Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi (Januar 2013) © ALBERTO LINGRIA/AFP/Getty Images

Dass Staatsanwälte in die Politik gehen und sogar Parteien gründen, hat in Italien eine gewisse Tradition. Dass sich so mancher Delinquent für das Parlament bewirbt, um sich durch Immunität vor Strafverfolgung zu schützen, ebenso. So kommt es auch in diesem Wahlkampf wieder zu einer Neuauflage des politischen Räuber-und-Gendarm-Spiels, mit Prominenz auf beiden Seiten.

Bei den Staatsanwälten treten echte Schwergewichte an. Im linken Lager kandidieren mit Antonio Ingroia und Pietro Grasso zwei prominente Mafia-Jäger, die beide aus Sizilien stammen. Ingroia war zuletzt UN-Beauftragter für den Kampf gegen die Drogenmafia in Guatemala, jetzt ist der Jurist Spitzenkandidat des Bündnisses Zivile Revolution. Dazu gehören zwei kommunistische Kleinstparteien, die italienischen Grünen und noch zwei weitere Parteien, die von ehemaligen Staatsanwälten gegründet worden sind. Mit der Zivilen Revolution soll Italien linker werden, ökologischer, vor allem aber – gesetzestreuer. Antonio Ingroia, den Silvio Berlusconi einst als »Krebsgeschwür der Demokratie« beschimpfte, bezeichnet sich selbst als »Partisan der Verfassung«.

Auch Pietro Grasso verspricht eine »Revolution der Justiz«. Als Leiter der Staatsanwaltschaft von Palermo zeichnete Grasso für die Verhaftung von 1.779 Mafiosi und 380 Lebenslänglich-Urteile verantwortlich. Sieben Jahre lang führte er Italiens zentrale Antimafiabehörde, bevor er beschloss, für die sozialdemokratische PD (Partito Democratico) anzutreten. Die Entscheidung dazu, so Grasso, sei »durchlitten und radikal«.

Die Staatsanwälte halten sich für die wahren Revolutionäre Italiens. Eigentlich treten sie nur an, um Recht und Gesetz durchzusetzen, ein Law-and-Order-Programm, das man andernorts eher in konservativen oder rechten Parteien vermuten würde. Doch in Italien ist es genau umgekehrt: Die Linke verteidigt die Justiz, während die Rechte es für ihr gutes Recht hält, Gesetze zu brechen.

Silvio Berlusconi hat Dutzende Prozesse hinter sich, zuletzt wurde er in zweiter Instanz wegen Steuerbetrugs zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein weiteres Verfahren wegen Sex mit einer Minderjährigen läuft noch.

Böse Zungen verbreiten das Gerücht, Berlusconi sei nur deshalb nicht endgültig aus der Politik verschwunden, weil er sich bloß so vor den Staatsanwälten schützen könne. Wie er überhaupt nur Politiker geworden sei, weil er andernfalls schon längst im Gefängnis säße.

In seiner Partei Volk der Freiheit (PDL) befindet sich Berlusconi jedenfalls in allerbester Gesellschaft. Derzeit zählt sie 56 Parlamentarier, die mit der Justiz in Konflikt gekommen sind. Die meisten von ihnen wollen sich nun wieder um ein Amt bewerben. Das Kandidaten-Casting für die PDL betreibt als »Parteikoordinator« ein Mann, gegen den Verfahren wegen Bestechung und Amtsmissbrauch laufen. Und manche Mitglieder stehen sogar unter Mafia-Verdacht.

Anderswo dürfen Personen, die mit dem Gesetz in Konflikt stehen, erst gar nicht Politik machen. In Italien jedoch muss schon als Fortschritt gelten, dass die Monti-Regierung immerhin ein Gesetz verabschiedet hat, das Vorbestraften die Kandidatur verbietet. Allerdings gilt das nur für rechtskräftig Verurteilte, die Haftstrafen von mindestens zwei Jahren kassiert haben. Wer in einen laufenden Prozess verwickelt ist, darf hingegen antreten. Berlusconi betrifft die neue Regelung also nicht. Aber gegen ihn kommt die Revolution der Staatsanwälte sowieso zu spät.