U-Bahn-WettfahrerDrück auf die Tube!

Keiner fährt Londons Underground schneller ab als der Weltmeister Andrew James. Zum 150. Geburtstag der U-Bahn hat Christine Dohler ihn bei einem Trainingslauf begleitet. von Christine Dohler

Als ich um exakt 5.01 Uhr auf dem menschenleeren Bahnsteig am Terminal 4 des Flughafens Heathrow warte, liefert Andrew eine erste Probe seines Könnens. Er hat sich verspätet – und macht es wieder wett. Während der Zug einfährt, rast er heran, wirft sich auf den Boden, schlittert bäuchlings unter dem Drehkreuz für die Kartenkontrolle hindurch und zieht mich im Sprung mit in den Wagen. »Das Ticket kaufe ich später«, keucht er.

Um uns herum sitzen so früh am Morgen nur einige übermüdete Touristen und Einheimische auf dem Weg zur Arbeit. Stille im Abteil. Der Einzige, der redet, ist Andrew. An jedem Halt spricht er sich laut den Namen der Station und die genaue Uhrzeit vor, macht Notizen, fotografiert in regelmäßigen Abständen Bahnhofsschilder. Als ich meinen Obstsalat auspacken will, zischt er mich an: »Du hast acht Minuten bis zum Umsteigen.«

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Genau acht Minuten später öffnen sich die Türen des Waggons, die berühmte Durchsage »Mind the gap!«, Vorsicht, Lücke!, ertönt, und Andrew hastet, ohne sich nach mir umzusehen, hinaus in die Stationsgänge. Ich versuche, mit ihm Schritt zu halten, einen langen, gefliesten Gang entlang, eine Treppe hinunter, verliere ihn fast in dem Gedränge aussteigender Passagiere und kann mich gerade noch hinter ihm an den sich schließenden Türen vorbei in die U-Bahn pressen. Zum ersten Mal ahne ich, dass mir ein anstrengender Tag bevorsteht. Andrew James ist ein tube challenger, ein U-Bahn-Wettfahrer. Er trägt ein T-Shirt, das vorn das berühmte Logo der London Underground mit dem blauen Balken in einem roten Kreis zeigt, auf der Rückseite steht: Weltrekordhalter. Gemeinsam mit einem Freund ist er in nur 16 Stunden, 29 Minuten und 13 Sekunden das gesamte Streckennetz der London Underground abgefahren. 270 Stationen.

The tube, die Röhre, wie die Einheimischen ihre U-Bahn nennen, hat das längste Streckennetz Europas. Und sie ist die älteste der Welt. Am 10. Januar feiert die tube ihren 150. Geburtstag. Zum Jubiläum habe ich Andrew gebeten, mich auf eine seiner Tempofahrten mitzunehmen. Ich will keine Rekorde brechen, aber an einem Tag die ganze Stadt bereisen, Station für Station durch die Londoner Unterwelt. Wenn alles gut geht, werden wir rund 18 Stunden später an unserem Zielpunkt Amersham am Nordwestrand der Stadt ankommen.

Als die Züge voller werden, drehen sich immer mehr Passagiere nach Andrew um, der weiterhin an jeder Station mit lauter Stimme die Uhrzeit ansagt. »Was um Himmels willen treibt ihr da«, werden wir immer wieder gefragt. Die meisten Menschen reagieren mit höflichem Interesse, nur einmal platzt es aus einem Mädchen mit Zahnspange, das sich in der überfüllten U-Bahn an eine Haltestange klammert, heraus: »Seid ihr noch ganz dicht?« Ich muss lachen. Andrew wechselt wortlos das Abteil.

Tube challenge sei eine ernste Angelegenheit, sagt er später. »Rund um London gibt es einen harten Kern von 20 Challengern, und dann noch gut 260 Leute in einem Internetforum.« Auch in Städten wie New York oder Berlin fahren Menschen U-Bahn um die Wette, doch London gilt als besondere Herausforderung. »Menschen aus aller Welt versuchen sich an der tube«, sagt Andrew, »aber die meisten scheitern.« Einen Tag zu erwischen, an dem bei der U-Bahn alles nach Plan läuft, sei nämlich sehr unwahrscheinlich.

London Underground
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © London Transport Museum

Das Netz ist verschlungen und störungsanfällig. Die maroden Röhrentunnel sind so eng, dass jede Ausbesserungsarbeit den Betrieb lahmlegt, und die Züge so veraltet, dass die Verkehrsbetriebe Ersatzteile bei eBay ersteigern müssen. Laufend höre ich an diesem Tag Durchsagen, auf welcher Linie gerade gar nichts geht.

Endlose Tunnel und Gänge mit niedrigen Decken treiben mich schon nach wenigen Stunden in den Irrsinn, zu Stoßzeiten müssen wir schon einmal drei Bahnen abwarten, bis wir endlich einsteigen können. Fast vier Millionen Menschen drängen sich täglich durch diese Unterwelt, in der es riecht wie in einem muffigen Kartoffelkeller. Und doch lieben die Londoner ihre Underground, die zur Stadt gehört wie Big Ben. Ihr Logo ziert Taschen und T-Shirts, die Dauerdurchsage Mind the gap! ist in aller Welt bekannt.

Nur der tube challenger Andrew, das wird mir im Verlauf des Tages klar, scheint sich für die U-Bahn nicht zu interessieren. Fragen nach Zügen, Waggons oder der Architektur der Untergrundstationen kann er nicht beantworten, und privat fährt er ohnehin nur Auto. Was ihn fasziniert, sind Fahrpläne, Umsteigemöglichkeiten, die Taktung der Bahnen – ein System, das er bis ins Kleinste analysiert hat. Auf jeder Linie wählt er mit Bedacht das Abteil, das am nächsten zur Treppe liegt, um möglichst schnell den Zug wechseln zu können. Wenn ein Halt etwas länger dauert, blickt er rastlos zur Tür. »Komisch, normalerweise stoppen wir hier nur eine Minute.«

Als wir die Endhaltestelle Cockfosters im äußersten Norden Londons erreichen, sagt Andrew: »Wenn wir aussteigen, müssen wir zwei Meilen laufen. Wir haben 20 Minuten.« Das habe ich nicht bedacht: Es würde zu viel Zeit kosten, von einer Endstation wieder zurück zu einem Knotenpunkt in der Stadt zu fahren, um die nächste Linie stadtauswärts zu nehmen. Das heißt, wir müssen zu Fuß durch die Vororte – von Cockfosters, dem Endpunkt der Piccadilly Line, nach High Barnet, wo die Northern Line beginnt. »Ich mache dich zum Roadrunner«, sagt Andrew und tätschelt seinen Bauchansatz. »Von hier nehme ich meine Power. Ich bin topfit. Einer meiner Kollegen bei den tube challengers ist übrigens Marathonläufer.«

Leserkommentare
  1. 4 Leserempfehlungen
  2. ... eine lauwarme Cervisia!

    2 Leserempfehlungen
    • malnor
    • 19. Januar 2013 15:45 Uhr

    München, Paris, Berlin, Köln, St. Petersburg, Moskau. So einige U-Bahnen Europas habe ich ja schon gesehen, aber dieser Artikel macht Lust auf Londons Tube. Danke für diesen wunderbaren Artikel!

    Eine Leserempfehlung

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