Im Sommer 1946 entsendet der britische Militärgeheimdienst Bios sogenannte T-Forces ins ausgebombte Deutschland. Mehrere Spezialeinheiten sollen militärisches und industrielles Wissen absaugen und auf diese Weise geistige Reparationszahlungen eintreiben. Unter ihnen ist auch eine elfköpfige Truppe, die auf das Geheimnis des deutschen Designs angesetzt ist.

Was heute absonderlich klingt, hatte damals einen ernsten Hintergrund. In den Vorkriegsjahren hatten die Deutschen mehr exportiert als die Briten, und die Handelsexperten der Londoner Regierung vermuteten, es könnte an der "Überlegenheit" der Form deutscher Produkte liegen.

Also durchsucht die Spezialeinheit 92 deutsche Firmen, spricht mit Unternehmern, Technikern und Designern. Die Deutschen sind den Repräsentanten der Siegermacht voll auskunftspflichtig. Was die britischen Experten erfahren, schreiben sie in einem 155-seitigen Bericht nieder. Britische Unternehmen können ihn für nur 14 Shilling in der Londoner Geschäftsstelle des Geheimdienstes beziehen.

Gäbe es heute einen solchen Bericht, er wäre ein Bestseller, denn die Jagd nach dem Geheimnis des deutschen Industriedesigns hat wieder begonnen. How Germany became a Design Superpower, titelte das Londoner Fachmagazin Wallpaper 2012. Auf 84 Seiten huldigt es der deutschen Designszene, beschreibt sie als "risikofreudig, experimentell, eigen und zukunftsweisend".

Barack Obama ging die Sache in einer Rede an seine Berater allgemeiner an. "Wenn Deutschland, eine reiche Industrienation mit starken Gewerkschaften, 40 Prozent seiner Wirtschaft durch Exporte generiert, dann scheint es mir, dass uns etwas fehlt, was sie richtig machen, und das müssen wir herausfinden", erklärte der Präsident. Aber eines ist klar: Design gehört heute dazu.

Und: Industriedesign hat im globalen Wettbewerb enorm an Bedeutung gewonnen, weil die Technik allein oft keine Quantensprünge mehr zulässt. Autos, Haushaltswaren, Möbel, Unterhaltungselektronik – Design ist mehr als bloße Oberfläche, es trägt einen entscheidenden Teil zur Wertschöpfung bei. Oft genug bestimmt die Form über Erfolg und Misserfolg – und ist Gegenstand milliardenschwerer Prozesse, wie sie vor allem Apple und Samsung ausfechten.

Die Deutschen genössen weltweit einen Ruf als gute Techniker und findige Tüftler. Aber auch im Industriedesign "haben sie in vielen Bereichen die Nase vorn", bestätigt Peter Zec, der Initiator des red dot design award. Damit werden sie auch attraktiv für kriminelle Konkurrenz. "Wo Design zu den Kernwerten deutscher Produkte gehört, ist es das Ziel industrieller Spionage", sagt Christian Schaaf von der Sicherheitsfirma Corporate Trust.

Wer die Firma Phoenix Design im Stuttgarter Industriegebiet betritt, muss deshalb schon am Empfang eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Zu den Kunden des Unternehmens gehören Bosch, Siemens, Mercedes, Liebherr, Junghans, Loewe und Lamy. Das Designhaus ist so etwas wie eine Brutstätte deutscher Produktästhetik.

Tom Schönherr, Gründer und Chef von Phoenix Design, hat schon den ersten tragbaren Apple-Computer mitgestaltet. Er war dabei, als Steve Jobs 1982 in der kleinen Schwarzwaldgemeinde Altensteig "alles vom Tisch fegte, was ihm nicht einfach genug war". Die Reduktion auf das absolut Wesentliche ist bis heute Schönherrs Credo – und ein Markenzeichen vieler deutscher Produkte.