Echt oder falsch? Nicht allein für Museumsdirektoren und Betrachter, vor allem für den Kunstmarkt ist das eine zentrale Frage. Denn nur über Authentizität und Einmaligkeit lassen sich die Millionensummen begründen, für die manche Kunstwerke heute den Besitzer wechseln. Wer aber garantiert Echtheit? Den Experten und auch den Nachlassverwaltern verstorbener Meister fällt eine eminent wichtige Rolle zu. Sie sollen den Markt frei von Fälschungen halten und so für die Wertbeständigkeit eines Künstler-Œuvres sorgen. Umso bedenklicher, dass derzeit einige Sammler und Händler die besonders streng urteilenden Nachlassverantwortlichen mit langwierigen und teuren Zivilprozessen in die Defensive drängen – oder gar zur Aufgabe zwingen.

Gerade in den USA, wo Angeklagte in Zivilprozessen auch im Falle eines juristischen Sieges ihre Anwaltskosten selbst tragen müssen, stehen die Kunstexperten heute unter einem immensen Druck. Nachlassverwalter amerikanischer Künstler zahlen inzwischen viel Geld an Haftpflichtversicherungen: Richard Grant etwa, der über das Werk des sowohl für seine abstrakte wie figurative Malerei bekannten Künstlers Richard Diebenkorn (1922 bis 1993) wacht, berichtete kürzlich dem Magazin Economist, dass man sich im Hinblick auf die in etwa drei Jahren bevorstehende Veröffentlichung eines Diebenkorn-Werkkatalogs mit Millionensummen gegen mögliche Prozesse absichere. Prozesse, die dann all jene Eigentümer anstrengen könnten, deren Bilder nicht in den Katalog der echten Bilder aufgenommen wurden.

Die Nachlassverwalter von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jean-Michel Basquiat und Keith Haring hatten in den vergangenen Monaten und Jahren so viel juristischen Ärger, dass sie ihre authentication boards, also ihre Schiedsstellen über Echt oder Falsch, einfach auflösten. In der Andy Warhol Foundation bestand diese Kommission aus fünf Experten, die dreimal im Jahr über die ihnen vorgelegten Bilder entschieden. Doch je mehr Bilder die Kommission für falsch erklärte, desto öfter musste sie diese Entscheidung vor Gericht gegen enttäuschte Käufer oder Verkäufer verteidigen – und das, obwohl all diejenigen, die ihren scheinbar echten Warhol expertisieren lassen wollten, vor der Untersuchung eine Verzichtserklärung auf rechtliche Anfechtung des Expertenurteils unterzeichnet hatten. Warhol stellte bekanntlich das Prinzip Autorschaft selbst infrage und fühlte sich durch die Fälschungen seiner Kunst schon zu Lebzeiten geschmeichelt. Ständig gelangten unautorisierte Drucke aus seiner Factory auf den Markt, wie der ehemalige Warhol-Händler Rudolf Zwirner berichtet, ohne dass dies Warhol weiter bekümmert hätte (ZEIT Nr. 46/12). Verständlich also, dass es in den vergangenen Jahren viel Streit um die Authentizität seiner Werke gab. Allein die von dem Sammler Joe Simon-Whelan angestrengten Prozesse um ein von der Kommission abgewiesenes Warhol-Selbstporträt kostete die Stiftung sieben Millionen Dollar. Solche Summen, so beschloss die Warhol-Foundation vor einem guten Jahr, seien in Zukunft besser in Künstlerstipendien angelegt. Auch wegen solcher Schadensersatzklagen, so Sharon Flescher von der New Yorker International Foundation for Art Research, würden immer häufiger Werkkataloge zu Künstlern nicht mehr als gedruckte Bücher erscheinen, sondern als Datenbanken, die man kontinuierlich aktualisieren und erweitern könne – und die deshalb juristisch schwerer angreifbar seien.

Doch wieso gehen manche Nachlassverwalter das Risiko, wegen aufgedeckter Fälschungen verklagt zu werden, überhaupt noch ein? Sind von einem Künstler zu viele Fälschungen im Umlauf – wie in der Vergangenheit etwa im Falle der Grafiken Salvador Dalís oder der Gemälde Heinrich Campendonks –, dann verunsichert das die Sammler, der Kunst wird misstraut, und die Preise sinken. An hohen Preisen sind aber auch die Nachlassverwalter interessiert, die entweder selbst Kunst aus ihrem Besitz verkaufen oder über das in vielen Ländern gültige Folgerecht prozentual an jedem Wiederverkauf von Kunstwerken beteiligt sind.

»Es geht im Kampf gegen Fälschungen aber auch darum, unsere Kultur und das ideelle Erbe der Künstler zu verteidigen«, sagt Véronique Wiesinger. Sie ist die Direktorin der in Paris ansässigen Fondation Alberto et Annette Giacometti und seit Jahren mit einer Flut von Fälschungen konfrontiert, ausgelöst auch von den neuen Höchstpreisen für Giacomettis Kunst in den Auktionshäusern und Kunsthandlungen. Nicht ein paar Dutzend, sondern Zehntausende von Fälschungen seines bildhauerischen und grafischen Werks seien im Umlauf, sagt Wiesinger. Täglich stoßen sie und ihr Team im Internet auf neue Kopien und Abgüsse, manche durchaus raffiniert, die meisten jedoch plumpe Kopien oder Fehlinterpretationen.

Fünfzig Prozent des Budgets der Pariser Fondation Giacometti flössen inzwischen in den Kampf gegen Fälschungen, sagt Wiesinger, das Thema koste sie jedes Jahr mehr Zeit und Geld. Kürzlich versuchten es Betrüger mit einem Foto von Giacomettis Atelier, in das eine gefälschte Skulptur hineinretuschiert worden war. Glücklicherweise habe Giacometti stets alle Güsse und Vertriebswege seiner Skulpturen kontrolliert, sodass falsche Werke meist mit präzisen Argumenten aussortiert werden könnten. Achthundert Euro kostet hier die Untersuchung eines Kunstwerks.

Auch die Fondation Giacometti wird derzeit wegen einer Abschreibung verklagt. Ein italienischer Sammler wollte von den Parisern ein Echtheitszertifikat für eine Bronzeskulptur, die laut Wiesinger schon auf Fotos völlig Giacometti-untypisch aussah: Ein Mensch mit grotesk gespreizten Händen fliegt abwärts. Aber dem Sammler war die Skulptur mit positiven Expertisen eines Labors und eines angeblichen Expertengremiums verkauft worden, der Italiener wollte sich sein teures Meisterwerk nicht einfach von der Fondation madig machen lassen. Sein Giacometti-Flieger durfte nicht abstürzen. Doch Véronique Wiesinger will sich durch solche Prozesse nicht unterkriegen lassen. Noch kosten sie die Fondation allerdings auch keine Multi-Millionenbeträge.