Leider, sagt der Bochumer Venerologe Norbert Brockmeyer, könnte genau da das Problem liegen. Nach der rasanten Ausbreitung des HI-Virus in den achtziger Jahren konzentrierte sich die Aufklärung über sexuell übertragbare Infektionen in erster Linie auf diese Geschlechtskrankheit. Während Kondome ganz im Sinne von "Mach’s mit" einen fast vollständigen Schutz vor einer HIV-Infektion bieten, gilt das aber nicht für Krankheiten wie Syphilis, Gonorrhö oder Herpes. "Kondome sind zwar immer noch die effektivste Schutzmaßnahme, die wir haben", sagt Brockmeyer, "sie schließen eine Ansteckung aber keineswegs aus." In seiner Ambulanz sieht er immer wieder Patienten, die geglaubt hatten, Kondome würden sie vor allen Gefahren schützen.

Im Zuge der HIV-Prävention rieten viele Ärzte ihren Patienten, im Zweifel lieber auf Oralverkehr auszuweichen. Die Übertragung des Virus über die Mundschleimhaut ist zwar theoretisch möglich, kommt aber praktisch kaum vor. Auch hier, befürchtet Brockmeyer, könnte der gut gemeinte Rat Schaden angerichtet haben. Das Humane Papillomavirus (HPV), das bei jungen Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen kann, scheint nun auch Karzinome in der Hals- und Rachenschleimhaut zu verursachen. Ein umgekehrtes Phänomen gibt es beim Herpes: Das Virus, das normalerweise die lästigen Lippenbläschen hervorruft, findet sich jetzt oft in der Genitalregion von Patienten – und der Erreger des genitalen Herpes umgekehrt im Mundbereich.

Unglücklicherweise bleibt es für die Patienten oft auch nicht bei einer sexuell übertragbaren Krankheit. Viele der Erreger erzeugen Verletzungen im Genitalbereich. Damit schaffen sie Eintrittspforten für weitere Bakterien und Viren. Auf diesem Wege könnte die Rückkehr der "alten" Geschlechtskrankheiten eines Tages sogar die Eindämmung des HI-Virus bedrohen. Denn wer an einer Sexually Transmitted Infection (STI) erkrankt ist, für den erhöht sich das Risiko einer HIV-Infektion um ein Vielfaches – und umgekehrt.

Angesichts dieser Lage wäre es sinnvoll, junge Menschen nicht nur mit der HIV-Prävention vertraut zu machen, sondern auch für ein grundlegendes Wissen über andere Geschlechtskrankheiten zu sorgen. Dass massiver Nachholbedarf besteht, musste die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei einer Befragung im Jahr 2010 feststellen. So hatte mehr als die Hälfte der Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren noch nie von Chlamydien gehört. Eine Infektion mit diesen Bakterien kann aber vor allem bei Frauen langfristig zur Unfruchtbarkeit führen, wenn sie nicht behandelt wird. Je nach Untersuchung schätzen Epidemiologen, dass zwischen fünf und zwanzig Prozent der jungen Leute infiziert sind. Weil die Krankheit oft ohne Symptome verläuft, bieten die gesetzlichen Krankenkassen bereits ein kostenloses jährliches Screening für Frauen bis zum 25. Lebensjahr an. Ohne Grundkenntnisse aber bleibt das Angebot sinnlos.

Die Ergebnisse der Umfrage, so die BZgA, deuteten darauf hin, dass Kenntnisse über STI wie Chlamydien oder HPV in der Schule praktisch gar nicht erworben würden. Dies sei besonders im Fall des Humanen Papillomavirus erstaunlich – immerhin empfiehlt die Ständige Impfkommission jungen Mädchen, sich vor dem ersten Geschlechtsverkehr gegen diese Viren impfen zu lassen, um das Risiko für Gebärmutterhalskrebs zu senken. Kein Ruhmesblatt für den Biologieunterricht ist auch der Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad und dem Wissen über Geschlechtskrankheiten, der in der Studie auffiel: Besucht ein Mädchen eine Hauptschule, weiß es im Schnitt noch schlechter über STI Bescheid als die Altersgenossinnen auf dem Gymnasium.

Was also ist zu tun? Sollten Ärzte angesichts des unvollständigen Schutzes durch Kondome den Jugendlichen raten, ihre sexuelle Experimentierphase kurz zu halten? Müsste die neue Präventionsbotschaft "Mach’s gar nicht" statt "Mach’s mit" heißen? Norbert Brockmeyer hält das für keine gute Idee. "Aufrufe zu Monogamie und sexueller Abstinenz kommen nicht an", sagt er, "weil sie an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbeigehen." In den USA habe man lange mit genau dieser Strategie gearbeitet, mit teilweise verheerenden Resultaten. Um die Menschen zu erreichen, müsse man Vorsorgestrategien entwickeln, die auf ihrer Sexualität aufbauen.

"In unserer Gesellschaft existiert keine gemeinsame Wahrnehmung der STI", stellt der Hamburger HIV-Spezialist Hans-Jürgen Stellbrink fest. Darin liege das Übel. Seiner Ansicht nach muss die künstliche Trennung zwischen HI-Virus und den "anderen" sexuell übertragbaren Infektionen korrigiert werden. "Man hat das Bild von Aids als wahnsinnig gefährlicher, schrecklicher Krankheit im Kopf, obwohl sie heute viel von ihrem Schrecken verloren hat. Gleichzeitig bringt man die anderen Geschlechtskrankheiten damit überhaupt nicht in Verbindung."

In ihrer neuen "Mach’s mit"-Kampagne hat die BZgA immerhin die sexuell übertragbaren Infektionen mitberücksichtigt. "Mit Wissen und Kondom schützt Du Dich vor HIV und kannst das Risiko einer Ansteckung mit STI deutlich senken", heißt es jetzt auf den Plakaten. In der Schweiz ist man schon einen Schritt weiter, dort ist die Trennung ganz aufgehoben. Aus "Love Life Stop Aids" wurde kurzerhand "Love Life", in den frechen Werbefilmen bezieht sich die Frage "Juckt’s?" ganz allgemein auf mögliche Symptome von Geschlechtskrankheiten.

Viviane Bremer vom Robert Koch-Institut ist sich aber gar nicht so sicher, ob eine einzige Präventionsbotschaft für alle sexuell übertragbaren Infektionen sinnvoll ist. "Wir müssen herausfinden, welche Gruppen von welchen Geschlechtskrankheiten besonders betroffen sind, und dann müssen wir auf diese Gruppen zugehen", sagt sie. Der aktuelle Anstieg der Fallzahlen bei der Syphilis gehe beispielsweise fast ausschließlich auf Infektionen bei männlichen Patienten zurück. Das ist ein Hinweis darauf, dass sich der Trend auf Männer konzentriert, die mit anderen Männern Geschlechtsverkehr haben. "In manchen Gruppen hat sich das sogenannte Sero-Sorting durchgesetzt", erklärt der Bochumer HIV-Experte Brockmeyer. "Dabei haben die Männer jeweils nur mit Partnern Geschlechtsverkehr, die ebenso wie sie selbst entweder HIV-positiv oder -negativ getestet sind." Weil sie sich dann sicher fühlen, verzichten die Männer in solchen Fällen oft auf Kondome – und vergessen, dass sie damit anderen Geschlechtskrankheiten wie der Syphilis die Gelegenheit zur Verbreitung geben.

Andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien oder HPV scheinen tatsächlich die breite Mehrheit der sexuell aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu betreffen. Der Hamburger Arzt Hans-Jürgen Stellbrink könnte sich deshalb gut vorstellen, diese Themen in einem Fach "Gesundheitserziehung" in der Schule zu behandeln, bevor die Kinder in die Pubertät kommen. "Darin müsste man sexuelle Gesundheit als etwas Positives vermitteln, das ebenso zum Leben dazugehört wie Ernährung oder Bewegung", sagt er. "Geschlechtskrankheiten sind leider immer noch tabubehaftet und oft mit Schuldgefühlen verbunden."

In einer Stellungnahme warb die Deutsche STI-Gesellschaft dieses Jahr für das Modell aus Großbritannien, wo "Zentren für sexuelle Gesundheit" von der Bevölkerung gut angenommen werden. Stellbrink fände es schon hilfreich, wenn sich die deutschen Allgemeinärzte beim Thema Geschlechtskrankheiten stärker engagieren würden. "Viele sexuell übertragbare Krankheiten verursachen ja unspezifische Symptome", sagt er, "der Hausarzt ist deshalb oft der erste Ansprechpartner." In einem klärenden Gespräch könne dieser den Verdacht auf eine STI entweder ausräumen oder im Zweifelsfall überprüfen. Spätestens bei der Gelegenheit böte sich dann auch eine umfassende Aufklärung über sexuelle Gesundheit an. Dass dafür durchaus Bedarf besteht, zeigte die BZgA-Umfrage. Über die Hälfte der Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren wünschte sich, mehr über sexuell übertragbare Infektionen zu erfahren – am liebsten in einem persönlichen Arztgespräch.

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