F.C. GundlachTräumen als Mission
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Das Fatamorganahafte ist seinem Stil eingeschrieben

»Berlin war ja der kulturelle Mittelpunkt der Welt! Die Dame, Das Magazin, die Berliner Illustrierte, alles kam bei Ullstein heraus, sie sind ja nicht zurückgekommen. Viele große Leute sind weggegangen. Mit einer Auflage von 1,2 Millionen war die Berliner Illustrierte das größte Bilderblatt überhaupt! Life wurde erst 1936 gegründet. Das waren zu großen Teilen Emigranten, die haben das alles auf die Beine gestellt.« Martin Munkácsi, der Berlin 1934 verlassen musste, liegt ihm besonders am Herzen. »Er war der Erste, der diese dynamischen Bilder machte, der besessen davon war, Bewegung einzufangen.« Wir schauen uns einen Schnappschuss zweier ins Meer springender Jungen an: »Als Cartier-Bresson dieses Bild sah, beschloss er, Fotograf zu werden. ›Ich glaube jetzt‹, hat er gesagt, ›dass man die Ewigkeit in einem Foto einfangen kann.‹« Mit der Tochter Munkácsis fahndete Gundlach nach verschollenen Kisten und spürte 380 Vintageprints auf. Von Blumenfeld-Enkeln lieh er sich Dias aus und transferierte sie mit modernsten Verfahren. »Es gab ja keine Bilder, aber das Werk ist das Papier, das Werk ist der Print!«

"Es gibt keine Mode ohne Öffentlichkeit"

In vielen Schlüsselmomenten der Modegeschichte war F.C. Gundlach dabei. Er bezeugte Diors Durchbruch: »Mit dem ›New Look‹ wurde der Krieg modisch beendet.« Er machte sich seinen eigenen Reim auf den »Kampf ums Knie«, als Yves Saint Laurent es mit seiner letzten Kollektion für den verstorbenen Dior enthüllte: »Und was war? Er flog raus, weil er die Vendeusen erzürnt hatte, das waren die Fünfzigjährigen, nicht wahr... Solange der Alte da war, haben die gekuscht, aber als ein Neunzehnjähriger die Mode übernahm, haben sie ihn fertiggemacht.« Gundlach hörte den Aufschrei, als Nina Ricci die erste Prêt-à-porter-Kollektion zeigte: »›La France! La couture!‹ Und es dauerte keine drei Jahre, da machten es alle.« Auch den Siegeszug der amerikanischen Models kann er erklären: »Man musste ja die Damen aus den Häusern ablichten. Dior hatte in jedem Kleid eingearbeitete Mieder, die passten nur auf eine Frau. Aber die Amerikaner brachten ihre Models mit, die waren groß, ohne Busen, ohne Hintern, die passten da rein.«

Als in den Sechzigern aus Diven elfenhafte Mädchen wurden, war Brigitte-Starfotograf Gundlach einer der Ersten, der sie verstand. »Die Mode hat mir den neuen Frauentyp erklärt. Es gibt keine Mode ohne Öffentlichkeit.« Hautnah kam er mit dem Zeitgeist in Kontakt, als sein Tross am 1. Juni 1972 für ein Shooting in eine Waldschneise bei Norderstedt einbog und, kaum dass die Models sich umzuziehen begannen, von einer Zivilstreife umringt wurde. »Da steht plötzlich ein junger Polizist vor mir, und ich mache noch ’nen dummen Witz. Aber dann sah ich, wie der zitterte, weil die RAF doch immer gleich geschossen hat.« Erst bei den Abendnachrichten ging Gundlach ein Licht auf. Fuhr er doch den gleichen dunkelroten Porsche Targa, in dem Andreas Baader an diesem Tag verhaftet worden war: »Die Polizei wusste, dass in Deutschland eine Kolonne unterwegs ist, der Porsche und zwei VW-Bullis. Das passte alles genau.«

Die Kehrseite der Modefotografie sind F.C. Gundlachs Porträts. Wie sehr er den Umgang mit seelischen Valeurs beherrschte, verraten nicht nur seine sensationellen Aufnahmen einer ungeschminkten Romy Schneider, die er 1961 im sparsamen Scheinwerferlicht des französischen Kinos festhielt. Im selben Jahr stellte Jean-Luc Godard in Berlin Außer Atem vor und kam kaltschnäuzig, mit dunkler Sonnenbrille in Gundlachs Atelier: »Ich habe ihn gebeten, auf diesem Stuhl Platz zu nehmen, der ist so groß, darauf kann man gar nicht sitzen. Da hat er sofort kapiert, dass wir die Rollen tauschen. Jetzt war ich der Regisseur. Das ging fabelhaft. Und der Knabe, der in der Ecke stand und paffte, der hieß dann später Belmondo.«

In den Archivschubladen findet sich auch ein Studiofoto, auf dem Jean-Paul Belmondo neben der Schauspielerin Ingeborg Schöner posiert: »Damals war sie der Star und er nur Staffage.« Nach der Devise »Weniger ist mehr« nahm Gundlach das Stativ zu Hilfe, wenn in der Eile Requisiten fehlten, und retuschierte Nachkriegstrümmer bei Berliner Shootings einfach weg. Sofern es das Budget erlaubte, flog er mit seinem Stab in die Wüste, sonst nahm er als szenischen Hintergrund schroffe Großarchitekturen, hohe Mauern oder öde Strände. Das Fatamorganahafte ist seinem Stil eingeschrieben, selbst noch, wenn er eine Fünfziger-Jahre-Dryade auf der Schwelle zum Garten fotografiert. Kriegsjahre, Lager und lange Rekonvaleszenz hatten ihn mit den reduktiven Gesetzen des Imaginären vertraut gemacht. Wer über wenig Gegenwart verfügte, konzentrierte sich auf die Einbildungskraft und suchte wohl auch die Ewigkeit in ihr. Vom Wirtschaftswunder hat sich Gundlach die Ökonomie seiner Bildanordnungen so wenig abtrainieren lassen wie die ikonische Askese, die von der spröden, surrealen Dimension der wahren Fülle weiß. Im Treppenhaus hängt ein Bild der Panamericana, die durch ganz Amerika verläuft. »Alle Wege führen in die Unendlichkeit, aber auch in die Endlichkeit. – Ich weiß nicht, ob Sie das wissen«, fügt er hinzu, »aber ich habe mir in Ohlsdorf ein Mausoleum gebaut mit schöner Aussicht. Aus einem modernen Werkstoff, Stahlbeton. Da fahre ich hin und wieder hin. Das ist wie nach Hause kommen.«

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Leserkommentare
  1. ... hier gibt es auch interessante Stücke und ich könnte wohl ne Menge dazu kommentieren.

    Das veröffentliche ich dann ohne Fotos auf Zeit.de. einfach um euch allen mal die Zunge raus zu strecken! :-)

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf
  2. Bildbeschreibungen sind zwar eine Kunst für sich. Aber mit Fotos geizt die ZEIT doch leider immer sehr. Bei diesem Artikel hätte sie ruhig mal ihre Spendierhosen anziehen können.

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