F.C. GundlachTräumen als Mission

Der Fotograf F.C. Gundlach brachte den Nachkriegsdeutschen einst den Glamour nahe. Unserer Reporterin Ingeborg Harms zeigte er in seinem Archiv selten gesehene Aufnahmen. von Ingeborg Harms

Der Modefotograf F.C. Gundlach im Jahr 2008 in seiner Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen

Der Modefotograf F.C. Gundlach im Jahr 2008 in seiner Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen  |  © dpa

Wir sitzen schon ein paar Stunden in F.C. Gundlachs Archiv an der Hamburger Parkallee zusammen. Der 86-jährige Fotograf lässt sich immer neue Abzüge, Folianten, Portfolios bringen. Unsere Unterhaltung läuft auf zwei Ebenen, die eine ist das Interview, die andere sind die Bilder, alte Zeitschriftenausgaben, in denen er blättert, als brauche er sie, um sich an sein Leben zu erinnern. Da sind die berühmten Modestrecken, seine Anzeigenseiten und Reportagen, vergilbtes Papier, ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen. F.C. Gundlach hat das Frauenbild der Nachkriegsjahrzehnte wie kaum ein anderer geprägt. Die Mode interessiert sich gerade sehr für diese paradoxe Epoche der schweren Stoffe und erotischen Transparenzen, einer archetypischen Femininität, die Stärke und Zerbrechlichkeit in sich vereinte. Höchste Zeit, ihren Spiritus Rector nach dem damaligen Lebensgefühl zu befragen.

Doch schon die Erkundigung nach dem Grund seiner Berufswahl bringt zahlreiche Umwege mit sich. »Ich war Flakhelfer, dann in französischer Gefangenschaft und bin mit knapper Not dem Tod entgangen.« Fahrig und fast unwirsch setzt F.C. Gundlach hinzu, dass er damals achtzehn war, unter Lungentuberkulose und Typhus litt. Dann ist er schon wieder bei der wunderbaren Wilhelmina, deren Gage der Nerz war, den sie für ein Coverfoto trug, bei der berühmten Carmen, mit der er Zobel auf dem Transatlantikdampfer fotografierte, bei der französischen Bettina und der tollen Fiona Campbell-Walter: »Das ist im Bad ihres Zimmers im Atlantic. Ich saß auf der Balustrade, weil es so klein war, und sie auf der Badewanne.« Anschließend ging die Engländerin in einem von Gundlach organisierten Pelz zu einem Dinner bei den Bismarcks und lernte dort ihren späteren Mann Heini Thyssen kennen. »Aber sie hat sich das nicht lange bieten lassen. Die war zu selbstbewusst.« Dass deutsche Models der Nachkriegsjahre eher Püppi, Schlippi oder Bambi hießen, lässt Gundlach nicht als Indiz dafür gelten, dass sie sich unter Wert verkauften: »Die hier nannte man ›Pflaumenkuchen‹. Die kam aus Sachsen und ist heute mit dem höchsten französischen Adel liiert.«

Anzeige

Gundlach kam Anfang der Fünfziger nach Paris und profitierte von den Beziehungen deutscher Emigranten und der zu Vichy-Zeiten Untergetauchten. »Die kannten alle Leute in Paris, warum bloß? Einer war Charles, der hatte die Aufsicht beim deutschen Rundfunk in der Besatzungszeit und passte wieder mal nicht auf. Sie haben nach einer Sondermeldung was gespielt, das wie Hohn geklungen hat. Es ist ihm gerade noch gelungen zu entkommen. Er war in der Résistance, das haben die mir aber nie erzählt!« Auch F. W. Koebner, der Chef des legendären Berliner Magazins, war zur Nazizeit abgetaucht und führte den jungen Fotografen nun in Pariser Traditionshäusern ein. Von einem anderen erfuhr er, wie sich »Korruptionalien« bei Vorzimmerdamen einsetzen ließen: »Der ging immer zu Fauchon und kaufte Pralinés oder ein Döschen Kaviar. Unsere Kartons mit den Modellkleidern lagen dann meistens ganz oben.«

"Alles, was ich hatte, war mein Schlafanzug"

Aber das französische Lager? »Es gab nichts zu essen, und wenn wir durch die Ortschaften gezogen sind, dann wurden die Nachttöpfe ausgekippt. Ich hatte zunächst keine Ahnung, das Lager war im Nachbarort von Oradour. Da hatte die SS aus Rache alle Männer erschossen und die Frauen und Kinder in der Kirche eingeschlossen und sie angesteckt.« Gundlach wurde einer Rippenfellentzündung wegen schließlich in ein amerikanisches Lazarett bei Göppingen überführt. »Ich sagte, lasst mich hier liegen. Wenn man 40 Fieber hat, ist einem alles egal. Doch die Sanitäter schmissen einen auf die Trage und raus! Raus! Ich kam in eine Bahnhofshalle, ungeheizt, und dann wurden wir in einen Zug geschoben, alles, was ich hatte, war mein Schlafanzug. Nachts wurde ich wach, da war Trouble, da war der Mensch im Doppelbett über mir gestorben.«

F.C. Gundlach

1926 wurde F.C. Gundlach im hessischen Heinebach geboren und ist nicht nur Fotograf, sondern auch Galerist, Kurator und Sammler. Seit September 2003 ist er Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg. Bekannt wurde er durch seine Modefotografien mit Stars wie Romy Schneider, Jean-Luc Godard und Jean-Paul Belmondo. Gundlach arbeitete zunächst für zahlreiche Zeitschriften, unter anderem für den »stern« und für »Annabelle«. Bis 1983 war er bei der Zeitschrift »Brigitte« engagiert. 1988 wurde er Professor an der Hochschule der Künste Berlin. 2012 verlieh man ihm den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk.

Dass er nichts hatte, stimmt nicht ganz. Der Fotograf verschwindet kurz und kommt mit einem Heft in seltsamem Format zurück. Auf den Glamourfotos, die vor uns liegen, wirkt es doppelt verloren. Es ist sorgfältig in einen weichen, ledrigen Umschlag gebunden. Die Farbe: undefinierbar, abgegriffen, nicht von dieser Welt. »Das ist ein Büchelchen, das ich auf Klopapier geschrieben habe. Das hier war meine Nummer, meine Gefangenennummer.« Er schlägt die mürben Seiten um. Mit blasser Tinte sind in artiger Schrift Rezepte notiert: Blätterteig, Apfelstrudel, Windbeutel, Butterkuchen. »Wir haben sie uns wechselseitig gegeben. Es waren auch alte Männer dabei.« Gegen Ende des Heftes die Skizze eines Fotolabors: »Da habe ich überlegt, was ich machen könnte.« F.C. Gundlach verwandelte das Träumen in seine Mission und spezialisierte sich auf Fotostrecken, die für die darbenden Deutschen ein Rezeptbuch für das gute Leben, Zucker für die Augen waren.

Zunächst lieferte er seinen Landsleuten Eindrücke der Urwaldtempel von Angkor Wat, der Blauen Moschee in Isfahan, des futuristischen Privathauses Oscar Niemeyers im brasilianischen Dschungel. Als Hausfotograf der Lufthansa nahm er an allen Jungfernflügen teil: »Ich war Nummer 40, der Letzte im Protokoll, eine Weile war Nummer 39 eine Dame, ›Begleitung des Herrn Minister‹, die war immer dabei.« So begann Gundlachs Karriere in der Glamourwelt, und es entstand ein Werk sorgfältig komponierter, hochartifizieller Modefotos, selbst dann noch, wenn er die Op-Art und den Minirock ablichtete. Die kühne Konstruktion seiner Bilder, ihre Originalität und den Zeitgeist fixierende Inszenierung sind auch international gewürdigt worden. Doch in welchem Maße dieses durch unermüdliches Reisen und Do-it-yourself-Notlösungen ermöglichte Œuvre der spröden Schönheit zum Wundgewebe der Nachkriegszeit zählt, erfährt man erst im Gespräch mit Gundlach selbst: Hier geht es nicht nur um eine Fotografie, deren Bildsprache den Anschluss zur westlichen Welt herstellte, sondern auch um ein historisch bedeutsames Netzwerk, das der Fotograf über geografische und politische Abgründe hinweg geknüpft hat.

Dieselbe Naivität, die ihm in Paris zu fruchtbaren Kontakten verhalf, trug ihn auch in New York, wo er durch Eileen Ford, Chefin der ersten Model-Agentur, die professionelle Herangehensweise für sein Metier erlernte. »In Deutschland musste man die Telefonnummer der Mädchen kennen.« Und statt seine Filme weiter ins einzige E-6-Labor in Stuttgart zu schicken, etablierte Gundlach mit internationalen Spezialisten in Hamburg sein eigenes Entwicklungsstudio. Manhattan war auch der Ort, an dem er seinen Vorbildern in Fleisch und Blut begegnete. Bei Horst P. Horst, der ihm sein Atelier zur Verfügung stellte, traf er Erwin Blumenfeld, dessen surrealistischen Stil er hoch schätzte. In breitestem Berlinerisch begrüßte ihn Blumenfeld, der sich im niederländischen Exil durch den Verkauf von Handtaschen mehr schlecht als recht ernährt hatte, mit der Frage: »Gibt es in Hamburg noch das Ledergeschäft Alligator?« Dass Gundlachs Götter zum guten Teil aus Deutschland stammten, war ein Schock, der bis heute anhält. »Für mich brach eine Welt zusammen«, erinnert sich der Fotograf und meint damit nicht nur die unheimliche Nähe des amerikanischen Glamour-Wunders, sondern auch die Notwendigkeit, die künstlerische Tradition, der er selbst entstammte, völlig neu zu konstruieren.

Leserkommentare
  1. ... hier gibt es auch interessante Stücke und ich könnte wohl ne Menge dazu kommentieren.

    Das veröffentliche ich dann ohne Fotos auf Zeit.de. einfach um euch allen mal die Zunge raus zu strecken! :-)

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf
  2. Bildbeschreibungen sind zwar eine Kunst für sich. Aber mit Fotos geizt die ZEIT doch leider immer sehr. Bei diesem Artikel hätte sie ruhig mal ihre Spendierhosen anziehen können.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Fotografie | Mode | Kunst
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service