Arendt hat stets recht
Von Trotta erzählt das alles recht treuherzig, sehr artig und manchmal ziemlich holzschnittartig. Sie überfordert den Zuschauer nicht, die Handlung wird mit sämiger Musikpaste bestrichen, und dass am Riverside Drive Tag und Nacht die Polizeisirenen heulen, versteht sich von selbst. Nichts darf fehlen, und in einer Rückblende sieht man die Studentin Hannah Arendt in ihrer Dachkammer, wie sie auf »den Segen meines Lebens« wartet, auf Martin Heidegger (Klaus Pohl), der die Treppe hinaufstürmt und seinsvergessen in ihrem Schoß versinkt. Nach dem Krieg wandeln beide unter deutschen Eichen, die jüdische Philosophin Seit’ an Seit’ mit dem Mann, der den »Führer« führen wollte. Man weiß nicht, in welchem Zusammenhang die Szene zum Eichmann-Thema steht, aber es wird schon einen geben.
Gewiss, von Trotta macht aus ihrer Heldin keine Madonna des philosophisch erleuchteten Herzens. Doch Barbara Sukowa spielt die Figur so eindringlich, dass ihre Argumente zuverlässig mit der Aura ihrer Person verschmelzen, das heißt: Arendt hat stets recht, und wer so tapfer einer Hexenjagd standhält, der muss die Wahrheit auf seiner Seite haben.
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Aber so war es ja nicht. Arendts Rede von der »Banalität des Bösen« war eine Provokation, die von den Überlebenden falsch verstanden werden musste. »Herzlos« sei ihr Ton, schrieb ihr ein erbitterter Gershom Scholem, so dürfe man über die Barbarei nicht reden. Auch Arendts These selbst steht auf tönernen Füßen. Sie hat zwar mit genialem Gespür eine historisch neue Gestalt des Bösen beschrieben, die systemische, gleichsam überpersönliche Verbindung aus bürokratischem Kalkül und millionenfacher Vernichtung. Doch Eichmann war dafür das falsche Beispiel. Nach allem, was die Forschung ans Licht gebracht hat, war er kein beflissener, »erschreckend normaler« Verwaltungstäter, kein Rädchen im Getriebe. David Cesaranis Eichmann-Buch (Propyläen-Verlag) oder Bettina Stangneths Studie Eichmann vor Jerusalem zeigen, dass der Verwaltungsmassenmörder vor Gericht eine »perfide Show« abzog. Auch die von Stangneth rekonstruierten Aufzeichnungen seines Verhörers Avner Werner Less (»Lüge! Alles Lüge!«, ebenfalls Arche Verlag) bestätigen den Verdacht, Eichmann habe sich – um dem Strick zu entgehen – als subalterner Befehlsempfänger inszeniert. Es sei einfach verblüffend, schreibt Less, mit wie viel »Naivität« Hannah Arendt ihm »auf den Leim« gekrochen sei. Eichmann »sprühte vor Kreativität« (Stangneth), wenn es darum ging, Juden in die Gaskammern zu schaffen; in einem berüchtigten, noch in Argentinien geführten Interview bedauerte er es sogar, sein Ziel verfehlt und nicht zehn Millionen Juden umgebracht zu haben.
Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, dass Arendt das »Böse« entdämonisieren wollte und die Behauptung von seiner »Banalität« als polemische Gegenformel einsetzte: Sie war angewidert davon, wie Premierminister Ben Gurion Eichmann zum Monster überhöhte und das Gerichtsverfahren in einen Schauprozess verwandelte. »Dieses Volk hat einmal an Gott geglaubt, und jetzt glaubt es nur noch an sich? Was soll daraus werden?« Diese Abgründe, diese Widersprüche und Nebenlinien kommen bei Margarethe von Trotta kaum vor, vielleicht müssen sie das Genre auch überfordern. So geht die prekäre Phrase von der Banalität des Bösen unangefochten aus dem Film hervor, als gäbe es im Fall Eichmann nicht längst einen überwältigenden Zweifel an ihrer Wahrheit.






Wie immer, ein Gewinn, danke!
Die Maske des Bösen ist gleichwohl oft lächerlich.
ist das Böse ist das Böse.
Die psychologische Seite, die Hannah Arendt dazu getrieben hat, und die in der abwegigen Liebe zu dem Führerbewunderer und immer noch in Deutschland geschätzten Heidegger vielleicht zum Ausdruck kam, wäre sehr wohl einer genaueren Betrachtung wert gewesen.
Sie teilte mit Heidegger dabei auch die antidemokratische Grundhaltung, das ist vielleicht das Bindungsglied.
Ich habe, seitdem ich mich näher mit dieser absurden Verbindung beschäftigt habe, aufgegeben mich mit Hannah Arendt zu beschäftigen.
Weit verbreitet scheint im deutschen Bildungsbürgertum die Ansicht, intellektuell und anspruchsvoll müsse gleichzeitig unverständlich und langweilig bedeuten. Ob der Vorwurf berechtigt ist, Hannah Arendt sei mit dem damals ihr zur Verfügung stehenden Material auf Eichmanns Darstellung hereingefallen und habe ihn demnach unterschätzt, sei dahingestellt.
Möglicherweise ist der 2-stündige Film über Hannah Arendt manchen Zuschauern zu anspruchsvoll und anstrengend. Herrn Assheuer hingegen kann es offenbar gar nicht anspruchsvoll genug sein. Nur ist ein Film, der sich adäquat mit einem begrenzten Thema und Zeitabschnitt (von einigen kurzen Rückblenden abgesehen, stand ihr Buch "Eichmann in Jerusalem" und dessen Rezeption im Vordergrund) befasst, eben keine Seminar- oder Doktorarbeit.
Wer glaubt, die Darstellung komplexer Inhalte müsse zwangsläufig mit einer unverständlichen und abgehobenen Ausdrucksweise (wie sie in der wissenschaftlichen Literatur hierzulande oft üblich ist) einhergehen, dem sei die ein Blick in Hannah Arendts Bücher empfohlen. Ob "Eichmann in Jerusalem" oder das sicherlich nicht zur Unterhaltungsliteratur zählende Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" - beide Bücher behandeln anspruchsvolle Inhalte, ohne unlesbar und unverständlich zu sein.
Nein, nicht das Böse ist banal – banal und unbedeutend sind die Täter!
Ich halte es für einen gewaltigen Irrtum Hannah Arendts Analyse auf das von ihr formulierte Diktum „die Banalität des Bösen“ zu reduzieren. Mit dieser These konfrontierte sie die Öffentlichkeit mit der schockierenden Diskrepanz zwischen der Gedankenlosigkeit eines Adolf Eichmann und dem monströsen Ausmaß seiner Taten. Dies war für sie ein Beleg für ein zutiefst beunruhigendes Phänomen, nämlich, dass aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden können. Diesem komplexen Phänomen auf den Grund zu gehen, hat sie sich nicht zuletzt auch aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen zur Lebensaufgabe gemacht. Dabei ist es auch gerade der Widerspruch in ihrer Beziehung zu Heidegger, der zur Triebfeder ihres späteren „Verstehen-Wollens“ wird. Sie wollte verstehen, was ihren Vertrauten und Lehrer dazu bewegte, sich mit dem Nationalsozialismus einzulassen.
Hinter der Formel „die Banalität des Bösen“ verbirgt sich meiner Meinung nach vielmehr die Aufforderung, Ausschwitz als einen Zivilisationsbruch zu begreifen, der die gewohnten Urteilskategorien menschlichen Handelns zerstört hat. Das Böseste in der Welt wird laut Arendt von Menschen begangen ohne jedes Motiv, ohne bösen Charakter oder gar dämonischen Willen. Es wird, so Arendt weiter, begangen von Menschen, die sich weigern Individuen zu sein und es ist exakt dieses Phänomen, was sie als „Banalität des Bösen“ bezeichnet.
Hannah Arendts Verweis auf die Rolle der Judenräte im logistischen System des Holocaust mag verständlicherweise von den Opfern als Provokation empfunden worden sein. Nur lässt sich diese Haltung allenfalls in Unkenntnis ihrer Texte einnehmen. Hannah Arendt geht es keineswegs um eine Nivellierung von Schuld und Verantwortung. Vielmehr zeigt sie damit den moralischen Kollaps im Totalitarismus auf, der nicht nur auf der Seite der Täter, sondern auch auf Opferseite zu verzeichnen war.
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