VergewaltigungsprozessRecht, nicht Rache

Gute Verteidiger öffnen den Indern die Augen für ihre Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt zum Alltag gehört. von 

Natürlich, wer könnte den Drang nicht verstehen, kurzen Prozess mit den Kerlen zu machen, die eine junge Inderin gemeinschaftlich in einem Bus gequält und vergewaltigt haben? Nach allem, was wir wissen, haben die sechs Männer die 23-jährige Studentin so bestialisch misshandelt, dass keine Strafe hart genug erscheint. Und wer würde sich nicht mindestens gelegentlich bei dem Gedanken ertappen, hier, genau hier sei eben doch einmal die Todesstrafe angemessen?

Der Fall peitscht die Emotionen auf, entfesselt den archaischen Ruf nach Rache, in Indien wie überall auf der Welt. Die Behörden in Neu-Delhi reagieren auf den eskalierenden Volkszorn mit einer Mischung aus Härte und Hilflosigkeit. Die Öffentlichkeit musste nach Tumulten von den ersten Verhandlungen gegen die Angeklagten ausgeschlossen werden, die Presse ebenfalls, offenbar soll es ein Schnellverfahren geben, Politiker und Journalisten überbieten sich längst in Forderungen nach den drastischsten Strafen. Von Kastration bis Hängen ist alles dabei.

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Erst der starke Verteidiger macht den Rechtsstaat souverän

Sogar die örtliche Anwaltsvereinigung hat beschlossen, dass die Verdächtigen nicht verteidigt werden sollen. Die Juristen seien zu »emotional« in der Sache. Wer zu einer solchen Tat fähig sei, habe keinen Anspruch auf Rechtsbeistand. Die Täter seien »Bestien«. Das heißt wohl: Sie sind keine Menschen, und daher gelten für sie auch keine Menschenrechte. Nun werden den Tatverdächtigen vermutlich Pflichtverteidiger aus anderen Regionen zugeteilt werden.

Die Entscheidung der Anwaltskammer, die Verdächtigen nicht zu verteidigen, ist gleich doppelt falsch. Wut, Rache, Lynchjustiz sind furchtbar für denjenigen, der gelyncht werden soll. Aber fast furchtbarer noch sind sie für die Gesellschaft, die sich solchen Rachefantasien hingibt.

In einem halbwegs funktionierenden Rechtsstaat hat jeder Anspruch auf einen Anwalt seines Vertrauens, jeder Kindesentführer, jeder Serienvergewaltiger, jeder Völkermörder. Selbst die übelsten Nazischergen fanden bei den Nürnberger Prozessen der Alliierten Wahlverteidiger.

Das ist keine Gnade, die sich ein Täter individuell verdienen muss, es ist Konsequenz des Zweifels, der zum Rechtsstaat gehört wie das Gesetz. Die aufgeklärte Justiz weiß, dass sie Fehler macht, dass sie sich der Wahrheit bestenfalls anzunähern vermag. Wissen wir denn, ob nicht vielleicht einer der sechs Vergewaltiger Hilfe holen wollte und es nicht konnte? Gute Strafverteidiger verkörpern diesen produktiven Zweifel. Sie sind das Sand im Getriebe der Justiz, sie sind die Quälgeister, die die vermeintlichen Gewissheiten infrage stellen. Sie stemmen sich, nicht selten ganz allein, gegen den öffentlichen Hass, gegen den Ruf: Hängt sie! Ist die Stellung des Verteidigers stark, ist der Rechtsstaat souverän.

Falsch ist der Boykottaufruf der indischen Anwälte aber vor allem, weil die Verteidigung gerade im Fall dieser mutmaßlichen Vergewaltiger noch eine weitere Aufgabe hat.

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