Jonathan LethemSätze aus der Fitnesszone

Jonathan Lethems neue Essaysammlung macht einen ungeduldig und reizbar. von Clemens J. Setz

Der Schriftsteller Jonathan Lethem

Der Schriftsteller Jonathan Lethem  |  © Amy Sussman/Getty Images

Die blinde, damals elfjährige Helen Keller schrieb 1892 eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Frost King über das Leben von Feen im Herbst und im Winter. Wenig später wurde sie wegen Plagiatsvorwürfen vor ein schulinternes Gericht gebracht. The Frost King ähnelte in vielen, allzu vielen Sätzen einer Geschichte aus einem Buch einer gewissen Margaret Canby. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Perkins School, in deren Zeitschrift The Mentor die Geschichte abgedruckt worden war. Häufig verwendete Wörter waren Unverschämtheit, Schande und so weiter. Acht Lehrer befragten Helen zwei Stunden lang, schließlich legte der Leiter der Schule die "Kontroverse" bei und sprach Helen Keller von jeglicher Schuld frei, obwohl er zu Protokoll gab, er habe "jeden Glauben" an das kleine Mädchen verloren. Sie selbst sagte, sie habe keinerlei Erinnerung an die Vorlage. Helen Kellers gesamtes Wissen von der Welt bestand aus dem, was sie entweder eigenhändig berührt oder was eine ihrer engagierten Lehrerinnen ihr in die Handfläche buchstabiert hatte. Bei dem schulinternen Prozess sagte eine dieser Lehrerinnen: "All use of language is imitative, and one’s style is made up of all other styles that one has met." Sogar Margaret Canby meldete sich und sagte, dass Helen Kellers Version besser als ihre sei. Helen Keller hatte nach dieser Kontroverse einen Nervenzusammenbruch und schrieb nie wieder erfundene Geschichten. Mark Twain schrieb Helen Keller daraufhin einen Brief, in dem er ihr Mut zusprach und die ganze Affäre als "owlishly idiotic and grotesque" bezeichnete. Aber Helen Keller ließ sich nicht mehr überreden, Erzählungen zu verfassen. Als Erwachsene schrieb sie ihre Autobiografie und einige Bücher über religiöse und gesellschaftspolitische Themen.

Diese Anekdote findet sich nicht in Jonathan Lethems Essaysammlung Bekenntnisse eines Tiefstaplers. Das heißt, doch, ganz kurz wird einmal ein Satz aus dem Trostbrief von Mark Twain zitiert, aber im Grunde könnte man die Trägerfrequenz von Lethems Buch als eine ins Positive umgestülpte Version dieser Leidensgeschichte begreifen.

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Der Originaltitel des Buches lautet The Ecstasy of Influence. Sein titelgebender Essay bildet das Herzstück der Sammlung, von dem alle anderen Texte ausstrahlen. Er verrät, worum es geht: um Einflüsse. Ein Autor hat sich vorgenommen, zu zeigen, woraus er gemacht ist. Da gibt es Aufsätze über Schriftsteller, die er mag und die ihn geprägt haben (welch ein glücklicher Mensch, der das alles so problemlos aufzählen kann!), und einige Betrachtungen über den elenden Begriff der "Popkultur" und Batman- Verfilmungen und natürlich auch über Jonathan Lethem, zum Beispiel über das eine Mal, als er per Anhalter unterwegs war und dabei einige spannende Dinge erlebte. Um es zuzugeben: Der Grad an Selbstekel, der sich beim Verfassen einer Buchbesprechung in einem Autor bildet, ist ohnehin schon enorm, auch, wenn man das Buch loben möchte. Und jetzt, da ich erklären will, warum mich Jonathan Lethems Texte, besonders die in dieser neuen Essaysammlung, trotz all ihrer unleugbaren Qualitäten, ihrer Intelligenz und Genauigkeit, immer wahnsinnig ungeduldig und reizbar machen, ist der Selbstekel naturgemäß noch größer.

Jonathan Lethem

1964 wurde der amerikanische Schriftsteller in New York geboren. Er studierte bei Bret Easton Ellis am Bennington College in Vermont.
2007 erschien sein Roman »Du liebst mich, du liebst mich nicht« (Tropen Verlag). Zuletzt »Chronic City« (Tropen Verlag 2011)

Vielleicht liegt das daran, dass Lethem genau das ist, was ich nie sein möchte: ein Autor, der – um Thomas Stangl zu zitieren – daran glaubt, was in ihm vorgeht. Er schreibt gesunde, starke Sätze, bei denen man die ganze Zeit mitnicken muss, weil sie so viele offene Türen einrennen. Seine Prosa ist sonnig, heiter und wenn selbsthinterfragend, dann im vollen Bewusstsein seiner bisherigen schriftstellerischen Leistungen. Er hat sich selbst durchschaut, weiß, was ihn geformt hat, und er legt seine Poetik offen. Er schreibt über Philip K. Dick und zitiert seitenlang einige frühe, sehr schlechte Erzählungen, die stark unter Dicks Einfluss standen – um zu zeigen, dass er früher stark unter Dicks Einfluss stand (ein Augenblick, da man sich tatsächlich nach der direkten Umkehrung der bekannten Creative-Writing-Workshop-Formel Show, don’t tell! sehnt). Er schreibt über Italo Calvino und erklärt, dass Calvinos Werk ihm immer viel bedeutet hat und dass Calvino richtig toll ist. Die meiste Zeit ist er auf eine sehr demokratisch-amerikanische Weise geistreich, so sehr, dass er seinen bereits erwähnten Essay über die "Einflussekstase" aus lauter Zitaten von anderen Autoren zusammengebastelt hat. Und ja, das hat mir ja auch gefallen. Muss man auch können, so was. Der Essay ist, wie man sich leicht denken kann, ein Lobgesang aufs Zitieren, auf den kreativen Umgang mit bereits vorhandenen Sätzen und Bildern: "Als Bewohner der westlichen Welt leben wir in einer Ära, die immer mehr vom Glauben an das Privateigentum bestimmt wird, zum Nachteil des öffentlichen Wohls." Und: "Wenn wir selbst aus Versatzstücken bestehen, müssten wir uns doch zugestehen, auch unsere Kunst aus Versatzstücken herzustellen."

Sätze wie Sitzfußball: Sie spielen sich gegenseitig einen simplen Gedanken nach dem anderen zu, manchmal hebt der Ball ein wenig vom Boden ab, aber niemals mehr als ein paar Zentimeter. Es gelingen Lethem hier und da ein paar recht schöne, elegante Betrachtungen oder Beschreibungen, aber meist klingt das alles irgendwie so: "Beide Seiten der politischen Gleichung behaupten dasselbe: Washington ist kaputt. Ich würde dem gern widersprechen, und hinzufügen: Was kaputt ist, ist unser Glaube an uns selbst."

Oder so: "Nachdem ich Philip K. Dick entdeckt hatte, dauerte es kaum ein Jahr, bis meine eigene erregte Fantasie den ›Schund‹ in seiner ›Schundliteratur‹ verschwinden ließ und stattdessen ideelle Verbindungen zu Franz Kafka, den Talking Heads und Giorgio de Chirico herbeiredete. Ging es dabei noch um ›Popkultur‹? Können wir nicht einfach Kultur sagen?" Ganz ehrlich, ich weiß auch nicht genau, warum das Bedürfnis, einige flache, langweilige Sätze aus dem Buch als repräsentative Beispiele anzuführen, gerade eben so unbeherrschbar stark wurde. Normalerweise hasse ich es, wenn Rezensenten das machen. Dabei sollte ich doch mit so einem Buch und so einem Autor eigentlich spielend leicht Freundschaft schließen können. Ich liebe Philip K. Dick. Ich liebe Italo Calvino. Ich liebe J. G. Ballard. Mr. Lethem und ich hätten, sollten wir eines Tages zusammen im Lift stecken bleiben, bestimmt jede Menge Gesprächsstoff. Aber seine übersetzerfreundliche Prosa strahlt auf jeder Seite dieses Buches eine so unkomplizierte Fitness aus, das sorgenfreie Schreibtischlampenlicht eines Menschen, der Autor ist, weil Bücherschreiben Spaß macht und weil ihn Literatur schon immer sehr glücklich gemacht hat und weil es einfach cool ist, da mitzumischen, in dem großen Schmelztiegel der Weltliteratur. Er hat schon als ganz junger Mann, als er noch gar nicht berühmt war, aus lauter Liebe zur Literatur in Buchläden gearbeitet, und hie und da kamen dann sogar einige berühmte Autoren durch die Tür spaziert und unterhielten sich mit ihm. Er hatte Hippie-Eltern, die zwar komisches Zeugs gelesen haben, aber hey, immerhin haben sie was gelesen: "Diese Leute damals gaben sich nicht mit dem Zurückliegenden ab, sie machten sich auf den Weg und hatten keine Angst vor dem Unbekannten." Er schreibt über sich selbst, in der Gewissheit, dass er selbst interessant ist, was er irritierenderweise sogar manchmal ist. Es ist eine von Zwängen freie Literatur. Keine Vertreibung aus dem Paradies liegt ihr zugrunde. Es ist klar, dass ihm das Schreiben leichtfällt.

Wenn man Lethem liest, schämt man sich seiner eigenen Ernsthaftigkeit und Selbstquälerei. Und man schämt sich auch der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, die einem hin und wieder gelingen. Denn beides braucht er überhaupt nicht, er hat seine Erinnerungen und seine Einflüsse. Er kommt ohne Magie und Geheimnis aus, ohne Mysterium. Er ist ein postmoderner Autor und lebt geborgen und kompetent und gut ausgeruht in der unendlichen Zitate-Bibliothek. Ich lese zu viel, er liest zu viel, wir alle lesen zu viel. Aber Jonathan Lethem ist, so scheint mir, gerade jenem elementaren Weckruf, jenem einzigen Illuminationsangebot, das die unendliche Bibliothek uns bieten kann – nämlich gerade an diesem Zuviel, wie Don Quijote, auf weltöffnende Weise den Verstand zu verlieren –, niemals nachgekommen.

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Leserkommentare
    • hairy
    • 23. Januar 2013 15:19 Uhr

    "Es ist eine von Zwängen freie Literatur." Eine solche Literatur gibts nicht, wuerde ich sagen.

  1. ist ein toller Roman. Unbedingt empfehlens- und lesenswert!

    es ist doch eine akzeptable Methode das literarische Porträt einer Zeit, die den Blick auf ihre Zukunft verloren hat, aus allerlei kulturellen Zitaten und Anspielungen zusammenzusetzen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 10.1.2013 Nr. 03
  • Schlagworte Essay | Buch | Sachbuch | Literatur
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