Natürlich sehen sich Liebende heute vor. Doch dort, wo die Leiber zweier Menschen besonders dicht aufeinandertreffen, findet sich für Krankheitserreger immer ein Weg. Wer diese goldene Regel der Mikrobiologie dauerhaft ignoriert, zahlt mitunter einen unangenehmen Preis: Er (oder sie) infiziert sich mit dem Erreger einer Geschlechtskrankheit, die fast ausgestorben schien.

Syphilis zum Beispiel gilt als Lustseuche von vorgestern, als eine inzwischen vernachlässigbare Größe im Spiel der Triebe. In seiner infektionsmedizinischen Praxis aber sieht der Hamburger Arzt Hans-Jürgen Stellbrink immer häufiger Patienten, die sich mit dem Syphiliserreger angesteckt haben. "Klar, da gibt es oft überraschte Gesichter", sagt er. Was Stellbrink beschreibt, ist keine zufällige Häufung. Erneuter Anstieg der Syphilis-Meldungen, titelte das Robert Koch-Institut (RKI) im Juni 2011 in seiner Hausmitteilung. Fast 3700 neue Infektionen verzeichneten die Epidemiologen, im Vergleich zu nur 3.000 im Jahr davor. Die Anzahl der Meldungen ist so hoch wie zuletzt im Jahr 1986. Die Mittelalterplage ist auf dem besten Wege, eine sehr moderne Seuche zu werden.

Unter deutschen Infektionsmedizinern sorgt diese Trendwende für großes Unbehagen. Während die Zahl der HIV-Infektionen nach langem Kampf endlich zu stagnieren scheint, kommt eine längst unter Kontrolle geglaubte Geschlechtskrankheit wie die Syphilis plötzlich zurück. Und sie kommt wahrscheinlich nicht alleine.

"Wir müssen davon ausgehen, dass sich praktisch alle konventionellen sexuell übertragbaren Krankheiten außer HIV wieder ausbreiten", erklärt Norbert Brockmeyer, Leiter des Zentrums für sexuelle Gesundheit an der Dermatologischen und Venerologischen Klinik der Universität Bochum. Dazu zählt die Gonorrhö ebenso wie Infektionen mit Chlamydien, Herpes- oder Papillomaviren (HPV). Besonders die Gonorrhö, besser bekannt als Tripper, bereitet den Infektionsmedizinern Kopfzerbrechen. In letzter Zeit tauchen hochresistente Erregerstämme auf, die auf die übliche Antibiotikatherapie nicht mehr ansprechen. Das Problem ist nur: Außer der Syphilis ist keine dieser Krankheiten meldepflichtig.

Bis zum Jahr 2001 war das anders. Damals mussten Ärzte nach dem Gesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten rigoros jede erkannte Infektion melden. Zum Beginn des neuen Jahrtausends schien die Lage jedoch so weit unter Kontrolle zu sein, dass eine generelle Meldepflicht für Geschlechtskrankheiten als nicht mehr notwendig erachtet wurde. Das neue Infektionsschutzgesetz sieht die Registrierung nur noch für HIV, akute Hepatitis und die Syphilis vor. Wegen ihres besonders schweren Verlaufs wollte man diese Erkrankung im Auge behalten, auch wenn die Neuinfektionszahlen sich um die Jahrtausendwende bei etwas über 1.000 Fällen pro Jahr eingependelt hatten. Von den Fallzahlen der Syphilis, dachten die Experten, ließe sich auch auf die grobe Entwicklung bei den anderen Geschlechtskrankheiten schließen.

Seit die Syphilis-Neuinfektionen jedoch von Jahr zu Jahr neue Rekordwerte erreichen, sind auch die Epidemiologen am Robert Koch-Institut mit dieser Regelung nicht mehr glücklich. "Es war ein Fehler, zu glauben, dass die konventionellen Geschlechtskrankheiten in Deutschland keine so große Rolle mehr spielen", sagt Viviane Bremer, Expertin für sexuell übertragbare Krankheiten am RKI. Ende Juli 2012 sprach sie sich gemeinsam mit Kollegen dafür aus, die Meldepflicht für Chlamydien und Gonorrhö wieder einzuführen. "Wir brauchen dringend mehr Daten zu diesen Krankheiten", sagt sie, "wir müssen wissen, wie es in der Bevölkerung aussieht."

Im Bundesgesundheitsministerium scheint man den Vorschlag aus dem RKI ernst zu nehmen. Im Hinblick auf die zunehmende Anzahl sexuell übertragbarer Infektionen, heißt es dort, erwäge man die Einführung einer Labormeldepflicht für die beiden Erreger.

Wie aber konnte es zu diesem besorgniserregenden Anstieg der Geschlechtskrankheiten kommen? Entgegen allen Unkenrufen leben Jugendliche ihre Sexualität heute nicht viel früher oder exzessiver aus als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Verkaufszahlen von Kondomen sind gleichbleibend hoch, ein Trend zum ungeschützten Geschlechtsverkehr lässt sich nicht erkennen. Die "Mach’s mit"-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die seit dem Jahr 1993 zu "Safer Sex" mit Kondomen aufruft, hat die Menschen offensichtlich erreicht.