Klaus Wowereit verkörpert den Sonderfall eines Regierungschefs, der weniger nach seinem politischen Gewicht taxiert wird als nach seinem Unterhaltungswert. Ein Politiker, der weder andere noch sich selbst ernst nimmt, wird selbst nicht ernst genommen – weshalb er sich mehr erlauben darf als andere. Das ist die Methode Wowi. Doch jetzt funktioniert sie nicht mehr. Weil der Ernst der Lage größer ist als Wowereits Unernst.

Zum vierten Mal ist die Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens in Schönefeld (BER) nun verschoben worden, vom 27. Oktober 2013 auf irgendwann. Das größte Infrastrukturprojekt für Ostdeutschland, so hat Wowereit stets betont, sei entscheidend für die Zukunft Berlins. Wie kein anderes Vorhaben in seiner elfeinhalbjährigen Amtszeit als Regierender Bürgermeister von Berlin hat Wowereit den BER zu seiner Sache gemacht. Mit ihm, dem drittgrößten Flughafen Deutschlands, sollte sein Name künftig verbunden bleiben, so wie die Agenda 2010 mit dem Namen Gerhard Schröders verbunden ist – nur positiver.

Jetzt steht sein Name für das größte Debakel in der jüngeren Geschichte Berlins, für eine Provinzposse mit Hauptstadtkulisse, die sich mit der Flut von Schadensersatzklagen, die anrollen wird, endgültig in eine Tragödie verwandelt. Vor allem in eine finanzielle. Auch international ist der BER eine Blamage. An der Zukunft, die Wowereit sichern wollte, wird Berlin noch schwer zu tragen haben.

Das ist der eine Grund, warum Klaus Wowereit zurücktreten sollte. Und der andere ist, dass er sich im Umgang mit der Krise als überfordert erweist. Je mehr er sich mit den Pannen und Pleiten am Flughafen befasst, desto größer werden sie. Je intensiver er sich der Probleme annimmt, umso schneller kommen neue hinzu.

Der Vorsitzende im BER-Aufsichtsrat, Wowereit, zieht sich nun auf den Posten des Stellvertreters zurück, und der Stellvertreter, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, steigt zum Vorsitzenden auf. Der Tausch des einen Desasterkönigs mit dem anderen folgt nicht der Logik klugen Krisenmanagements, sondern einer Liedzeile Herbert Grönemeyers: »Es wird so, wie es war.« Platzeck bekommt zwar zur traurigen Lage deutlich unangestrengter den passenden Gesichtsausdruck hin als sein Vorgänger, das macht die Berlin-Potsdam-Rochade aber keinen Deut überzeugender.

Wowereits oft charmanter Unernst hat ihn stets geschützt, hat geholfen, über seine Eskapaden und Fehler hinwegzusehen. Jetzt, in der tiefsten Krise, ist der Regierende Bürgermeister nicht nur jedes Charmes beraubt, sein Witz funktioniert auch nicht mehr als Schutzschild. Im Gegenteil. Sein Unernst macht Wowereit so angreifbar wie noch nie. Er würde sich selbst einen Gefallen tun, wenn er nun zurückträte. Sein Amt muss er opfern, um sein Ansehen zu retten. Und nicht nur seines.

Wowereit, davon hat er stets profitiert, war in den Augen der Öffentlichkeit lange Zeit identisch mit seiner Stadt, mit dem hochkreativen und hoch subventionierten Berlin. Mit dem Berlin, in dem Trends gemacht werden, Moden und Ideen, Lebensstile und Lebensentwürfe entstehen. Doch nun heißt es nicht mehr »arm, aber sexy«, sondern Schluss mit lustig.