KlassenräumeLernen global

450 Schulklassen auf der ganzen Welt hat der englische Fotograf Julian Germain porträtiert. Und festgestellt: Klassenräume verraten viel über ein Land. Eine kleine Auswahl auf zwei Seiten von 

DIE ZEIT: Sie haben zwischen 2004 und 2012 weltweit Schulklassen porträtiert. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Julian Germain: Als meine eigene Tochter in die Schule kam, ist mir bewusst geworden, dass ich seit meiner eigenen Schulzeit keinen Fuß mehr in eine Schule gesetzt hatte. Aber kaum hatte ich den Klassenraum betreten, waren die Erinnerungen sofort wieder da. Eine Art Flashback. So viel ändert sich dort doch nicht. Ein paar Jahre später habe ich dann einen Fotoauftrag bekommen, Bilder in sechs Schulen in Nordengland zu machen, und wieder musste ich an meine eigene Schulzeit denken. Und war fasziniert.

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ZEIT: Was hat Sie, als Fotograf, an Fotos von Schulklassen interessiert? Die traditionellen Klassenfotos, die am Ende des Schuljahres gemacht werden, haben ja selten einen großen künstlerischen Anspruch.

Germain: Das stimmt. Oft werden sie auch vor einer möglichst weißen Wand gemacht. Aber mir war bei meinen Bildern gerade die Umgebung, der Raum sehr wichtig. Klassenzimmer sind oft vollgestopft und verraten dadurch viel über die jeweilige Klasse und das Land. Dann die Kinder selber, ihre Kleidung, ihr Aussehen, die Accessoires, die sie bei sich tragen. Die Stühle und Bänke. Es gibt auf diesen Bildern so wahnsinnig viel zu entdecken. Diese Details fand ich spannend. Schon zwischen englischen Schulklassen aus Bradford und Newcastle gibt es große Unterschiede. In Bradford leben zum Beispiel sehr viele asiatische Kinder. Das sieht man sofort auf den Fotos. Gleichzeitig gibt es natürlich große Gemeinsamkeiten wie Tische, Stühle, Bänke und eine Tafel.

ZEIT: Aus den 6 Schulen in Nordengland sind 450 Schulen in der ganzen Welt geworden.

Germain: Kurz nachdem ich in England die Klassen fotografiert hatte, war ich in Südamerika für ein anderes Projekt unterwegs. Ich war neugierig und bin dort in eine Klasse reingegangen und war wieder fasziniert. So ist die Idee entstanden, an jedem Ort, an dem ich bin, wenn möglich, eine Klasse zu fotografieren.

ZEIT: Sie würden auch die »Philosophie hinter den traditionellen Klassenfotos« mögen, haben Sie gesagt.

Germain: Ich finde es toll, dass dieses eine Bild einfach alle umfasst. Jeden Schüler. Die Schule ist einer der wenigen Orte, an denen man es sich nicht aussuchen kann, mit welchen Menschen man sich umgibt. Später im Leben sind das oft ganz automatisch diejenigen, die einem in irgendeiner Form ähnlich sind. Den gleichen Job haben, vielleicht ähnliche Interessen. In der Klasse kann man sich vielleicht noch aussuchen, neben wem man sitzt. Mehr aber auch nicht. Und in jeder Klasse, unabhängig vom Land, tauchen immer wieder bestimmte Typen auf. Der Klassenclown, der Lehrerliebling, der Streber. Und manchmal kann man diese Typen auch auf den Fotos wiederfinden.

ZEIT: Haben die Schüler in den verschiedenen Ländern unterschiedlich auf Sie reagiert?

Germain: Natürlich sind Kinder aus der Dritten Welt nicht daran gewöhnt, fotografiert zu werden. Anders als Kinder in Europa. Aber ich habe mich oft erst einmal eine Schulstunde lang in die Klasse gesetzt, zugehört, überlegt, wo ich fotografieren möchte, habe das Licht aufgebaut. Diese Zeit war wichtig, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Erst am Ende der jeweiligen Schulstunde habe ich dann fotografiert.

ZEIT: Auf den Bildern ist nie ein Lehrer zu sehen. Warum?

Germain: Ich wollte das Augenmerk auf die Schüler richten. Ein Lehrer hätte sehr schnell das Zentrum des Fotos gebildet. Das wollte ich nicht.

ZEIT: Haben Sie bei Ihrer Reise in die Klassenräume der Welt auch etwas über die verschiedenen Bildungssysteme gelernt?

Germain: Ich bin natürlich kein Experte, aber wenn ich eines mitbekommen habe, dann dass die Strukturen, die Größe der Klassen, die Ausstattung der Räume keine große Rolle spielen bei der Frage, ob die Kinder dem Unterricht gebannt folgen. Der Lehrer ist wichtig. Wenn er Kinder mag, er sie begeistern kann, dann hören auch alle zu. Das war meine Beobachtung.

ZEIT: Wie schwer war es, mit dem Projekt aufzuhören?

Germain: Schwer, besonders weil es natürlich unzählige Länder gibt, in denen ich noch nicht in einer Klasse war. Und immer ein Freund zu dir kommt und sagt: Da musst du unbedingt hin. Dort sieht Schule ganz anders aus. Aber letztendlich ist es natürlich auch eine Frage des Geldes.

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