Es ist unnötig, Hannah Arendt zu rühmen, aber es ist unerlässlich, immer wieder an sie zu erinnern. Sie war vieles gleichzeitig: eine politische Theoretikerin von Rang, die ein Schlüsselwerk der Totalitarismus-Analyse verfasst hat. Sie war eine begnadete politische Intellektuelle, eine furchtlose Kämpferin, die keine Rücksicht nahm, am wenigsten auf sich selbst. Wer ihre Bücher liest, für den bekommt das Wort Freiheit einen neuen Klang.

Die Regisseurin Margarethe von Trotta setzt der Philosophin nun ein Denkmal. Sie hat dabei keine Episoden aneinandergeklebt oder gar als Zwangsabgabe an den medialen Trend (»Philosophie zum Anfassen!«) Arendts Affäre mit dem verheirateten Katholiken Martin Heidegger wiederaufbereitet. All das nicht. Von Trotta hat einen der größten Skandale der Nachkriegszeit verfilmt, den weltweiten Aufruhr um Arendts Buch Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Ihre zuerst im New Yorker erschienene Reportage löste unter den Intellektuellen einen Bürgerkrieg aus; die Überlebenden der Vernichtungslager empfanden die Formel von der »Banalität des Bösen« als zweite, symbolische Ermordung, ausgerechnet durch die Jüdin Hannah Arendt.

Der Film beginnt 1960 mit dem Kidnapping Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst in Argentinien, dann sieht man Hannah Arendt (Barbara Sukowa) in ihrer New Yorker Wohnung, jenem Schicksal entronnen, das Eichmann, der perfid einfallsreiche Organisator der Judendeportationen, für sie vorgesehen hatte. Die Philosophin ist von einer ansteckenden intellektuellen Heiterkeit, sie gibt Abendgesellschaften und genießt Amerika, damals noch ein großes Versprechen. Es wird viel geraucht und getrunken, hier reden freie Geister und streiten mit spekulativer Leidenschaft um das Große und das Ganze. Man kann durchaus neidisch werden.

Als William Shawn (Nicholas Woodeson), Herausgeber des New Yorker, anfragt, ob sie vom Eichmann-Prozess berichten wolle, sagt Arendt sofort zu. Sie reist nach Jerusalem und ist verblüfft, dass ihr in Eichmann kein Ungeheuer begegnet, sondern ein aschgrauer Bürokrat; keine Bestie, sondern ein gedankenloser Vollstrecker von obszöner Gewöhnlichkeit. Das Böse sei »radikal«, hatte sie bislang geschrieben, doch als sie Eichmann im Glaskasten sitzen sieht, ändert sie ihre Meinung: »Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie.« Einen »Hanswurst« nennt sie den Angeklagten, zuweilen findet sie ihn sogar komisch und muss beim Lesen der Verhörprotokolle laut lachen. Eichmann sei »nicht Richard III.«; er ist ein moralisch deformierter Mensch ohne Vorstellungskraft – er verkörpert das moderne Böse, und dieses Böse ist banal. Als sei dies nicht genug der Provokation, wirft Arendt den Judenräten vor, sie hätten mit den Nazis kollaboriert und ohne ihre Feigheit wären nicht so viele Juden umgekommen. »Es gab keine Möglichkeit des Widerstands, aber es gab die Möglichkeit, nichts zu tun.«

Ob sie das alles veröffentlichen wolle, fragt Shawn besorgt, aber Hannah Arendt hat nichts zurückzunehmen. Der Sturm bricht los, die Freundschaft mit Hans Jonas (Ulrich Noethen) zerbricht, auch der Zionist Kurt Blumenfeld, ihr alter politischer Mentor und väterlicher Freund (Michael Degen), wendet sich ab und stirbt unversöhnt. Fortan hat die Philosophin die Welt zum Feind, und selbst ihre große Verteidigungsrede an der Columbia-Universität kann das Blatt nicht mehr wenden.

Arendt hat stets recht

Von Trotta erzählt das alles recht treuherzig, sehr artig und manchmal ziemlich holzschnittartig. Sie überfordert den Zuschauer nicht, die Handlung wird mit sämiger Musikpaste bestrichen, und dass am Riverside Drive Tag und Nacht die Polizeisirenen heulen, versteht sich von selbst. Nichts darf fehlen, und in einer Rückblende sieht man die Studentin Hannah Arendt in ihrer Dachkammer, wie sie auf »den Segen meines Lebens« wartet, auf Martin Heidegger (Klaus Pohl), der die Treppe hinaufstürmt und seinsvergessen in ihrem Schoß versinkt. Nach dem Krieg wandeln beide unter deutschen Eichen, die jüdische Philosophin Seit’ an Seit’ mit dem Mann, der den »Führer« führen wollte. Man weiß nicht, in welchem Zusammenhang die Szene zum Eichmann-Thema steht, aber es wird schon einen geben.

Gewiss, von Trotta macht aus ihrer Heldin keine Madonna des philosophisch erleuchteten Herzens. Doch Barbara Sukowa spielt die Figur so eindringlich, dass ihre Argumente zuverlässig mit der Aura ihrer Person verschmelzen, das heißt: Arendt hat stets recht, und wer so tapfer einer Hexenjagd standhält, der muss die Wahrheit auf seiner Seite haben.

Aber so war es ja nicht. Arendts Rede von der »Banalität des Bösen« war eine Provokation, die von den Überlebenden falsch verstanden werden musste. »Herzlos« sei ihr Ton, schrieb ihr ein erbitterter Gershom Scholem, so dürfe man über die Barbarei nicht reden. Auch Arendts These selbst steht auf tönernen Füßen. Sie hat zwar mit genialem Gespür eine historisch neue Gestalt des Bösen beschrieben, die systemische, gleichsam überpersönliche Verbindung aus bürokratischem Kalkül und millionenfacher Vernichtung. Doch Eichmann war dafür das falsche Beispiel. Nach allem, was die Forschung ans Licht gebracht hat, war er kein beflissener, »erschreckend normaler« Verwaltungstäter, kein Rädchen im Getriebe. David Cesaranis Eichmann-Buch (Propyläen-Verlag) oder Bettina Stangneths Studie Eichmann vor Jerusalem zeigen, dass der Verwaltungsmassenmörder vor Gericht eine »perfide Show« abzog. Auch die von Stangneth rekonstruierten Aufzeichnungen seines Verhörers Avner Werner Less (»Lüge! Alles Lüge!«, ebenfalls Arche Verlag) bestätigen den Verdacht, Eichmann habe sich – um dem Strick zu entgehen – als subalterner Befehlsempfänger inszeniert. Es sei einfach verblüffend, schreibt Less, mit wie viel »Naivität« Hannah Arendt ihm »auf den Leim« gekrochen sei. Eichmann »sprühte vor Kreativität« (Stangneth), wenn es darum ging, Juden in die Gaskammern zu schaffen; in einem berüchtigten, noch in Argentinien geführten Interview bedauerte er es sogar, sein Ziel verfehlt und nicht zehn Millionen Juden umgebracht zu haben.

Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, dass Arendt das »Böse« entdämonisieren wollte und die Behauptung von seiner »Banalität« als polemische Gegenformel einsetzte: Sie war angewidert davon, wie Premierminister Ben Gurion Eichmann zum Monster überhöhte und das Gerichtsverfahren in einen Schauprozess verwandelte. »Dieses Volk hat einmal an Gott geglaubt, und jetzt glaubt es nur noch an sich? Was soll daraus werden?« Diese Abgründe, diese Widersprüche und Nebenlinien kommen bei Margarethe von Trotta kaum vor, vielleicht müssen sie das Genre auch überfordern. So geht die prekäre Phrase von der Banalität des Bösen unangefochten aus dem Film hervor, als gäbe es im Fall Eichmann nicht längst einen überwältigenden Zweifel an ihrer Wahrheit.