Akt-Fotografie in der DDR"Der Staat ließ damit Luft aus dem Ventil"

Günter Rösslers Bilder waren in der DDR legendär. Nun ist der Akt-Künstler verstorben. Ein Gespräch über Nacktheit im SED-Land mit dem bekannten Fotografen Harald Hauswald. von 

DIE ZEIT: Herr Hauswald, waren Günter Rösslers Bilder eigentlich Kunst?

Harald Hauswald: Ich finde, schon. Es war eben nicht irgendwelcher Dreck, den Rössler da fabriziert hat. Er hat ein gutes Handwerk hingelegt. Wie er mit dem Licht umgegangen ist und wie er bei all seinen Akten immer wieder Abwechslung schuf – da gehörte schon Können dazu. Heute werden ja auch viele Fotos von Helmut Newton als Kunst eingestuft. Und es gab Kollegen, die ihre Arbeit wesentlich eitler betrieben als Rössler. Die sich vor allem gerne selbst bedienten...

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ZEIT: Wie meinen Sie das?

Hauswald: Na, man kennt manche Aktfotografen, die die Mädels, die sie ablichteten, anschließend direkt aufrissen. Das hat der Rössler, soweit man hört, ja nicht gemacht. Er war einer der Ersten, die diesen Job sehr professionell angingen. Das sieht man den Aufnahmen auch an. Einen Akt kann man so darstellen, dass die Frau verunglimpft wird. Oder so, dass da Ästhetik sichtbar wird. Letzteres hat Rössler geschafft. Wenn ein Bild bleibenden Wert hat, dann wird es zu etwas Höherem, dann gehört es vielleicht sogar ins Museum. Das gilt für Reportagebilder, das kann aber auch für die Aktfotografie gelten.

ZEIT: Sie sind einer der bekanntesten ostdeutschen Fotografen. Verbinden Sie eine persönliche Geschichte mit Rössler?

Hauswald: Da fällt mir ein denkwürdiges Erlebnis ein. Er hatte mal eine Freundin von mir vor der Kamera. Das Bild zeigt sie auf einem Sessel sitzend, eine schönes Motiv, eine tolle Frau. Ich hatte das Foto lange Jahre in meiner Wohnung hängen. Es verschwand dann auf mysteriöse Weise...

ZEIT: Wie das?

Hauswald: Es gab eine Hausdurchsuchung der Stasi bei mir. Die haben meine Wohnung zweimal offiziell durchsucht, mehrfach aber auch konspirativ. Das merkte ich dann zum Beispiel daran, dass auf dem Regal, in dem meine Fotobücher standen, plötzlich lauter Fingerabdrücke im Staub zu finden waren. Na, und nach einer dieser heimlichen Aktionen war plötzlich auch das Rössler-Aktbild verschwunden. Offenbar hatte die Stasi Gefallen daran gefunden...

ZEIT: Ihnen als Reportagefotograf wurde das Leben schwer gemacht, Rösslers Arbeit wurde dagegen sogar staatlich befördert.

Hauswald: Ich eckte eben politisch an. Er hingegen bekam die Chance, seine Bücher so zu gestalten, wie er wollte. Aber ich bin da ohne Neid. Für seine Sachen war ein Markt da. Und die DDR-Führung förderte die Aktfotografie.

Der Mythos

Es gibt so viele Legenden über Rössler, dass sie gar nicht alle falsch sein können: Er habe die Frauen, die er fotografierte, bewundert. Mit der »künstlichen Geilheit« von Playboy-Shootings konnte er wenig anfangen. Und der Vergleich mit Helmut Newton, dem Superstar der Branche, behagte ihm nicht: Zu kühl, zu unpersönlich fand Rössler dessen Werk. Einmal, 1984, druckte der Playboy Rösslers Kunst – als Exoten-Strecke, Titel: »Mädchen aus der DDR«.

Der Künstler

Rössler, geboren 1926 in Leipzig , studierte dort an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. In den Sechzigern beschäftigte er sich als einer der Ersten in der DDR ernsthaft mit Aktfotografie. Und siehe: Ausstellungen wurden überrannt; die Zeitschriften, für die er arbeitete, etwa Das Magazin, wurden Verkaufsschlager. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Rössler sein einstiges Model Kirsten Schlegel, 2003 bekam das Paar eine Tochter. An Silvester 2012 starb er 86-jährig in seinem Haus in Markkleeberg.

Bereits 2006 hatte die Zeitschrift SuperIllu Rössler einmal für tot erklärt – eine Falschmeldung. Nun erschien das Blatt mit einer Homestory über den Fotografen – ausgerechnet in der Woche, in der Rössler wirklich starb.

Sein Erbe

Hat Rösslers Arbeit die Frauen in der DDR beeinflusst? Zumindest den Blick auf die Frauen der DDR. Und dass die Ostdeutschen als besonders offenherzig und freizügig gelten, liegt nicht zuletzt auch an der Suggestion, die Rösslers Bilder erzeugt haben.

ZEIT: Warum eigentlich?

Hauswald: Der Staat konnte damit Luft aus dem Ventil lassen, auf völlig harmlose Art und Weise. Es gab doch kaum Freizeitvergnügen, und wie sollte man die Leute bei Laune halten? Also wurde Sex gefördert. Dazu gehörte, dass die DDR die Pille sehr früh einführte. Dazu gehörten Bilder wie die von Rössler. Und denken Sie an all die FKK-Strände. Die ließ man doch sehr bewusst einrichten: um abzulenken. Deshalb sind die Ostdeutschen bis heute weniger prüde. Sie hatten ja, böse gesagt, nichts Besseres zu tun, als sich auszuziehen. Sie besuchten diese FKK-Strände – ein Jahr im Voraus musste man dort einen Zeltplatz buchen! Die Ostdeutschen gingen relativ schnell Beziehungen ein. Sie lebten freie Liebe. Rössler profitierte davon, dass Nacktheit etwas so Normales war in der DDR. Eine staatlich erwünschte Nische. Weil politisch harmlos.

ZEIT: Erklärt sich daraus auch der Erfolg der Zeitschrift Das Magazin, für die Rössler lange Zeit arbeitete und die in der DDR immer rasch vergriffen war?

Harald Hauswald

Harald Hauswald, 1954 in Radebeul geboren, ist Mitbegründer der Ostkreuz-Agentur für Fotografen.
 

Hauswald: Ja, dieses Heft war begehrt, gerade weil es diese berühmte Aktseite hatte. Ohne nackte Frauen wäre das Magazin sicherlich nicht so populär geworden.

ZEIT: Sie sind ein Fotograf, der das Land abgebildet hat, wie die SED es nicht sehen wollte; Sie haben Anstoß erregt. Einer wie Rössler dagegen machte Aktbilder und war ausgerechnet damit irgendwie staatstragend! Ist das nicht absurd?

Hauswald: Es ist doch alles eine Frage des Lebensweges. Für ihn waren seine Bilder der Lebenssinn, und das ist völlig in Ordnung so. Mir war Studiofotografie, mir waren Aktfotos nie so wichtig – vielleicht, weil ich immer eine Freundin hatte. Aber ein bisschen Sozialkritik konnte Rössler mit seinen Bildern ja auch üben.

ZEIT: Ach, welche denn?

Hauswald: Na, man sah die Mädchen nackt auf seinen Bildern und dachte sich: Ach, gibt es in diesem Land denn nicht einmal vernünftige Unterwäsche zu kaufen?

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Leserkommentare
  1. als sich auszuziehen.
    FKK-Strändeließ man bewusst einrichten: um abzulenken.
    Also wurde Sex gefördert. Sie lebten freie Liebe."

    Aha. So war das dort. Früher nur Sex-Vergnügen und heute über zu niedrige Renten meckern. Diese Ossis.

    Gut, daß uns dies mal einer erzählt.
    Gut, daß diese Unterdrückung vorbei ist.
    Heute hat man die Freiheit, sich in Bordellen Liebe, wenn gewünscht auch mit Kindern, zu kaufen. Und die zahllosen Porno-Zeitungen unterscheiden sich wohlwollend vom "MAGAZIN" aus Stasi-Zeiten.
    Gute heile Welt.

    8 Leserempfehlungen
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    "Heute hat man die Freiheit, sich in Bordellen Liebe, wenn gewünscht auch mit Kindern, zu kaufen. Und die zahllosen Porno-Zeitungen unterscheiden sich wohlwollend vom "MAGAZIN" aus Stasi-Zeiten"
    Freiheit, sich Kinder für Sex zu kaufen und die Porno-Zeitungen unterscheiden sich "wohlwollend"? vom Magazin aus Stasi-Zeiten? Was ist denn das für en Kauderwelsch?

    • zeie
    • 10. Januar 2013 20:57 Uhr

    Des Artikels ist ein Unding.
    Wiedermal ein Versuch, alles mögliche was es in der DDR gab - und was vielen Leuten vermutlich gefallen hat - sofort mit Politik in Verbindung zu bringen.
    Man wollte das Volk "ablenken"...
    Ganz ehrlich... was wollen denn heute unsere Politiker alles, wenn wir... keine Ahnung Musik geniessen, oder Sport machen oder gar in die Kur oder in den Urlaub fahren?
    All solche Dinge sollen wir sicherlich tun - damit wir uns von den Härten des Kapitalismus ablenken.

    Und mal wieder: Alles an der DDR und in der DDR war grundsätzlich SCHLECHT. Es muss einfach schlehcht sein. Man muss einfach immer wieder beweisen, dass alles schlecht war.

    5 Leserempfehlungen
  2. "Ganz ehrlich... was wollen denn heute unsere Politiker alles, wenn wir... keine Ahnung Musik geniessen, oder Sport machen oder gar in die Kur oder in den Urlaub fahren?
    All solche Dinge sollen wir sicherlich tun - damit wir uns von den Härten des Kapitalismus ablenken."

    Sie haben Fernsehen, Einkaufen, und Sportschauen vergessen. Und, ja, so funktioniert der moderne Kapitalismus. Gratulation zu der Einsicht.

    Eine Leserempfehlung
  3. Als einer, der Interesse an Kunst und an der Darstellung des menschlichen Körpers in der Kunst hat, blieb ich am Nachruf in Zeit-Online auf Günter Rössler hängen. Ich kenne sein Werk nicht eingehend, aber wenn er verdient, in der Zeit errinnert zu werden, nach meinem oberflächlichen Eindruck, vielleicht mit Recht, ist dieser Nachruf eine merkwürdig fragwürdige Art, es zu tun. Im zugrundeliegenden Gespräch erwecken beide Beteiligte den Eindruck, nicht viel vom Akt in der Geschichte der bildenden Kunst zu wissen und davon, dass die Meisten, die sich einen Namen gemacht haben, Photographie in den Rang von Kunst zu erheben, herausragende künstlerische fotografische Akte geschaffen haben. Helmut Newton ist nicht der Treffendste und Playboy kein würdiger Bezugspunkt.
    Ich würde auch GDR Bonzen nicht mit der Erfindung der Freikörperkultur ehren.
    Nur Kofschütteln, meinerseits

    3 Leserempfehlungen
  4. In der DDR wurden die Leute mit Sex ruhiggestellt, in der heutigen BRD mit staatlich subventionierten Billigflügen nach Thailand.

    • reimuse
    • 13. Januar 2013 20:00 Uhr

    Ich halte es für entwürdigend, wenn man einen Künstler, und das war Rössler, so mit Dingen ins Gespräch bringt, mit denen er nichts zu tun hatte. Es wäre sinnvoll, bei der Recherche, Rösslers Gedanken zu lesen. Bücher gibt es einige von ihm. Autor und Gesprächspartner wissen nichts über Rössler und nichts über das Leben in der DDR. Fotografie war sehr beliebt bei den einfachen Leuten, ohne "Staatsauftrag". Und Rössler war schon zu DDR Zeiten ein,weltweit beachteter Fotograf. Ich halte es für fraglich, Rösslers Fotografie in ihrer Estetik und Technik am playboy zu messen. Da vergleicht man Wasser und Wein.Aber nach den üblichen Medienberichten sind wir es gewohnt, das alles was Leben in der DDR ausmachte, sofort schlecht war und von Leuten die gar kein Urteil abgeben können, weil sie da nicht gelebt haben, verunglimpft wird. Im übrigen, auch in der DDR gab es ein Leben abseits von Politik so wie es heute immer mehr Bürger praktizieren..

  5. Das halte ich für Blödsinn. Liebe und FKK in der DDR, mit Sicherheit freier als im Westen, war nicht verboten. Es gab keinen Paragraphen im StGB der DDR, der dieses Thema behandelte. Also fand Liebe und FKK statt. Somit auch Aktfotografie. Oft einfach so. Betriebsdirektor, Abteilungsleiter, Produktionsarbeiter, Schüler und Lehrerin, Professor und Stundent grüßten sich freundlich, wenn sie sich unbekleidet am Strand begegneten. Das war vollkommen natürlich, mit Ausnahme der verklemmten Spanner, die in den Dünen die Szene heimlich beobachteten oder den Volkspolizisten, die im Hochsommer schwitzend in voller Montur ihren Dienst taten.

    Allerdings zeigte zumindest am Ostseestrand der Staat von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang seine Macht. Dann war es Grenzgebiet. Aufenthalt verboten. Auch ohne Bekleidung. Dann musste man Aktfotos zu Hause machen. Liebe auch.

  6. "Heute hat man die Freiheit, sich in Bordellen Liebe, wenn gewünscht auch mit Kindern, zu kaufen. Und die zahllosen Porno-Zeitungen unterscheiden sich wohlwollend vom "MAGAZIN" aus Stasi-Zeiten"
    Freiheit, sich Kinder für Sex zu kaufen und die Porno-Zeitungen unterscheiden sich "wohlwollend"? vom Magazin aus Stasi-Zeiten? Was ist denn das für en Kauderwelsch?

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  • Schlagworte DDR | SED | Helmut Newton | Stasi | Unterwäsche | Handwerk
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