Wiesenhof : Herr der Hühner

Der Chef der größten Geflügelschlachterei in Europa, Peter Wesjohann, ist von Skandalen umgeben, genießt aber sogar bei Tierschützern Respekt.

Fabian Freese klopft an, zweimal, dreimal, eher zart als hörbar. Reine Höflichkeit, sagt der Geflügelmäster fröhlich. Und wird plötzlich ernst: »Und zur Warnung: Achtung, wir kommen!« Nichts soll die schreckhaften Tiere ängstigen, nichts die Hühnernerven dehnen. Dann öffnet Freese die Tür mit dem staubverblendeten Fenster, und was im fahlen Licht ewiger Dämmerung auftaucht, macht den Gebrauch guter Manieren noch seltsamer als ohnehin, im Umgang mit unserem täglich Brot.

Denn unterm gedämpften Gackern Abertausender Schnäbel dringt strenger Ammoniakgeruch in die Nase. Und dann der Staub: Federdick legt er sich auf die Atemwege. So riecht, so klingt, so ist es, wenn der Bauer zum Produzenten wird und Landwirtschaft Industrie. Die Hühnerhölle, flüstert das Gewissen, sie liegt hier, beim Zulieferer Freese. Der Hühnerhimmel, entgegnet sein Zulieferer Peter Wesjohann, er sei da, wo die Norddeutsche Tiefebene besonders flach ist, gar nicht so fern. »Sehen Sie«, versonnen blickt der Vorstandsvorsitzende von PHW, Europas größtem Geflügelschlachter, in seinem Ganzkörperoverall durch das stoische Federvieh, »die zwei da vorn spielen richtig«.

Es ist ein Substrat aller Ernährungswidersprüche, das sich hier in drei Minuten Frontalunterricht Massentierhaltung zeigt. Ein Kulturkampf um 38.000 Hühner auf 1.760 Quadratmetern Betonboden, die kaum je ein Sonnenstrahl erreicht. Er beginnt mit der Frage, was zuerst da war: Henne oder Ei. Und dann sei da noch eine andere, vergleichbare Frage: ob die industrielle Fleischproduktion zuerst da war oder der Bedarf nach immer mehr billigem Fleisch. Peter Wesjohann deckt diesen Bedarf – im gigantischen Maßstab, marktbeherrschend. Bei radikalen Tierschützern hat ihn das zur skandalumtosten Hassfigur Nummer eins gemacht. Er ist der Mann, der Hühner quält und Saisonkräfte ausbeutet, Grundwasser verpestet und die Gesundheit gefährdet. Und der mit all diesen Missetaten zum Branchenkönig wurde, zum Umsatzmilliardär, zum reichen Privatmann.

Die Antwort auf die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt Wesjohann schuldig. »Ich bin ja nicht Gott.« Für die nach Angebot und Nachfrage braucht der Katholik ein bisschen länger.

»Ich sach mo so«, beginnt er im Platt seiner Gegend und doziert über Domestizierung und Evolution, Hungerwinter und Wirtschaftswunder, wo ein »gewisses Angebot« eben eine »gewisse Nachfrage« bedient habe. Und wie er so erzählt, landet Wesjohann bei seinem Großvater Paul, der als Knecht ins arme Rechterfeld kam, bis ihm sein Bauer 1932 die Haltung eigenen Federviehs erlaubte, woraus ein Landhandel erwuchs. 80 Jahre später führt die Replik des Enkels vom Neuaufbau nach Kriegsgefangenschaft und Wachstum in der Freiheit über die Markenbildung der Sechziger weiter zum Stabwechsel im Folgejahrzehnt. Sie endet auch nicht 1987, als die Söhne Paul-Heinz und Erich die befreundete Lohmann & Co. AG kauften und aus der regionalen Paul Wesjohann & Co. ein dreimal größeres Schwergewicht mit Milliardenumsatz formten, das sie elf Jahre später aufteilten: PHW hier, EW-Gruppe da, benannt nach den Initialen ihrer Besitzer. Neue Riesen am Esstisch.

Peter Wesjohann erzählt von Gott und der Welt, den rissigen Händen des Firmengründers und höherer Handelsschule des Sohns. Er erzählt, bis die Eingangsfrage vergessen ist, womit Wesjohann gut leben kann. Denn der Hühnerbaron mit drei Dutzend Firmenzweigen auf fast allen Kontinenten mag riesige Teile des hiesigen Geflügelverbrauchs decken und auch sonst alle Branchenfelder von Tierarznei bis Futterzusatz beackern – er ist im Innern zerrissen. Den grübelnden Tierfreund im profitsüchtigen Aberwitz intensiver Agrarwirtschaft nimmt man ihm ab. Leise schwärmt er von Eukalyptus im Gebläse oder Sterilität wie im OP. Und weil ihnen weder Hitze noch Greifvögel zusetzten, »haben die Tiere es hier besser als wir Menschen«. Wären es bloß nicht so viele.

»Unser Vieh hat Wasser, Futter, keine Leiden«

Eins von drei Hähnchen auf unseren Tellern, gut 240 Millionen, werden von 800 PHW-Partnern wie diesem im Kreis Vechta auf Schlachtmaß gebracht. Dazu ein Viertel aller Puten plus die Hälfte der Enten aus deutschen Landen. Pro Jahr vermarktet die Geflügelsparte Wiesenhof eine halbe Million Tonnen Fleisch: filetiert, paniert, als Ganzes oder Wurst. Wissenschaftlich optimiert, nehmen die Küken von einst am Ende ihrer fünf Wochen bis zu 100 Gramm zu. Täglich. Stolz zeigt Wesjohann die Armatur der 500.000-Euro-Anlage: 24,2 Grad Celsius, 71 Prozent Luftfeuchtigkeit, 3.110 Gramm Kraftfutter bisher, automatisch ergänzt um Vitamine und Impfstoffe von AD3E-Forte bis ND Hitcher. Es sind die Codes der Effizienz für 7,5 Aufzuchten pro Jahr.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

"...die Verspeiser - die müssen aufwachen!"

Seit an jeder Verkaufsstelle über die Produktionsbedingungen aufgeklärt werden muss, haben es die Konsumenten viel leichter aufzuwachen.

Früher, als die Verkaufsstellen noch frei waren, alles zu tun, um potentielle Käufer über die wahren Produktionsbedingungen geradezu zu belügen, indem Bilder und Texte einer idyllischen Landschaft, glücklichen Tieren und idealtypischen Ställen gezeigt wurden, hatte jeder Kaufinteressierte es deutlich schwerer.

Seit die Produkte bei uns deutlich kennzeichnen werden müssen, wenn sie unethisch produziert wurden, haben es die Kaufwilligen viel leichter, konkret am Regal, wenn die Kaufentscheidung fällt, sich dieser Informationen zu versichern.

Welche treusorgende Mutti oder gutseelige Omi brächte es denn fertig, als Geschenk für die Kleinen ein Schokoladenprodukt mitzubringen, auf deren Verpackung vermerkt ist, dass die Kakaobohnen auf der Plantage mit Kinderarbeitern geerntet wurden? Gut, wenn die Kleinen ebenso wenig lesen gelernt haben wie die Kinderarbeiter, geht das vielleicht gerade noch, oder wenn die Eltern selber sich mit dem Lesen schwer tun. In vielen anderen Fällen, kehrt die Ethik tatsächlich wieder in die Verkaufstellen zurück und das gute Gewissen hat überhaupt wieder eine Chance.

Der Produzent ist in der Hauptverantwortung

nicht der Konsument.

Als Waffenhersteller ist mir doch bewußt was Menschen damit machen, also fehlt es hier an einer Grundmoral, diese Waffen erst gar nicht zu produzieren.

Es liegt nur am Konsumenten so einen Hersteller abzustrafen, in dem man seine Produkte nicht kauft.
Nur leider werden diese Produkte auch an den Dönerladen ums Eck verkauft, man kann dem also nur entgehen, wenn man nie auswärts ist.

Ansatzpunkt

"Wie in vielen anderen Bereichen (etwa Energie) zeigt sich, dass mit zunehmender Effizienz der Bedarf ansteigt, statt wie erwartet zu sinken."

Grundsätzlich ist das ja nicht schlimm. Wenn etwas mit weniger Arbeit hergestellt wird, kann man davon auch mehr verbrauchen (ohne dass jemand mehr arbeiten müsste).

Ein Problem wird es nur, wenn Kosten für "Dritte" entstehen. Sei es durch Luftverschmutzung, Antibiotikaresistenz oder was auch immer.

In solchen Fällen muss der Staat halt die Anreize geraderücken indem er die Nachteile in den Preis einfließen lässt. Das geht mit Energiesteuern und das ginge grundsätzlich auch mit Tiersteuern (oder zumindest der Abschaffung der MWSt.-Vergünstigung für Nahrung). Wir müssen uns als Gesellschaft bloß einigen, was wir wollen!