An einem Nachmittag im Oktober wird Julia Schramm klar, dass sie zurücktreten muss. Dass sie ihre Politikerkarriere so nicht länger durchziehen kann. Sie steht in ihrer Berliner Wohnung und blickt auf das Chaos. Das Bett ist zerwühlt, ihr Schmuck darüber verteilt, Kleidung liegt unordentlich herum. Es sieht aus, als hätte jemand eine Party gefeiert. Schramm war mit ihrem Mann eine Woche in den Ferien. Nun fehlen Schramms Verlobungsring, ihre Armbanduhr und ihr Buch. Sonst nichts. Die Polizei spricht von einer Beziehungstat. Der Dieb hat sich nur auf Persönliches konzentriert, er wollte sie – Julia Schramm – treffen. Dieser Einbruch ist der Höhepunkt einer Reihe von Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen. In ihrem Briefkasten lag ein Zettel mit der Aufforderung, sie gehöre ins Arbeitslager, im Netz ist das häufigste Wort in ihrem Zusammenhang »Schlampe«, und auf Amazon bewerten Kunden ihr Buch mit null Sternen, obwohl sie es gar nicht gelesen haben. Es ist, als löse Julia Schramm den Reflex aus, sie verletzen, ihr eins überziehen zu wollen.

Beim ersten Telefonat beginnt sie sofort zu weinen. »Woher haben Sie diese Nummer?«, fragt sie die Reporterin. Vom Verlag. Ach so. Es sei eine private Notfallnummer, nur für Familie und enge Freunde gedacht, das habe die Pressefrau wohl verwechselt. »Bitte sofort löschen«, sagt sie, diktiert eine zweite Handynummer und erzählt von dem Einbruch. Es wurde noch keine Frage gestellt, und schon fühlt man sich als mieser Eindringling. Julia Schramm ist 27, betreibt ein Blog, eine Website und 15 Twitter-Accounts, sie hat ein Buch mit dem Titel Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin geschrieben und bis Oktober im Bundesvorstand der Piratenpartei gesessen. Sie provoziert; bezeichnet die Idee des geistigen Eigentums als ekelhaft, das Urheberrecht als Kampfbegriff und greift den Datenschutz an. Und dann überlegt sie es sich anders und nimmt manches davon wieder zurück. Sie sucht die Öffentlichkeit, setzt sich ihr aus, flirtet mit ihr. Nun hat sich diese mit ganzer Macht gegen sie gewandt. Julia Schramm hat viel Blödsinn erzählt. Das machen andere auch. Den Hass, der ihr entgegenschlägt, erklärt das nicht.

Ein paar Wochen nach dem ersten Anruf sitzt Julia Schramm im Zug von Berlin nach Hannover. Sie trägt eine Fellweste, hochhackige Stiefel und hat ihre langen dunkelblonden Haare zu einem Zopf gebunden, ihr Kopf ist über das iPad gebeugt. In ihrer Sprache heißt das »mobiles Endgerät«. Sie trennt sich nur selten davon. Draußen verschwindet die Landschaft in einem grauen Winterbrei. Sie ist auf dem Weg zu einer Lesung mit Burkhard Spinnen, einem Autor, der ihr Vater sein könnte und einen Roman über einen Jungen geschrieben hat, der sich im Internet verliebt. Schramm hat es nicht gelesen. Der Zug ist voll, sie redet laut, sie redet meistens laut. Das ganze Abteil hört mit. Schramm macht das nichts aus, sie genießt es, wenn andere still sind. Sie spricht über das Urheberrecht (»reformbedürftig«), Privatsphäre (»am Ende«) und den Begriff des geistigen Eigentums (»eine Materialisierung von Geist«) – all die Themen, für die sie in den vergangenen Monaten angegriffen wurde. Eine junge Frau, die Schramm gegenübersitzt, hört sehr interessiert zu und tippt auf einem Smartphone herum. »Kennen wir uns?«, fragt Schramm sie. Die Frau nickt, sie ist eine freie Journalistin, die schon mal über Schramm berichtet hat. Ein Zufall. »Hast du gerade über mich getwittert?«, fragt Schramm sogleich. Die Frau verneint. Julia Schramm bezieht vieles auf sich, es ist ein ständiges Um-sich-selbst-Kreisen. Auch in ihrem Buch. Es wirkt, als sei neben der ersten Person Singular nicht viel Platz in ihrem Leben. Jede Nichtigkeit wird weitergegeben und kommentiert auf Twitter oder im Blog. Ein Leben ohne Netz ist für sie nicht vorstellbar, jede Reaktion der anderen ist wie eine Versicherung, dass man existiert. Mit acht Jahren geht sie das erste Mal ins Netz, mit 14 hat sie die erste Homepage, und nun folgen ihr fast 10000 Menschen auf Twitter. Es ist ein Spiel mit der exzessiven Selbstdarstellung, die »das Ich explodieren lässt«. In ihrem Buch hat Schramm fünf verschiedene Identitäten. Sie spielt Rollen. Rollenspiele im Netz sind bei ihrer Partei, den Piraten, sehr beliebt. »Fast alle haben diesen Hintergrund.« Warum nur ein Ich sein, wenn man mehr haben kann? Nichts ist so gemeint, wie es gesagt oder geschrieben wurde. Und trotzdem ist da die Sehnsucht, hinter all den Figuren erkannt zu werden. »Wäre es nicht besser, in einer Welt zu leben, in der jeder sich zeigen können darf?«, schreibt Schramm. Sie sagt, auf der Straße werde sie nie erkannt, einmal sei sogar ihr Mann an ihr vorbeigelaufen. Wenn man sie trifft, ist sie jedes Mal ein wenig anders, mal verletzlich, mal aggressiv, schwer zu fassen. Auch wenn man sie mehrmals sieht, stundenlang mit ihr redet, bleibt am Ende ein Gefühl der Unklarheit.