Argentinische Militärdiktatur : Mord auf Bestellung?
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"Die Opfer waren überwiegend Arbeiter"

ZEIT: Warum?

Weber: Es galt für sie als nicht bewiesen, dass die »Verschwundenen« tatsächlich tot sind. Absurd! Später übernahm der Argentinier Eduardo Fachal den Fall. Wie Ratto ist er einer der Überlebenden. 2003 erklärte die neu ins Amt gewählte Regierung Kirchner das Thema Menschenrechte zur Chefsache. Die Amnestiegesetze aus den achtziger Jahren wurden annulliert. Die Hinterbliebenen erstatteten bei der Staatsanwaltschaft in Buenos Aires Strafanzeige gegen die Daimler AG. Doch wieder geschah nichts. Und so reichten die Angehörigen der »Verschwundenen« im Januar 2004 eine Zivilklage in Kalifornien ein.

ZEIT: Sind Sie beteiligt an dieser Klage?

Weber: Ich bin nicht Klägerin. Aber es war meine Idee. Ich habe die Anwälte von der Sache überzeugt, und es geht um die Klärung der von mir recherchierten Ereignisse.

ZEIT: Der Daimler-Konzern streitet jede Verantwortung ab, die Vorwürfe, heißt es aus Stuttgart, seien völlig unhaltbar.

Weber: Seit Jahren tut die Daimler AG alles, um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie dementiert, sitzt aus, klärt nur halbherzig auf.

ZEIT: Auch da widerspricht die Firmenzentrale. Man habe alles offengelegt. Und Sie hätten freien Zugang zu allen Unterlagen gehabt...

Weber: Ich habe im Firmenarchiv lediglich Einsicht in Unterlagen zu einer Affäre im Jahr 1955 erhalten. Damals ging es um den Vorwurf der Geldwäsche – von Nazigeld. Die Unterlagen aus den Jahren 1975 bis 78 wurden mir mit dem Argument vorenthalten, dass ein Verfahren anhängig sei.

ZEIT: 2003 setzte Daimler auf Druck kritischer Aktionäre eine Untersuchungskommission ein. Man verpflichtete dafür den angesehenen Völkerrechtler Christian Tomuschat.

Weber: Ihn ließ der Konzern als Einzigen in die Unterlagen der argentinischen Niederlassung blicken. Nicht einmal das Gericht in Buenos Aires, das diese Akten auf Antrag der Opfer angefordert hatte, erhielt sie. In seinem Bericht sammelte Tomuschat dann vor allem Entlastendes. So verglich er die verschiedenen Aussagen Héctor Rattos – die vor Gericht und die in Interviews. Dabei stellte er fest, dass Ratto im Lauf der Jahre die Ereignisse mit verschiedenen Worten dargestellt hat. Daraufhin erklärte er Ratto für unglaubwürdig. Tasselkraut hingegen war für ihn glaubwürdig.

ZEIT: Liest man den Bericht aufmerksam, ist er aber kein bloßes Entlastungszeugnis.

Weber: In der Tat. Tomuschat erwähnt, dass die Firma Mitarbeiter beim militärischen Geheimdienst als »Agitatoren« denunziert hat, bewertete dies jedoch nicht als Mordauftrag und fragte auch nicht, ob sich Mercedes nicht mindestens unterlassener Hilfeleistung schuldig gemacht hat.

ZEIT: Das Hauptargument Tomuschats lautet, von den 17 betroffenen Mitarbeitern seien nur zwei Gewerkschafter gewesen und drei zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung nicht mehr bei Mercedes angestellt gewesen. Der Vorwurf, der Konzern habe die Diktatur genutzt, um sich unbequemer Betriebsaktivisten zu entledigen, laufe ins Leere.

Weber: Es waren allesamt gewerkschaftliche Aktivisten, auch die, die schon nicht mehr dort beschäftigt waren. Sie alle diskutierten weiterhin mit ihren Kollegen die Situation im Werk. Das haben mir die Hinterbliebenen ausdrücklich bestätigt. Im Übrigen haben die Militärs, auch in den Prozessen, die derzeit in Buenos Aires stattfinden, zugegeben, dass sie Hand in Hand mit den Personalabteilungen gearbeitet haben, um, wie es hieß, die »Industrie-Guerilla« auszumerzen. Man darf nicht vergessen: Die Opfer der Militärdiktatur waren überwiegend Arbeiter. Die Junta wollte die argentinische Arbeiterbewegung systematisch zerschlagen – und das war zahlreichen Unternehmen willkommen. Im Falle Mercedes-Benz erhielten die Hinterbliebenen auch sofort finanzielle Unterstützung. Die Löhne wurden bis zu zehn Jahre lang weitergezahlt. Eine Geste der Großzügigkeit? Wie eng die Firma mit dem Regime kooperierte, zeigt sich doch nicht zuletzt daran, dass sie Ruben Lavallén als Sicherheitschef einstellte. Lavallén war in Buenos Aires ein stadtbekannter Folterer.

ZEIT: Was, wenn der Supreme Court negativ entscheidet? Werden Sie die Sache weiterverfolgen?

Weber: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Noch besteht Hoffnung. Hoffnung nicht nur für die Überlebenden und Hinterbliebenen. Wie Terrence Collingsworth, der Opferanwalt aus Washington, sagt, könnte die Entscheidung des Supreme Court grundsätzliche Bedeutung haben: Kommt es zum Prozess, so wird dies Geschädigten in aller Welt, die an der politischen und wirtschaftlichen Macht der Konzerne scheitern, einen Rechtsweg öffnen.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Daimler muss Verantwortung zeigen

und zwar genauso wie die Rechtsnachfolger der Argentinischen Militärdiktatur ,die heute deren Infrastruktur und Vermögen nutzen.
Deshalb sollte Daimler genausoviel zahlen,wie eben die heutigen Rechtsnachfolger der Militärdiktatur,also das argentinische Volk.
Im Zweifel muss Daimler eben verantwortungsbewußt nichts zahlen,wenn der argentinische Staat auch nichts zahlt.