Vor dem Kolosseum in Rom © Alessandro Bianchi/Reuters

Mit einem Kabinett parteiloser Experten sollte Mario Monti sein Land aus der Krise führen. Ende Dezember trat er zurück. Bei den Neuwahlen Ende Februar kandidiert er wieder als Regierungschef. Und einer seiner Gegner ist Silvio Berlusconi. Wie funktioniert Politik in Italien? Eine Kulturgeschichte in 24 Begriffen.

Das Zentrum politischer Macht Italiens ist il palazzo. Mit diesem Begriff ist allerdings weniger ein konkreter Palast Italiens gemeint als vielmehr eine bestimmte Art, Macht auszuüben. Im palazzo herrscht immerzu dämmriges Licht. Schemenhafte Gestalten huschen durch seine Gänge, ein Flüstern und Tuscheln ist zu hören, Schatten flackern an den Wänden. Es gibt zahllose Türen, aus denen immer wieder mal jemand auftaucht, mit einem dicken Bündel von Akten unter dem Arm, nur um von einer sich plötzlich auftuenden Öffnung verschluckt zu werden oder über einen Treppenaufgang zu verschwinden. Der palazzo ist ein gespenstisches Gebäude.

Es gibt dort kein Rechts und kein Links, ja nicht einmal ein Oben und ein Unten. Hier herrscht die Macht in Reinform, sie hat kein Ende und keinen Anfang, kein Profil, keine Kontur, sie ist allgegenwärtig und unfassbar zugleich. Der einzige Sinn und Zweck des palazzo ist es, sich selbst am Leben zu erhalten. Jede Lüge und jede List, jede Heuchelei und jede Manipulation ist erlaubt, wenn sie nur dazu dienen kann, dass der palazzo weiter existiert. Seine Bewohner behaupten, sich hier nur deshalb aufzuhalten, weil sie den Menschen außerhalb der dicken Gemäuer dienen wollen. Doch für die Menschen draußen sind sie kaum zu verstehen. Sie sprechen eine Sprache namens politichese, ein Politikerkauderwelsch byzantinischer Prägung. Es dient dazu, verschlüsselte Botschaften zu übermitteln, Missbrauch zu vertuschen, Unfähigkeit zu verbergen und unüberbrückbare Gegensätze zu übertünchen. Es ist eine Vernebelungssprache. Ein berühmter Begriff des politichese ist convergenze parallele. Der christdemokratische Ministerpräsident Aldo Moro antwortete Ende der siebziger Jahre mit diesen Worten auf die Frage, warum er eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten eingehe. Waren sie nicht Todfeinde? Doch, das waren sie, aber sie waren auch konvergent und parallel zugleich. Er meinte: Wir bewegen uns aufeinander zu, werden uns aber nie treffen. Schon war der Widerspruch geschluckt. Die Democrazia Cristiana dominierte in Italien die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Die Partei hatte ein gefräßiges Maul und einen riesigen Magen, der alles verdauen konnte. Darum nannte man sie auch balena bianca, den weißen Wal. Das Untier, das in den Tiefen des palazzo jahrzehntelang auf Beutefang ging .

Die Bürger Italiens nennen die Bewohner des Palasts la casta, die Kaste, ganz so, als seien es die Mitglieder eines perfiden Geheimbundes, oder sie verwenden den Sammelbegriff partitocrazia, was deutlich macht, dass es sich bei diesen Parteiorganisationen um eine besonders verkommene Art der Aristokratie handelt, die es bestens versteht, von anderer Leute ehrlicher Arbeit zu leben, ohne selbst einen Finger zu rühren. Man muss keine besonderen Qualifikationen haben, um zum Fürsten dieser Aristokratie aufzusteigen – Skrupellosigkeit reicht.

1992 stürzte die partitocrazia wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mailänder Staatsanwälte hatten ein gewaltiges System der Korruption aufgedeckt. Fast alle Parteien waren in diese Schmiergeldaffäre verwickelt, die man tangentopoli nannte. Zahllose Mitglieder der Kaste haben sich die Hände schmutzig gemacht. Die landesweiten Ermittlungen wurden mani pulite, sinngemäß Operation saubere Hände, genannt. Der Schmutz der Korruption sollte aus dem palazzo gefegt werden. Doch es dauerte nicht lange, und die partitocrazia erhob wieder ihr Haupt. Ihr Antlitz war schrecklicher, ihre Hände waren schmutziger denn je. Die Wut darüber wuchs unter den Bürgern. Ein Politiker trat auf die Bühne, der versprach, den Augiasstall auszumisten und den Bürger von allen sicht- und unsichtbaren Fesseln zu befreien, welche la casta ihm angelegt hatte. Er taufte seine Bewegung nach einem Schlachtruf der Fußballfans »Forza Italia!« und eroberte den palazzo im Sturm. Doch was wie eine Erstürmung aussah, war nur der Auftritt des Alten in neuem Gewand, getreu dem Bonmot aus dem italienischen Schlüsselroman »Il Gattopardo«: »Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.« In Wahrheit war der Eroberer selbst ein Mitglied von la casta, er hatte sich nur als Unternehmer verkleidet und gab den neuen Mann, den uomo nuovo. Sein Name: Silvio Berlusconi.