Afghanistan-Einsatz : Der Krieg der anderen
Seite 2/2:

Tausende von Zwischenfällen – von denen die Deutschen nichts merken

Andere Armeen riskieren mehr. Vom 1. Oktober bis zum 9. Dezember registrieren die westlichen Truppen rund 4.240 Sicherheitszwischenfälle, Angriffe auf afghanische Armee und Polizei, auf Zivilisten und die ausländischen Soldaten. 39 Isaf-Angehörige sterben und 318 werden verletzt. In einem Wochenbericht der Bundeswehr aus dieser Zeit heißt es knapp: »keine berichtenswerten Ereignisse«.

Am Abend liest ein Zugführer im OP North von seinem Notizblock ab, was der Tag so gebracht hat. Sechs tote Isaf-Soldaten in Süd- und Westafghanistan, Briten und Amerikaner hat es erwischt. Die deutschen Soldaten blicken betroffen drein.

Anfang September wurden deutsche Truppen 27 Kilometer vom Camp entfernt beschossen, wenige Tage später wurde ein gepanzertes deutsches Fahrzeug bei einem Sprengstoffanschlag beschädigt; Ende November griffen Einheimische eine deutsche Patrouille mit Steinen an. Das waren die schwersten Vorfälle der vergangenen Monate, Verletzte gab es in allen Fällen nicht, vielleicht auch wegen der hervorragenden Ausstattung der deutschen Truppen. »Wir haben bei der Schutzausrüstung ein Niveau erreicht, das wirklich am oberen Rand dessen liegt, was bei den Verbündeten üblich ist«, schwärmt der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus.

Man muss die Zurückhaltung der Deutschen nicht falsch finden. Im Frühjahr soll der OP North abgebaut werden; wann, wenn nicht jetzt, sollen die einheimischen Truppen lernen, allein zurechtzukommen? Seit September koordinieren die Afghanen die Militärmissionen in Baghlan. »Wir sollen nur noch unterstützen, wenn die Afghanen nicht weiterkommen«, sagt der stellvertretende Kommandeur des deutschen Lagers.

Falsch allerdings ist es, aus der geringen Zahl deutscher Opfer auf eine verbesserte Sicherheitslage zu schließen, wie die Bundesregierung es nun tut. Die Deutschen erleiden kaum noch Verluste, weil sie ihren Abzug vorweggenommen und sich überwiegend in ihre Lager zurückgezogen haben. Das entspricht dem geplanten Rückzug aus Afghanistan, aber es taugt nicht dazu, ihn zu begründen.

Auch die Taliban haben ihre Prioritäten angepasst; ihre Angriffe richten sich nun vor allem gegen die afghanischen Sicherheitskräfte. Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung laufe gut, findet der deutsche Vizekommandeur.

Eine Hierarchieebene weiter unten herrscht deutlich weniger Optimismus. Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften sei schwierig, berichtet ein Kompaniechef der Pioniere. Deren Kommandeure riefen gelegentlich um fünf Uhr morgens an und wollten spontan gemeinsam ausrücken. Die Deutschen dagegen planen solche Operationen sorgfältig und schicken Drohnen zur Aufklärung voraus. »Ob die Afghanen 2014 in der Lage sein werden, hier allein für Ordnung zu sorgen, weiß heute keiner«, sagt der Pionier. Mit einiger Sicherheit lässt sich nur dies sagen: Der deutsche Beitrag zur Befriedung der Provinz Baghlan fällt inzwischen kaum noch ins Gewicht.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

@ B. Giertz

Es gibt keine Chance, Menschen davon abzubringen, sich gegenseitig umzubringen.

Es ging in Afghanistan auch niemals darum, sie davon abzuhalten. Es ging um die Rache von G.W. Bush und um die bescheuerte Idee eines SPD-Kanzlers, man könne Frieden stiften.

Es ist auch völlig wurscht, wieviel Soldaten angeblich nicht gekämpft haben oder in der Nase gebohrt haben. Es wurde dort auch nie unsere Freiheit oder sonst ein plakatives Ziel verteidigt.

Es war besch-- Politik auf Kosten der Menschen. Punkt