Afghanistan-EinsatzDer Krieg der anderen

Fortschritte in Afghanistan? Ja, für die deutschen Soldaten. Sie leben sicherer als je zuvor – weil sie kaum noch ausrücken. von 

Es geht voran in Afghanistan! Die Sicherheitslage, sagt der Außenminister, habe sich »weiter stabilisiert«. Kein deutscher Soldat hat im vergangenen Jahr sein Leben verloren, was »eine große Erleichterung« sei, sagt Westerwelle. In 23 von 34 Provinzen übernehmen demnächst die Afghanen die Verantwortung für die Sicherheit – »ein positives Zeichen«, wie der Außenminister findet. Es klingt, als könnten die Deutschen sich demnächst guten Gewissens verabschieden. 2014 ist der Abzug geplant.

Die schlechte Nachricht ist, dass all das wenig besagt. Man muss die deutschen Truppen besucht haben, um die vermeintlichen Erfolgsmeldungen einordnen zu können.

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OP North, der deutsche Stützpunkt in der Unruheprovinz Baghlan, gilt unter deutschen Militärs als der härteste Einsatzort in Afghanistan. In Masar-i-Scharif und Faisabad – bis zur Übergabe an die Afghanen – mochte der tägliche Dienst Routine sein, in Kabul sowieso. In Baghlan, so heißt es, werde noch gekämpft.

OP North im September. Während in Kabul und Kundus Afghanen gegen den Mohammed-Film amerikanischer Islamhasser demonstrieren, langweilen sich drinnen im Lager die deutschen Soldaten. Darts, Kicker, Billard, RTL2 und Boum Boum, ein Energydrink, den die Soldaten von einem afghanischen Händler im Camp beziehen. Seit Kurzem wird Golf angeboten.

OP steht für Observation Point, Beobachtungsposten. Der OP North ist drei Jahre alt und thront wie eine mittelalterliche Festung auf einem staubigen, kargen Berg. Zäune und Türme umgeben das Camp, darüber schwebt ständig ein Zeppelin, dessen Kameras die Umgebung des Lagers überwachen. 500 Soldaten leben hier, Sanitäter, Pioniere, Panzergrenadiere und Infanteristen. Und hier bleiben sie, Tag um Tag. Wegen des Schmähfilms herrsche »eine höhere Sensibilisierung«, heißt es beim Einsatzführungskommando in Potsdam. »Die nächsten Tage kommen wir nicht raus«, so fasst ein Zugführer im OP North die Befehle zusammen. Demonstrationen, geschweige denn Ausschreitungen gibt es nicht in Baghlan. Dennoch werden es am Ende zwei Wochen sein, in denen sich die deutschen Truppen am härtesten Einsatzort der Bundeswehr aus Furcht vor antiwestlichen Racheakten aufgebrachter Muslime ausschließlich mit sich selbst beschäftigt haben.

Der nächste Einsatz? »Vielleicht nächste Woche. Mal sehen«

Ausschließlich? Nicht ganz! Schüsse im eigenen Lager schrecken die Soldaten auf. Ein Angriff? Ein Innentäter? Nein, afghanische Hilfstruppen haben mit ihren Kalaschnikows in die Luft gefeuert. Angeblich ein Waffentest. Er glaube das nicht, sagt der Chef der Kampfmittelräumer später zu seinen Männern. Denn im Gegensatz zur Bundeswehr haben die afghanische Armee und Polizei draußen an diesem Tag wieder mal Verluste erlitten. Vermutlich hätten die Afghanen die Deutschen an den Krieg erinnern wollen. Und daran, wie ein Gefecht klingt.

Der Krieg in Afghanistan wird zum Bürgerkrieg in dem Maß, in dem afghanische Truppen es übernehmen, den aufständischen Taliban entgegenzutreten. Die Zahl der westlichen Opfer sinkt, dafür erleiden die afghanischen Truppen immer schwerere Verluste. Etwa tausend einheimische Soldaten starben im vergangenen Jahr, mehr als je zuvor. Und die erfreuliche deutsche Opferbilanz hat eben eine Kehrseite: Konsequenter als andere halten sich die Deutschen aus den Kämpfen heraus.

Die bei Weitem tödlichste Waffe der Aufständischen ist die Sprengfalle. Von den Verlusten der Regierungstruppen und der westlichen Armeen sind 85 Prozent auf selbst gebastelte Bomben und Minen zurückzuführen. Die Deutschen haben spezialisierte Kampfmittelräumer im OP North. Seit Juli sind sie nun im Einsatz, wie viele Minen haben sie in dieser Zeit beseitigt? Nicht eine, sagen die Soldaten auf Nachfrage. Und ihre Vorgänger hätten in den vier Monaten ihres Einsatzes auch nicht mehr erreicht.

Nach Einbruch der Dunkelheit trifft sich ein Zug der Minenräumer zur täglichen Besprechung. Rund 20 Männer drängen sich in einem Aufenthaltsraum des Camps. Der stellvertretende Zugführer zählt die wegen der »angespannten Sicherheitslage« abgesagten Missionen für die nächsten Tage auf: Eine Suche nach Sprengfallen wird verschoben. Eine Patrouille mit den Panzergrenadieren am Samstag fällt aus. »Vielleicht kommen wir nächste Woche wieder raus«, sagt der Stabsfeldwebel. »Mal sehen.« Dann bittet er um Anmeldungen für das nächste Skat-Turnier.

Leserkommentare
  1. Zurueckhaltung ist durchaus vernuenftig. Im Jahre 2013 ist jetzt endlich klar dass der Krieg in Afghanistan verloren ist.
    Dass der deutsche Soldat keine Lust hat sich kurz bevor die Abzugsglocke laeutet noch totschiessen ist schlicht rational.
    Es ist ja nicht so dass so ein Opfer noch irgendwas aendern wuerde. Zu gewinnen gibt es da nichts mehr ausser ein fruehes Grab.
    In Afghanistan wird heutzutage lediglich Symbolpolitik betrieben : Praesenz vor Ort zeigen damit man am Ende sagen kann man hat die Buendnispflichten erfuellt. Die hehren Kriegsziele, sofern es sie jemals gegeben hat, sind auf einen einigermassen geordneten Rueckzug geschrumpt.
    Auch der Herr Taliban weiss natuerlich dass die Auslaender in einem Jahr ueber alle Berge sind. Er konzentriert sich lieber auf einen Gegner der noch realen Widerstand leistet, daher Schonung fuer die Deutschen und Angriffe auf die afghanische Armee.
    Man hat sich auf einen Modus Videndi geeinigt : Ihr Deutschen lasst uns in Ruhe in unseren Doerfern Scharia machen, dafuer schicken wir euch keine Moersergranaten ins Lager. Eigentlich ganz zivilisiert.
    In einem Jahrzehnt wird man dies als unruehmliches Kapitel deutscher Aussenpolitik abgehakt haben. Einige Akademiker werden noch darueber streiten welche parlamentarischen und militaerischen Prozesse schiefgelaufen sind dass Deutschland in so eine bloede Sache reingeraten ist, ansonsten interessiert es keinen mehr.
    Fazit: Nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert.

  2. Im Artikel wird meines Erachtens keine groessere Einsatzbereitschaft der Deutschen gefordert. Es wird lediglich festgestellt, dass man aus den geringen deutschen Verlusten nicht auf eine erhoehte Sicherheit in Afghanistan schliessen sollte, da dies der Sachlage nach nicht zutreffend ist. Es wird im Artikel sogar angefuehrt, dass in Anbetracht des geplanten Abzugs die aktuelle Zurueckhaltung nur konsequent ist.

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  3. 27. Nein...

    sie geben hier den falschen Leuten die Schuld.

    Es liegt nicht an der Bevölkerung, die Bevölkerung weiß eigentlich gar nicht was da unten wirklich abgeht.

    Das ist auch so gewollt, Verluste und Mißerfolge werden beiläufig erwähnt und kaschiert mit Fussball-Erfolge und Gleichberechtigungsgebrabbel, die Desinformation wird auf anderer Ebene veranlasst, das ist ein "Alter Hut".

    Es würde auch nicht wirklich beim Heimkehren helfen, wenn hier Zuhause kleine Blumenmädchen auf der Strasse tanzen und alle schreien wir sind Stolz auf euch, der Punkt die "Mission" der Bevölkerung zu erklären wurde mit Absicht vor 11 Jahren verpasst.

    Den Sinn eines Krieges kann man nicht erklären jedenfalls nicht glaubwürdig, daher wird es seid jeher unterlassen bzw. mit gruden Gründen geschmückt.

  4. Besonders Deutschland will keinen Krieg, denn Deutschland musste beim 1. und 2. Weltkrieg leiden. Von Deutscbland wird kein Krieg mehr ausgehen. So dachten unsere Vorwäter. Die heutige SPD und CDU sind leider wieder kriegslüstig. Die Grünen sind auch nicht viel besser.

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  5. Beitrag etwas zu ernst nehmen?
    Ich fand den lustig. Inhaltslos, aber lustig.

    Antwort auf
  6. "OP North, der deutsche Stützpunkt in der Unruheprovinz Baghlan, gilt unter deutschen Militärs als der härteste Einsatzort in Afghanistan. In Masar-i-Scharif und Faisabad – bis zur Übergabe an die Afghanen – mochte der tägliche Dienst Routine sein, in Kabul sowieso. In Baghlan, so heißt es, werde noch gekämpft."

    Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass der Autor dieses "Artikels" KEINE Ahnung von dem hat, was die deutschen Kräfte in ihren jeweiligen Einsatzräumen zu leisten haben. Wenn ich lesen, dass der Dienst in Standorten wie Faisabad oder Masar-i-Sharif "Routine" sei, dann hinterfrage ich, ob der Autor überhaupt wahrgenommen hat, was er bei seinen "zahlreichen" Besuchen in Afghanistan gesehen hat bzw. ob er eine objektive Meinungsbildung seinerseits überhaupt zugelassen hat.
    Die Aussagen dieses "Artikels" sind ein Schlag in das Gesicht jedes einzelnen Soldaten, der im Einsatzgebiet gedient hat. Wenn der "Autor" aufgrund seiner journalistischen Sensationsprägung über gefallene Soldaten berichten möchte, so soll er dann auch das Rückgrat beweisen und sich mit den betroffenen Familien in Deutschland auseinanderzusetzen.
    Es ist aus meiner Sicht beschämend, wie sich der "Autor" über den Einsatz äußert.

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  7. ... und Brunnen befinden sich mittlerweile eigentlich auf dem Gelände des OP North?

  8. Ich bin dafür, dass sie direkt abziehen. Alle miteinander. Zudem sollte Deutschland endlich aus der NATO austreten, damit sie solche Verbrechen nicht mehr unterstützen muss. Spannend finde ich aktuell die Rekrutierungsversuche der Bundeswehr, da die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Ein breites Bündnis von Initiativen organisiert in Mannheim einen Flashmob dagegen:

    bit.ly/die-in

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