Stellen wir uns die Vereinigten Staaten einmal spaßeshalber als ein menschliches Wesen vor und das Kino als sein Unbewusstes. Stellen wir uns vor, die amerikanischen Filme, die gerade und demnächst im Kino laufen, seien Ausdruck der Schuldgefühle und Affekte, der mehr oder weniger verdrängten Ängste und Sehnsüchte einer Nation. Dann bekämen wir es angesichts der jüngsten Filme von Ben Affleck, Steven Spielberg, Kathryn Bigelow und Quentin Tarantino mit einem amerikanischen Patienten zu tun, der gerade mit Blaulicht in die Psychiatrie eingeliefert wird. Diagnose: manisch-depressiv.

Selten haben amerikanische Filme und Fernsehserien sich auf so extrem unterschiedliche Weise mit der politischen Kultur und Unkultur ihres Landes befasst. Selten hat das Kino die amerikanische Geschichte, die US-Politik und die Arbeit der Geheimdienste auf der Leinwand zugleich so himmelhoch jauchzend gefeiert und so gnadenlos kritisiert. Auch die Oscar-Nominierungen (Verleihung am 24. Februar) sind Teil dieser erbitterten Debatte, die mit Geschichten und Bildern geführt wird.

Ben Afflecks "Argo" spielt in einer Zeit, als es den "Kampf der Kulturen" noch nicht gab

Argo, Ben Afflecks Politthriller über einen CIA-Agenten, der während der islamischen Revolution 1979 mit einer gewitzten Täuschung sechs seiner Landsleute aus dem Iran schmuggelt, ist einer jener Filme, in denen sich das amerikanische Ego mit geradezu manisch übertriebenem Selbstbewusstsein an sich selbst aufrichtet: Es ist die klassische Heldengeschichte eines Geheimdienstlers, der sich einer gesichtslosen Masse brüllender islamischer Fanatiker gegenübersieht. Nachdem sich die sechs Amerikaner nach der Erstürmung der US-Botschaft in die kanadische Vertretung geflüchtet haben, läuft der Agent zu kreativer Hochform auf. Die angebliche Location-Suche für einen Science-Fiction-Film dient in Argo als Tarnmanöver für die Operation. Und die Nostalgie, mit der das Hollywood-Business der siebziger Jahre gezeigt wird, erscheint auf geradezu anrührende Weise als filmische Strategie.

Denn auch Argo ist im wahrsten Sinne ein Nostalgiefilm, der sich über die Unbilden der amerikanische Gegenwart legt: Damals, als vom sogenannten Kampf der Kulturen noch nicht die Rede war, als man Abu Ghraib noch für eine Figur aus Tausendundeiner Nacht gehalten hätte und CIA-Agenten nicht nur Vollbärte tragen, sondern auch schlauer sein durften als ihre unrasierten Gegner!

Wie wenig das Genre des von Affleck spannend inszenierten »unschuldigen« Geheimdienstfilms angesichts der Anti-Terror-Kriege taugt, macht Kathryn Bigelow zu Beginn ihres Films Zero Dark Thirty unmissverständlich klar. Zu sehen ist eine schwarze Leinwand, zu hören sind telefonische Notrufe von Todgeweihten in den Türmen des World Trade Center. Dieser Prolog setzt den Massstab für die postwendende Vergeltung: Mit einem Schnitt springt der Film ins Innere eines spärlich beleuchteten Containers, in dem CIA-Mitarbeiter einen bereits schwer misshandelten arabischen Terrorverdächtigen verhören. Zunächst zögerlich assistiert die Agentin Maya (Jessica Chastain) ihrem Kollegen beim Waterboarden des Gefangenen. Ein Hinweis des Gefolterten wird sie auf die Spur von Osama bin Laden führen – eine fiktionale Verkürzung, die Kathryn Bigelow in den USA scharfe Kritik einbrachte.

Bis ins kleinste Detail inszenierter Showdown in Bin Ladens Anwesen

Von amerikanischen Journalisten und Politikern wird ihr vorgeworfen, dass sie in ihrem Film über die Suche nach Osama bin Laden keinerlei Distanz zur Arbeit der Geheimdienste einnehme und die Folter, neuenglisch: enhanced interrogation techniques, als Verhörmethode legitimiere. Tatsächlich befindet sich die Regisseurin in einer Zwickmühle. Zum einen zeigt sie die Misshandlungen der Verhörten quälend ausführlich und als schmutzigen, aber selbstverständlichen Bestandteil des Ermittleralltags, was in sich durchaus ein Statement ist. Zum anderen aber werden diese Bilder durch die suggestive Dramaturgie überrollt. Indem Bigelow die Szenen, die Folter zeigen oder in denen damit gedroht wird, Zug um Zug hinter die islamistischen Attentate – in New York, London, Afghanistan – montiert, wird der Eindruck eines egalitären Wettkampfs erweckt. Als seien ein terroristischer Massenmörder und eine Demokratie, die sich an Rechte und Gesetze gebunden hat, zwei Gladiatoren, die in der großen Weltarena nach den gleichen Regeln gegeneinander antreten könnten.

Vermutlich hat Bigelow, die auf die Debatte um ihren Film mit glaubhafter Bestürzung reagierte, auch schlichtweg unterschätzt, wie sehr sich ihre »Anatomie einer Jagd« (Bigelow) zu einer immer engeren Argumentation und damit zur Ideologie verdichtet: Was ist schon das bisschen Qual eines schwitzenden, stammelnden, zugeschissenen Terroristen angesichts eines roten Doppeldeckerbusses, der in der Londoner City explodiert? In welchem Verhältnis steht die ätherische Schönheit der wie eine rothaarige Jeanne d’Arc wirkenden Jessica Chastain zu den verkniffenen Visagen der arabischen Häftlinge? Und zeigt der beeindruckende, mit gedämpften Hubschraubergeräuschen instrumentierte und bis ins kleinste Infrarotdetail inszenierte Showdown in bin Ladens Anwesen in Abbottabat nicht, dass auch schmutzige Wege zu sauberen Abschüssen führen?

Die nur mühsam im Zaum gehaltene überdrehte Energie, mit der die Oscar-nominierte Agentin Chastain in Bigelows Film auf Terroristenjagd geht, ihre panische Angst, irgendeinen Hinweis zu übersehen, der zur entscheidenden Spur werden könnte, verbindet sich aufs Merkwürdigste mit der Entschlossenheit des amerikanischen Gegenwartskinos, nach den Zeichen, Erzählungen, Gestalten zu suchen, die den Kriegen und der moralischen Selbstdemontage einer demokratischen Weltmacht einen Sinn geben oder zumindest überstülpen könnten.