FrankreichLustvoll gerempelt

Hollandes Vorstoß zur Homo-Ehe ist ein voreiliges Manöver. von 

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Eine Demonstration für die Homo-Ehe in Frankreich vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris  |  © FRED DUFOUR/AFP/Getty Images

Am Sonntag wollen in Paris Hunderttausende gegen einen Gesetzentwurf demonstrieren, der die Ehe unter Lesben und Schwulen möglich machen soll. Da werden nicht bloß Reaktionäre und Erzkonservative zusammenströmen, sondern auch Bürger aus der politisch unterrepräsentierten Mitte, die in diesem Punkt konservativ sind. Sie folgen einer Argumentation, die muslimische, jüdische und katholische Geistliche beinahe wortgleich vortragen: François Hollandes Vorhaben erschüttere die Grundfesten der Gesellschaft – und zwar, wie ein Bischof schrieb, weil aus der Sicht dieses Gesetzes die Menschheit nicht mehr aus Männern und Frauen, sondern aus Hetero- und Homosexuellen bestehen würde. Das aber sei nicht die natürliche Ordnung. Ähnlich der Papst, der einen Angriff auf die »authentische Form der Familie« unterstellt, als hätte die Familie keine Geschichte.

Dieser Konservatismus, dem Institutionen von Natur – und damit von Gott – vorgegeben sind, kollidiert mit der Denkweise der französischen Linken. Von Ausnahmen abgesehen, ist sie seit der Aufklärung nichtreligiös geblieben. Bis heute lebt sie in permanenter Spannung mit einer Umwelt, in der es zwar wenig praktizierte, aber viel gedachte Religion gibt – katholische und auch islamische.

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Egal, lustvoll rempelt die regierende Linke nun die Hälfte der Gesellschaft an, anstatt zunächst einmal das Gespräch mit ihr zu suchen. Da kommt Stimmung auf. Der Oberpädagoge der katholischen Privatschulen ermuntert seine Direktoren per Rundbrief, ihren Einfluss in den Schulen zu nutzen, woraufhin ihn der Erziehungsminister zurechtweist, das sei nicht seines Amtes. Schon spricht das konservative Tageblatt Le Figaro von Kathophobie – der alte Streit ist wieder da. Zu den Prinzipien der Republik gehört die Trennung von Staat und Religion; diese Laizität, vor gut 100 Jahren gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt, ist nicht viel mehr als ein Waffenstillstand geblieben.

Warum lässt sich Hollande ausgerechnet jetzt – und in dieser Form – auf den Konflikt ein, wo seine Regierung ohnehin schon angeschlagen durch die Landschaft stolpert? Um der linken Parteibasis einen Bonbon zuzuwerfen. Doch die hat ganz andere Forderungen, sozialpolitische nämlich. Der Preis des Manövers ist indessen hoch: Verlust der Mitte. So kann es noch dazu kommen, dass ein vernünftiges Projekt in den Händen dieser Regierung zu einem politischen Desaster wird.

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Leserkommentare
    • EmilyC
    • 13. Januar 2013 12:40 Uhr

    was RICHTIG ist und nicht darum, was strategisch gerade am klügsten wäre?

    Vielleicht bin ich ideologisch und träumerisch, aber dass die Homo-Ehe zu legalisieren nur richtig sein kann, kann ja wohl aus rationaler Überlegung heraus kaum widerlegt werden. Ich finde es nur richtig, wenn sich eine Regierung in einem solchen Punkt endlich mal über die "Das ist aber ekelhaft!"- und "Das ist unnatürlich, das haben wir doch noch nie so gemacht!"-Schreier hinwegsetzt und einfach mal tut, was VERNÜNFTIG ist.

    Und dann kommen die Medien wieder an und zerfetzen das Ganze, weil es dem Image der Regierung schade? Kann das nicht jetzt erst mal primär deren Problem sein und wir freuen uns darüber, dass es ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Welt gibt?

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    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche, differenzierte Beiträge. Danke, die Redaktion/jp

    • lxththf
    • 13. Januar 2013 13:37 Uhr

    ging es mir auch beim lesen. Ein weiterer Vorstoß in die richtige Richtung bzgl. der Gleichstellung von Menschen wird torpediert, weil es gerade politisch nicht so gut passt, nicht opportun ist?
    Ich versteh die Aufregung und die Argumentation der Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe nicht. Was ist ein realistischer Grund dagegen zu sein?
    Das eigentlich enttäuschende ist, dass Europa und auch die USA ganz weit vorne dabei sind, von Menschenrechten zu reden, wie wichtig diese seien und wie schlimm es ist, wenn diese z.B. im Nahen Osten missachtet werden. Bei einem der privatesten und wichtigsten Punkte, der Wahl des Partners und die Form, wie man sein Leben mit diesem verbringen möchte, werden dann jedoch die Schotten dicht gemacht? Das ist heuchlerisch. Ich versteh auch die Kirchen nicht und bin sehr froh, dass es auch innerhalb der Kirchgemeinden es viele Menschen gibt, die diese Position kritisch betrachten und als nicht mehr zeitgemäß titulieren.
    Vielleicht sollte man den Gegnern aber auch nochmal kindesgerecht (scheinbar ist das notwendig) erklären, dass man sich seine Sexualität nicht aussucht.
    Ich finde es gut, dass dieser Vorstoß ohne Rücksicht auf eventuelle Wahlen oder Parteipopularität gewagt wurde.

    • Hokan
    • 13. Januar 2013 15:25 Uhr

    Der Autor ist ja in der Sache auf Ihrer Seite, verehrte(r) EmilyC. Er scheint nach allem, was hier auch auch sonst von ihm zu lesen ist, ein aufgeklärter Mensch. Aber er hat ein Problem: er mag die französischen Sozialisten nicht. Was auch immer Hollande tut, aus von Randows Sicht ist es das Falsche. Und wenn diese Regierung mal das Richtige will - sie vermasselts halt.

    • dp80
    • 13. Januar 2013 12:59 Uhr

    Will uns der Autor das folgende sagen?

    "Eigentlich bin ich ja für die Gleichberechtigung von Homosexuellen, aber doch bitte nicht während der Wirtschaftskrise"

    Was Hollande da macht, das nennt sich wertorientierte Politik. Soll man solche Gesetze nur im Wirtschaftsaufschwung durchsetzen? Ganz unabhängig davon, ob man seine Werte nun teilt oder nicht - es ist doch mehr als lobenswert, wenn mal ein Politiker etwas aus Prinzip durchsetzt. Die Ökonomisierung im politischen Denken ist schon viel zu weit verbreitet.

    Freiheits- und Bürgerrechte sind viel zentraler als das Auf und Ab des Wirtschaftswachstum oder der Arbeitsmarktdaten.

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    Eine Mehrheit der Franzosen sind konstant für dieses Gesetz, und die Regierung, das Parlament und der Senat ebenso. Es wird also kommen, ob es in das verkrustete Rollenbild (oder die parteipolitischen Kalküle) des Autors passt oder nicht.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

  2. man kann es kaum glauben, aber nicht jeder ist für die Homo-Ehe. Nicht einmal in Frankreich.

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    Ach ja, Menschen gehen auf die Straße, damit andere nicht die selben Rechte bekommen, die sie selber haben.

    Das kann man Meinungsvielfalt nennen, aber meiner Meinung nach, sind diese Menschen doch einfach nur unfähig anzuerkennen, dass ihre Art zu Leben nicht die einzige ist.
    Diese Menschen wollen ja nicht nur ihre Meinung äußern, sie fordern, dass andere der gleichen Meinung sind wie sie.
    Ich glaube was die konservativen Kräfte in der westlichen Kultur stört ist doch gerade, dass sie schon längst die Meinungshoheit verloren haben.

    Es gefällt einigen nicht, wenn Homosexuelle heiraten? Bitte, wenn die damit nicht klar kommen, müssen die da ja nicht hingucken. Wenn die aber nicht glücklich werden können, wenn andere Menschen auf ihre Art glücklich werden, ist das nicht das Problem der Homosexuellen.
    Und genau darum geht es meiner Meinung nach. Wenn ich glücklich und mit meinem leben im Reinen bin, kann es mir doch völlig egal sein, wie andere Leben.

    Was meinen denn diese Demonstranten? Sie meinen, dass eine Minderheit, nicht die selben Rechte bekommen soll wie die Mehrheit, der sie angehören. Sind wir wirklich noch so unterentwickelt in Europa?

    Das Recht das zu sagen, also Ungleichheit zu fordern, haben sie genau so wie die Nazis, wenn sie gegen Ausländer aufmarschieren. Besser macht sie das aber nicht. Denn der Freiheitsgedanke, der hinter ihrem Demonstrationsrecht steht, genau den wollen sie nicht auf Homosexuelle im Eherecht übertragen!

    >> man kann es kaum glauben, aber nicht jeder ist für die Homo-Ehe <<

    ... das nicht glauben, man sieht es ja. Aber was man sieht, kann man tatsächlich kaum glauben: Menschen, die nicht *für ihre* Rechte auf die Straße gehen, sondern *gegen die Rechte anderer*.

    Übrigens muss man als Nicht-Betroffener gar nicht für die Homo-Ehe sein. Es würde völlig reichen, nicht dagegen zu sein - ein Gebot der Toleranz.

    Doch wann interessiert sich der Religiöse für Toleranz? Nur dann, wenn er sie für sich selbst einfordert.

    stimmt schon. Und die Toleranz der Befürwortern gegenüber den Gegnern hält sich auch in Grenzen, wie man diesem Threat entnehmen kann.

    Sie müssen doch nicht sofort auch gleichgeschlechtlich heiraten? Oder? Menschen auf Grund Ihrer Hautfarbe, der Religionszugehörigkeit, der sexuellen Orientierung, des Geschlechts Rechte zu verweigern, ist unanständig.

    • habuh
    • 16. Januar 2013 15:33 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf beleidigende Polemik und beachten Sie die Netiquette. Danke, die Redaktion/jk

  3. Schluss jetzt mit der ständigen Opposition zur Politik der heutigen französischen Regierung. Es ist jetzt ärgerlich. Habt ihr ja so viel Lärm gemacht, als Belgien, Portugal, Dänemark, Niederlanden und Spanien diesen Schritt nach vorne begangen haben ? Nein.

    Vom 15. Bezirk von Paris aus gesehen ist Frankreich natürlich nicht so bunt und vielfältig als es wirklich ist.

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    • Moin.
    • 14. Januar 2013 0:01 Uhr

    Ich finde nun auch den Berichterstattungsstil recht schnoddrig (lustvoll angerempelt), aber Sie sollten Ihrem Mitforisten der Ersten Stunde Gero von Randow seine jounalistische Freiheit nicht wegnehmen wollen!

  4. An die Konservativen: Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit!

    Dessen sollte sich auch der zunehmend schrumpfende Kirchenapparat durchaus bewusst sein. Wozu werden für den Vatikan mit Inhalt denn überhaupt noch Steuergelder ausgegeben? Diese wären direkt bei Hilfseinrichtungen ohne hungrigen Verwaltungsapparat wesentlich besser aufgehoben.

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    "An die Konservativen: Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit!"

    Am schnellsten demographiert die "Linken", zwar befürwortet man die Einwanderung teilweiser Erzkonservativer Islamischer Kreise die in keinster Weise "eure" Ansichten vertritt.

    "Wozu werden für den Vatikan mit Inhalt denn überhaupt noch Steuergelder ausgegeben?"

    Der Vatikan ist nur das Patriarch von Rom! Das Patriarch von Konstantinopel, Antiochia, Alexandria, Jerusalem haben heute nur eine kleine Bedeutung. Die ältesten Kirchen der Welt ist die armenisch Orthodoxe und die der Ägypter ( griechisch Kopten)

    Die Urkirchengemeinschaft ist ein bisschen größer als viele es wahrhaben wollen.

    Die Franzosen sind halt ein bisschen Meinungsfreudiger als die Deutschen. Wollen wir jetzt intervenieren oder Umerziehungslager in Frankreich aufstellen?

    • dnumiar
    • 13. Januar 2013 13:33 Uhr

    "Man sollte sich in der Tat überlegen, ob man die Institution der Ehe zwischen Mann und Frau wirklich voreilig vom Sockel stoßen und alles grenzenlos relativieren möchte"

    Diese Argumentation kann ich nicht nachvollziehen
    Die Ehe zwischen Mann und Frau wird keineswegs vom Sockel gestoßen.

    Es soll ja nicht durchgesetzt werden, dass in Zukunft Männer und Frauen nicht mehr heiraten dürfen. Die Ehe soll auf andere, längst der gesellschaftlichen Realität angehörenden Lebensformen ausgeweitet werden.
    Was ändert sich denn für Herrn und Frau Müller, wenn die Ehe auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausgeweitet werden, die einen kleinen Prozentsatz aller Eheschließungen ausmachen werden? Ganz pragmatisch betrachtet: Nichts! Die traditionelle Ehe zwischen Herrn und Frau Müller weder entwertet noch relativiert oder sonst etwas! Es gibt keinen Grund, gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe nicht zu gönnen.

    Umfragen zu folge stehen übrigens 60% der Franzosen hinter der Homoehe. Die hundertausenden Demonstranten stehen also in diesem Fall nicht für eine breite konservative Mehrheit gegen die Homoehe.

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    Antwort auf "Alles liberalisieren?"

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  • Schlagworte Homoehe | Homosexualität | Frankreich
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