Inuit in KanadaKunst aus der Kälte

Im arktischen Dorf Cape Dorset schnitzen und zeichnen die Inuit Szenen aus ihrem Leben. Ihre Werke sind weltweit begehrt. von Jörg Michel

Menschenauflauf vor der Nationalgalerie in Ottawa: Hunderte Besucher stehen vor dem Eingang Schlange. Im Obergeschoss läuft eine Van-Gogh-Ausstellung. Das Untergeschoss dagegen ist verwaist. Aufseher trotten gelangweilt auf und ab. In den abgedunkelten Räumen stehen Vitrinen mit geschnitzten Figuren aus Stein, Elfenbein und Walknochen: Eisbären, Seehunde, Eskimos. An den Wänden hängen Drucke und Zeichnungen, darauf Menschen bei der Jagd, beim Angeln, auf dem Hundeschlitten. Es ist die Sammlung arktischer Kunst, eine der größten der Welt.

Eine Figur ragt heraus, ein Mischwesen aus grünem Stein. Sie ist glatt poliert, wunderschön und heißt Bird Creature. Ihr Torso hat menschliche Züge, die Gliedmaßen sind wie Fischflossen, der Kopf gleicht dem eines Vogels. Was soll das sein – eine Gottheit, eine Sagengestalt? Eine persönliche Fantasie? Beim Betrachten des Artefakts wird immer deutlicher, wie wenig man über die Kulturen des hohen Nordens weiß, wie viel mehr da sein muss als die Klischees von Walfang und ewigem Eis. Die Ausstellung bietet keine klare Deutung des Werks an, doch ein Schild verrät zumindest den Namen des Künstlers: Kiuwak Ashoona aus Cape Dorset.

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Über den Ort gibt es in einer Broschüre ein paar Sätze zu lesen: Er liegt irgendwo am 64. Breitengrad auf der kanadischen Baffin-Insel und gilt als die Welthauptstadt der arktischen Kunst. 1400 Menschen leben dort, jeder Vierte ist Künstler. Die meisten von ihnen zählen sich zu den Volksgruppen der Inuit.

Der Name Ashoona scheint dort verbreitet zu sein. In der Nationalgalerie ist auch eine Buntstiftzeichnung von Shuvinai Ashoona ausgestellt. Sie zeigt eine sommerliche Dorfszene: Jäger mit Speeren, ein Wal am Strand, Bewohner mit Eimern und Messern, bereit zum Ausnehmen der Beute. Überraschender wirkt das Drumherum – die Container, Holzhütten, die rostigen Fässer am Strand. Ist das etwa das Künstlerdorf? Mal sehen. Von Ottawa aus ist es keine so weite Reise.

Als das Propellerflugzeug anderntags durch die Wolkendecke stößt, ist von Cape Dorset erst mal wenig zu erkennen. Nebelschleier haben sich um die felsige Landschaft gelegt und hüllen das Dorf und die Umgebung in einen grauen Schleier. Nur mit Mühe setzt der Pilot auf der Schotterpiste auf. Mit fünf Stunden Verspätung. Aber immerhin.

Im kleinen Terminal hocken keine Jäger mit Speeren, sondern ältere Männer mit speckigen Baseballmützen. Sie zerren Pappkartons zum Gepäckband und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Kinder stürmen durch den Warteraum. Ein Jugendlicher mit Musikknopf im Ohr schlurft heran. »Eine Schnitzerei gefällig? 150 Dollar«, sagt er und holt eine Eisbärenfigur unter dem Kapuzenpulli hervor. Das dürfte wohl noch keiner aus dem Ashoona-Clan sein.

Mit einem Truck geht es auf einer staubigen Piste ins Dorf. Männer brausen auf lärmenden Quadfahrzeugen vorbei. Teenager gehen im Straßengraben spazieren. Manche von ihnen tragen schon Kinder auf dem Rücken – in Amautiqs, einer Art Parka mit Kapuze. Im Nebel tauchen Laternen und Telegrafenmasten auf. Schon der Blick aus dem Autofenster macht klar: Hier ist nicht das Worpswede der Arktis. Keine bunt bemalten Häuschen säumen die Straße, sondern graue Container, Wellblechhütten, verwitterte Bauten auf Stelzen. Vor einer Hütte sitzt ein Inuk im Blaumann auf einem Hocker in einer Wolke aus Staub. Er hält eine Kreissäge in der Hand und schleift einen Rohling. Der Mann könnte ein Handwerker oder ein Bauarbeiter sein. Doch offenbar ist er ein Künstler. Sein Atelier ist vor der Tür.

Der Truck stoppt vor einem Gebäude mit dem Schild »West Baffin Eskimo Co-operative«. Hinter einem Stapel von Kunstdrucken auf seinem Schreibtisch sitzt ein hoch gewachsener Mann mit Halbglatze. Cary Merritt ist vor zehn Jahren nach seiner Scheidung aus Ottawa in den Norden gezogen und war hier schon einmal ein paar Jahre Bürgermeister. Jetzt leitet er mit seiner kaufmännischen Erfahrung im Auftrag der Inuit die Kunst-Kooperative von Cape Dorset.

»Mein Job ist es, den Inuit ein Auskommen zu verschaffen«, sagt Merritt und erklärt: Seit 1959 wird in der Kooperative von Cape Dorset geklopft, geschnitzt und gezeichnet – wie auch in vielen anderen Dörfern in der kanadischen Polarprovinz Nunavut (»Unser Land«). Diese Tradition reicht bis zu den Vorfahren der Inuit aus der Thule-Kultur zurück, die jahrhundertelang Gebrauchsgegenstände hergestellt hatten: Speere für die Jagd, Töpfe zum Kochen, Amulette für den Kult.

Auch in der Kooperative geht es mehr um das Alltägliche als um kreative Selbstverwirklichung. Im Erdgeschoss ist gerade Ankauftag. Dutzende Inuit in Bauarbeiterstiefeln stehen Schlange. Sie haben Plastiktüten voller Schnitzereien, Drucke und Zeichnungen dabei. Ein Mitarbeiter Merritts begutachtet die Werke und stellt Schecks aus. »Wir erwerben die Objekte und vermarkten sie an Galerien und Sammler in aller Welt«, sagt Merritt. Fast alle Dorfbewohner haben an den Erlösen der Kooperative teil.

Es ist kurz nach der Mittagspause. In der Werkstatt auf der anderen Straßenseite sitzen zwei Künstler hinter einem Zeichentisch und beugen sich über ihre noch ziemlich leeren Bögen Papier. Vor ihnen stehen Kästen mit Buntstiften, drum herum Staffeleien und Schubregale. Kinngait heißt das Atelier, so nennen die Inuit auch den Ort und die schroffen Felsen über der Bucht.

Irgendwo hier sollte jetzt Shuvinai Ashoona sein; wir sind verabredet. Darauf sei aber kaum Verlass, hat der Geschäftsführer Merritt gewarnt. In den Dörfern am Polarkreis diktiert nicht die Uhr den Tagesablauf, sondern die Natur. Wenn vor der Küste plötzlich Belugas auftauchen, fahren die Inuit hinaus auf See. Dann verwaisen die Schule, der Northern Store, das Gemeindebüro. Heute gibt es keine Wale, und Shuvinai ist da. Man muss sie nur erst mal erkennen. Es ist die kleine Frau Anfang fünfzig, die ihre dunklen Haare nach oben gesteckt und ihre Fingernägel hellblau lackiert hat. Als der Besucher das Atelier betritt, legt sie ihre Bleistifte zur Seite und sagt knapp: »Schön, Sie zu sehen.« Dann kichert sie wie ein Kind.

Warum Shuvinai Künstlerin geworden ist? »Weil es hier nicht viel anderes zu tun gibt und meine Familie mir gezeigt hat, wie es geht.« Schon ihre Großmutter Pitseolak war Grafikerin und gehörte zu den Pionieren der arktischen Kunst. Kiuwak, der die Schimäre geschnitzt hat, ist ihr Vater. Shuvinai sagt, es bedeute ihr nichts, dass sie zu einer angesehenen Künstlerfamilie gehört. »Ich mache nur das, was jeder hier macht.« Für ihre erste Bleistiftskizze hat sie vor zwanzig Jahren 25 Dollar bekommen, mittlerweile ist es bis zu zehnmal so viel. Die Galerien im Süden verkaufen ihre Zeichnungen für ein Mehrfaches.

Als Shuvinai aufsteht, wirkt sie noch schmächtiger als zuvor. Sie erzählt ziemlich viel und ziemlich durcheinander. Irgendwann erwähnt sie eine Lebenskrise: »Kunst ist für mich auch ein Weg der Heilung. Sie hat mir mehr geholfen als Tabletten.« Warum sie krank wurde, erzählt sie nicht.

Auf dem Weg nach draußen zieht Shuvinai einen Ausstellungskatalog aus einem Regal, kichert wieder und signiert die erste Seite. Auch ihre Handschrift ist die eines Kindes: krakelig und krumm. In dem Katalog steht zu lesen, dass viele Inuit bis heute unter den Folgen der kulturellen Entwurzelung leiden, seit sie ihr Nomadenleben aufgegeben haben und in feste Dörfer gezogen sind. Krankheiten, häusliche Gewalt und Missbrauch sind in der Arktis verbreiteter als im übrigen Kanada.

Zu Fuß geht es zum Hafen, zum Haus von Shuvinais Vater. Noch immer hängt Nebel über dem Ort. Fast wie ein Teppich, der vieles verdeckt. Aber eben nicht alles. Vor der Sozialbehörde in einer Baracke warten Menschen auf ihren Scheck vom Amt. Am Coffeeshop hängt ein Schild: »Kein Alkohol«. Auch der sorgt hier für Probleme. Es sind Szenen, wie sie Shuvinai immer wieder zeichnet: Momentaufnahmen von Menschen, die noch ihren Platz suchen in einer entlegenen Welt zwischen Tradition und Moderne.

Das Meer in der Bucht ist spiegelglatt. Am Strand liegen Eisbrocken. Kinder spielen im Schlick, den die Ebbe zurückgelassen hat. Wale sind keine zu sehen und auch keine Jäger. Dafür verrostete Fässer im Kies. In einem kleinen Haus am Ufer flackert ein Licht. Die Fassadenfarbe von Haus Nummer 2011 ist verwittert, der Treppenaufgang morsch. Vor dem Eingang liegen leere Plastikflaschen. Hier lebt Kiuwak Ashoona.

In der Wohnung stapeln sich verknitterte Klamotten, Taschentücher, Atemmasken aus Plastik. Kiuwak sitzt aufrecht im Bett. Seine Haare sind verstrubbelt, seine Augen leuchten. Er grüßt in Inuktitut, einer Sprache der Inuit. Ein Nachbar übersetzt. »Tut mir leid, dass ich Sie so empfange«, entschuldigt er sich und erzählt, dass er vor ein paar Jahren einen Schlaganfall hatte. »Seitdem schnitze ich nicht mehr so häufig, und wenn, dann hilft mir mein Sohn dabei.«

Kiuwak ist 79 Jahre alt, seine Stimme ist schwach. Doch sobald er spricht, schweigt jeder im Haus. Nur der Wecker auf dem Nachttisch tickt. Dieser betagte Mann also hat Kunstwerke für Prominente aus aller Welt geschaffen: für Königin Elisabeth II., den Tenno von Japan und Altkanzler Helmut Schmidt. Und eben das Mischwesen aus der Nationalgalerie. »Es war ein besonders schönes Stück Serpentinstein«, erinnert sich Kiuwak und lächelt. »Ich habe ihn vor meinem Haus mit Hammer, Meißel und Feilen bearbeitet, mit Schmirgelpapier geschliffen und zum Schluss mit Wachs poliert. Das war noch die alte Schule.« Der Übersetzer nickt. Viele jüngere Inuit bevorzugen heute elektrische Schleifmaschinen und Fräsen, weil es schneller geht.

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Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Bleibt die Frage nach dem Motiv. Kiuwak röchelt und hustet, dann spricht er: »Es ist eine Transformationsfigur, ein Fabelwesen, das ich mir beim Schnitzen ausgedacht habe.« Sein Schwiegervater habe ihn dazu inspiriert. Der war ein Schamane, der nach dem Glauben der Inuit Verbindung hielt zwischen Menschen und Geistern, zwischen dem Hier und dem Jenseits. Auch Kiuwak glaubt, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt, zum Beispiel in Mischwesen. Diese Schnitzerei ist eine Art Vermächtnis. Sein Vermächtnis.

Nach fünf Tagen lichtet sich der Nebel über Cape Dorset. Die Holzhäuser wirken nicht mehr so grau, die Permafrostböden nicht mehr so hart, die Felsen nicht mehr trostlos, sondern lebendig, überzogen mit Flechten, Moosen und weißen Blüten. Auf einem Hügel hoch über der Bucht taucht ein Inukshuk aus dem Dunst auf, ein Steinhaufen, den die Inuit als Wegweiser auftürmten.

Im Flughafengebäude tummeln sich wieder Kinder. Sie scharen sich um eine Reisende und bestaunen mit großen Augen ihr iPad. Als das Flugzeug abhebt, winken sie ihm nach. Ein letzter Blick auf Cape Dorset: Die Dächer und Container funkeln im Licht der Abendsonne. Sie sind winzige leuchtende Punkte auf einem unendlich weiten Land. Im Handgepäck reist ein kleiner geschnitzter Eisbär mit. Eingewickelt in Toilettenpapier, damit er nicht zerbricht.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf kommerzielle Werbung. Danke, die Redaktion/jp

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    Sehr geehrte Damen und Herren der Zeit-Online Redaktion ,

    leider wurde mein erster Kommentar gelöscht, da ich namentlich, also "werbend", auf eine Dame aufmerksam machen wollte, die enge Verbindungen zu den Inuit-Künstlern hat.
    Sie scheint aktuell, nach meinem Wissen, die einzige Bezugsquelle in Deutschland zu sein, über die diese Skulpturen erhältlich sind.
    Tatsächlich hat diese Dame einige Zeit dort mit den Künstlern zusammengelebt, kennt sie also persönlich.
    Ich wollte nicht plump Werbung machen, hatte keine kommerziellen Absichten. Denn ich selbst bin leidenschaftlicher Sammler dieser kraftvollen und ausdrucksstarken Figuren aus der Polarregion von Canada. Ich wollte lediglich einen Tipp geben, für Interessierte, die nicht die Zeit haben, nach Nunavut zu reisen und trotzdem die Inuit Künstler fair unterstützen möchten.

    Wie dem auch sei - mit etwas Recherche finden sicherlich auch die anderen den Weg zu der netten Dame, die ich ebenfalls erst vor kurzem ausfindig gemacht habe. Sie ist sehr seriös und authentisch, hat zu vielen der Künstler eine freundschaftliche Verbindung.
    Ist doch toll, wenn man sich bei Interesse sogar in der eigenen Muttersprache mit solch einer Expertin austauschen kann und unkompliziert über kurzen Weg an die Inuit Kunst kommt.
    Herzliche Grüße, pacemakerwv

  2. Wirkliches Interesse an dieser Kunst hatte der Autor wohl nicht, sonst hätte er nicht so lieblos und teileweise auch überheblich darüber berichtet. Er konnte jedenfalls nicht verständlich machen, warum die Kunst aus Cape Dorset und anderen Orten der Arktis weltweit so begehrt ist. Hoffe, dass die Zeit nicht für die Reisekosten aufkommen musste! Inuitkunst kann man übrigens auch in vielen Museen Deutschlands sehen, es gibt auch hier viele Bücher zu dieser speziellen Art von Kunst. Der Autor ist sicher kompetent, morgen über die im fernen Sibirien beim Schnitzen von Gartenspaten verwendeten Holzarten zu schreiben. Freue mich schon auf den Artikel!

  3. Sehr geehrte Damen und Herren der Zeit-Online Redaktion ,

    leider wurde mein erster Kommentar gelöscht, da ich namentlich, also "werbend", auf eine Dame aufmerksam machen wollte, die enge Verbindungen zu den Inuit-Künstlern hat.
    Sie scheint aktuell, nach meinem Wissen, die einzige Bezugsquelle in Deutschland zu sein, über die diese Skulpturen erhältlich sind.
    Tatsächlich hat diese Dame einige Zeit dort mit den Künstlern zusammengelebt, kennt sie also persönlich.
    Ich wollte nicht plump Werbung machen, hatte keine kommerziellen Absichten. Denn ich selbst bin leidenschaftlicher Sammler dieser kraftvollen und ausdrucksstarken Figuren aus der Polarregion von Canada. Ich wollte lediglich einen Tipp geben, für Interessierte, die nicht die Zeit haben, nach Nunavut zu reisen und trotzdem die Inuit Künstler fair unterstützen möchten.

    Wie dem auch sei - mit etwas Recherche finden sicherlich auch die anderen den Weg zu der netten Dame, die ich ebenfalls erst vor kurzem ausfindig gemacht habe. Sie ist sehr seriös und authentisch, hat zu vielen der Künstler eine freundschaftliche Verbindung.
    Ist doch toll, wenn man sich bei Interesse sogar in der eigenen Muttersprache mit solch einer Expertin austauschen kann und unkompliziert über kurzen Weg an die Inuit Kunst kommt.
    Herzliche Grüße, pacemakerwv

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