Aby WarburgDenn Bedeutung schlummert überall

Warum ausgerechnet der Kunsthistoriker Aby Warburg zur Kultfigur des Kunstbetriebs aufgestiegen ist. Ein Lehrstück. von Wolfgang Ullrich

Lieber Aby Warburg, warum nur sind Sie so in Mode gekommen? Warum wird ein Kunsthistoriker, der lange fast vergessen schien, zur Leitfigur für viele junge Künstler und Kuratoren von heute? So möchte man fragen, so will man den Titel einer Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Siegen umformulieren. Dort heißt es zurzeit Lieber Aby Warburg: Was tun mit Bildern?. Zu sehen gibt es vornehmlich vielteilige Installationen, Montagen und Arrangements meist fotografischer Bilder (bis zum 3. März). Sie alle spielen auf Warburgs legendären Mnemosyne-Atlas an, den er in den 1920er Jahren konzipierte.

Aby Warburg (1866 bis 1929) hatte Abbildungen von Kunstwerken genauso wie Werbebilder, Briefmarken oder Pressefotos gesammelt und wollte die versteckten Verbindungen ihrer Motive erforschen. Ihn interessierte, wie Bildmuster, die schon in der Antike existierten, über die Zeiten hinweg fortlebten und sich immer wieder neu inkarnierten. In platonischer Manier wollte er »Vorprägungen« von Bildern im Gedächtnis (griechisch: mnemosyne) ausfindig machen. Das Projekt blieb unvollendet, immer wieder arrangierte Warburg sein Bildmaterial neu, entdeckte andere Bezüge, suchte nach noch deutlicheren Mustern. Seine nur in Form von Fotografien überlieferten Bildtafeln sind somit Essays; sie dokumentieren Suchbewegungen eines Metaphysikers, der zum Urgrund aller Bilder strebte.

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Es ist das Essayistische, weniger das Metaphysische, was Warburg heute attraktiv macht. In einer Zeit, in der es in der Kunst üblich geworden ist, mit unterschiedlichstem, oft gefundenem Material zu operieren, liefert er das Paradigma dafür, wie sich mit Bildern in großer Anzahl und höchst diverser Art und Herkunft umgehen lässt. Dies umso mehr, als das Experimentelle seiner Tafeln die Künstler davon entlastet, etwas Endgültiges erschaffen zu müssen. Tatsächlich haben sich viele mittlerweile von dem auf einmal als pathetisch empfundenen Anspruch auf absolute Meisterwerke verabschiedet; sie reizt das Skizzenhafte, Provisorische, Variable.

Aby Warburg

1866 in Hamburg geboren, wuchs er in einer Bankiersfamilie auf, entschied sich dann aber für die Kunstwissenschaft und wurde einer ihrer wichtigsten Anreger.
1933 musste seine berühmte Bibliothek nach London emigrieren. Erst in den 1980er Jahren wurde Warburg neu entdeckt – heute gilt er vielen als Gründungsfigur der Kunstgeschichte.

Doch das allein erklärt nicht, warum Warburg zu einer Kultfigur des Kunstbetriebs aufsteigen konnte. Dies dürfte vielmehr wesentlich mit seiner Rätselhaftigkeit zu tun haben, damit, dass sich nur selten die Zusammenhänge der von ihm kombinierten Bilder erkennen lassen. Statt durch Evidenz fesseln sie damit, den Betrachter zu wechselnden Hypothesen zu verleiten, bis er schließlich selbst in einen Modus des Suchens, ins Essayistische, verfällt.

Genauso ergeht es einem vor vielen Tableaus und Installationen der zeitgenössischen Künstler – nicht nur in der Ausstellung in Siegen, sondern auch bei schon etwas älteren und arrivierten Arrangeuren von Bildern, bei Richard Prince, Hans-Peter Feldmann oder Wolfgang Tillmans. Sie alle stiften Nachbarschaften, die oft unergründlich bleiben. Im besten Fall, immerhin, geschieht etwas zwischen den Bildern, das aus dem Geheimnis einen Moment sprachlos-heller Überraschung werden lässt. Häufiger jedoch verendet die Suchbewegung in dem schalen Verdacht, einer Beliebigkeit aufgesessen zu sein. Sorgte bei Warburg der metaphysische Eifer noch dafür, dass seine Bilderanordnungen frei von Willkür blieben, wirken viele Arrangements in Siegen und anderswo gewollt kryptisch und damit manieriert. Dass sie im Namen der Kunst inszeniert werden, gewährt zwar vermeintlich die Lizenz zum Vagen, verführt aber vor allem dazu, selbst flott Kombiniertem erst einmal besondere Bedeutsamkeit zu unterstellen.

Der Autor

Wolfgang Ullrich ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Zuletzt erschien von ihm »An die Kunst glauben« (bei Wagenbach)

Doch nicht die Willkür ist das Hauptproblem; sie war immer das Kennzeichen mittelmäßiger Kunst. Heikler und zugleich interessanter ist, wie gut Warburg und die Aura des Geheimnisvollen zu einem Zeitgeist der Spekulation passen, zu einem Glauben an noch unentdeckte Bedeutungsressourcen. Allenthalben herrscht heute Schatzsucherstimmung, man hofft, aus geschickten Kombinationen gewaltige semantische Funken schlagen zu können. An der Verbindung von Bildern zu molekularen Einheiten fasziniert also die Suggestion, in jedem Moment könnte etwas Neues entstehen: eine zusätzliche Bedeutung, ein verblüffendes Aha-Erlebnis. Wer Bilder kombiniert, setzt auf Wertschöpfung, bereitet damit aber auch merkantilen Fantasien den Boden, ja folgt bereits der Logik des Kunstmarkts. Als Aufgabe und Leistung eines Künstlers erscheint es dann, möglichst profane Einzelteile zu möglichst bedeutungsschwangeren und entsprechend wertvollen Ensembles zusammenzufügen.

Etliche Formulierungen im Katalog zur Siegener Ausstellung sind verräterisch, so wie auch andere Texte zu Künstlern, die ihre Arbeit als ein Schöpfen durch Kombinieren begreifen. So heißt es etwa über Batia Suter, in den »Schaltstellen zwischen den Bildern«, wo ein »Spannungsfeld« entstehe, werde alles mit »Bedeutung aufgeladen«. Ein Tableau von Tobias Buche wird zur »Energieladung« erklärt, für die Praxis von Koenraad Dedobbeleer »die Produktion von Bedeutung« als »zentral« hervorgehoben. Bedeutung aber sei »dynamisch«, »ein Prozess«, finde im »Modus der Intensivierung« statt, schreibt Elke Marhöfer über ihre eigene Arbeit.

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