, sprach 1873 von der anthropozoischen Ära (was in Kurzform als das "Anthropozoikum" wäre). Damit wäre die Menschenzeit dann aber gleich eine ganze geologische Ära geworden, auf einer Ebene mit dem Paläozoikum, Mesozoikum oder Känozoikum. Das wäre dann vermutlich doch etwas zuviel der Ehre des Einflusses des Menschen, denn ob die Menschenzeit wirklich, wie eben das Paläozoikum, Mesozoikum oder Känozoikum über 66 Millionen (Känozoikum), 190 Millionen (Mesozoikum) oder 290 Millionen Jahre (Paläozoikum) anhalten könnte, erscheint doch sehr fraglich. Die deutsche Wikipedia-Seite ist übrigens (mit Stand 12.1. 10 Uhr) diesbezüglich einfach falsch.

  3. ... haben manche Leute, dz, dz, dz ...

  4. Leinfelder: Neu ist die Erkenntnis, dass wir ein untrennbarer Teil des Systems sind. Neu für ihn vielleicht. Alle anderen Grössen der Geistesgeschichte wussten das lange vor dem Museumsdirektor. Er sollte mal Psalm 90 lesen statt sich und dem nutzlosen WBGU eine Beschäftigung als Etikettenkleber zu schaffen. Das Anthropozän-Projekt ist eine Lachplatte von
    Wichtigtuern. Unter "Projekt" geht garnichts. Key-word-speech vom Feinsten und alle, die sich für wichtig halten sind a dabei. Die finden da ein natürliches Biotop, wo sie sich ungestört entfalten können. Die Evolution geht gar seltsame Wege.

    Eine Leserempfehlung
    • PGMN
    • 10. Januar 2013 19:33 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    • PGMN
    • 10. Januar 2013 19:40 Uhr
    7. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  5. 8. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei Kritik oder Anmerkungen wenden Sie sich bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/mo.

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  • Schlagworte Geisteswissenschaft | Epoche | Kraftstoff | Natur | Rem Koolhaas | Säugetier
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