Wie gesagt, mit ihrem Essen nehmen es die Schwaben genau. Auch Wolfgang Stepper, der in Schöneberg einen kleinen Spezialitätenladen hat. »Wenn die Seelen zu lang oder zu dick sind, lasse ich sie zurückgehen«, sagt er und nimmt noch einen Schluck von dem Trollinger, der vor ihm auf dem Tisch steht, mitten in seinem Laden. Wer bei ihm abends reinkommt, bekommt erst einmal ein Viertele angeboten. Ein Stammkunde sitzt gerade auch da, isst eine Seele mit Leberkäse, man »schwätzt« halt ein bisschen, das gehört dazu.

Steppers Geschäft heißt Ebbes. Es passiert schon mal, dass ihn jemand mit »Herr Ebbes« anspricht, dabei bedeutet der Name auf Hochdeutsch schlicht »etwas«. Und davon gibt es bei Stepper reichlich. Seit Ende der Siebziger lebt der gelernte Setzer in der Stadt. Als die Druckereien, für die er arbeitete, eine nach der anderen Pleite machten, setzte er auf das, was für ihn in Berlin Mangelware war: Schäufele, Ochsenmaulsalat, Landjäger. Und Maultaschen natürlich. »200 Kilo habe ich davon vor Weihnachten verkauft«, sagt er. Immer wieder musste er in den vergangenen Tagen die Kundschaft vertrösten: Er hat keine mehr. Es gab noch keine Lieferung nach Weihnachten. »Die da unten arbeiten noch nicht wieder, verstehste«, sagt er und meint die Schwaben. Ein Berliner »verstehste« mogelt sich bei ihm dauernd zwischen das Schwäbeln, immer wieder auch »ick«, »ooch« und »wa«. Er regt sich trotzdem über den Müll auf, der nach der Silvesternacht überall auf den Straßen rumlag. »Aber wir haben ja jetzt einen schwäbischen Polizeichef in Berlin, da kehrt endlich wieder Ordnung ein.«

Stepper und seinen Laden kennen die Berliner Exilschwaben natürlich. Auch Achim Ruppel schaut manchmal rein. Er ist Schauspieler und seit 1979 in der Stadt. Vergangenen Herbst hat er mit der Schwabiennale eine Kulturwoche mit Spezialitäten, Musik und Theater gefeiert. Die Schwabenhass-Debatte hat ihn angespornt. Sein Motto: »Hassen dürft ihr uns, aber zuerst wird gevespert.« Ruppel wohnt ausgerechnet am Stuttgarter Platz in Charlottenburg, dem wohl schwäbischsten Ort in Berlin: Hier ist die einzige Fußgängerzone der Stadt (die kleine in Alt-Tegel zählt nicht). »Ein fürchterlicher Ort«, findet er allerdings.

Sein Theaterstück Schwabenhatz zeigt, wie ähnlich sich Schwaben und Berliner sind, und sei es nur im trotzigen Nachsatz »gell« beziehungsweise »wa«. Ab März wird das Stück wieder aufgeführt, in Berlin und Stuttgart. Die Völkerverständigung ist übrigens schon geglückt: Die Graffiti fürs Bühnenbild hat einer gemacht, der selbst schon »Schwaben raus« an Berliner Fassaden gesprayt hatte.

Auch vor dem Hotel Michelberger an der Warschauer Brücke stand eine Weile auf einer Tafel: »Ein Hotel für alle außer: Schwaben, Engländer und Iren ab einer Anzahl über fünf Personen oder in Superman-Kostümen«. Tom Michelberger lacht, als man ihn darauf anspricht. »Das hatte nichts zu bedeuten«, sagt der Mittdreißiger mit dem angedeuteten Schnauzbart. »Wir wollten nur verhindern, dass größere Gruppen die Atmosphäre stören. Und um zu zeigen, dass es uns nicht um Nationalitäten geht, haben wir uns mit draufgeschrieben.« Er ist selbst Schwabe aus Bad Saulgau, und eine Seele, die ihm schmeckt, hat er in Berlin noch nicht gefunden. Aber Abgrenzungen sind nicht sein Ding, »eine Metropole lebt von den Impulsen von außen«, findet er.

Sein Michelberger, eröffnet 2009 in einem alten Fabrikgebäude, ist sicher das eklektischste Hotel der Stadt. Das Café und die Bar haben mehr von einer Sofalandschaft, Bücher sind in Gitterkörbe gefüllt, die Lampen haben Zeitungsfransen, und die Wände sind unverputzt. »Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir uns wohlfühlen«, sagt Tom Michelberger. Eine Filiale in Brooklyn ist geplant. »Moment mal«, er steht auf, hastet zur Bar und greift eine Flasche von einem angestrahlten Wandaltar. »Das ist unser Kräuterlikör«, sagt Michelberger, »hergestellt in einer Berliner Manufaktur – aber einer der Geschäftsführer ist auch ein Schwabe.«

Die süddeutschen Tupfer bei der Einrichtung hält er für Zufall: »Uns ging es um Gemütlichkeit.« So sieht der hellgraue Speisesaal eben aus wie die Neuerfindung eines Landgasthauses, mit langen Tafeln und rot-weiß karierten Servietten. Das viele Holz, der Kleinkram mit Geschichte, sie zitieren die Provinz, ohne provinziell zu wirken. Seien es die Kuckucksuhren gegenüber der Rezeption oder die Handvoll kleiner Äpfel, die neben dem Gästebuch liegen wie frisch von einer Streuobstwiese. Oder eben die altertümliche Mustertapete in den Zimmern, die bei genauem Hinsehen eine wilde Mischung aus kleinen Dingen ist: Bohrer, Blitze, Bowling-Pin, jedes Symbol steht für einen aus der Hotelcrew. Michelberger ist, na klar, eine Brezel.

Apropos: Wolfgang Thierse könnte im Übrigen ausgerechnet in der Schwäbischen Bäckerei finden, was viele Ostberliner für ausgestorben halten – die gute alte Ostschrippe. Sie liegt passenderweise direkt neben einer anderen Brötchenspezialität: dem Schwabeneck.