Der Bedeutung dieser Paradigmenwende wird man freilich nicht gewahr, wenn man den Fürsten, als sei es ein Stück politischer Pornografie, nur nach den anrüchigen Stellen absucht – aus Abscheu oder aus Interesse. Etwa diese: »Ein kluger Machthaber kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereichen würde und wenn die Gründe weggefallen sind, die ihn zu seinem Versprechen veranlasst haben. Wären die Menschen alle gut, so wäre dieser Vorschlag nicht gut; da sie aber schlecht sind und das gegebene Wort auch nicht halten würden, hast auch du keinen Anlass, es ihnen gegenüber zu halten.« Oder jene: »Man muss nämlich einsehen, dass ein Fürst, zumal ein neu zu Macht gekommener, nicht all das befolgen kann, dessentwegen die Menschen für gut gehalten werden, da er oft gezwungen ist – um seine Herrschaft zu behaupten –, gegen die Treue, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit und die Religion zu verstoßen. Daher muss er über eine seelische Disposition verfügen, sich zu drehen und zu wenden, wenn die Winde des Glücks oder der Wechsel der Umstände dies verlangen, und [...] möglichst vom Guten nicht abzuweichen, aber, falls genötigt (necessitato), fähig zu sein zum Bösen.« Wer derlei kurzsichtig liest, landet flott bei dem abträglichen Wortfeld »Machiavellismus, machiavellistisch etc. pp.« oder bei flachsinnigen Buchtiteln wie Machiavelli für Manager oder gar für Kids.

Will man jedoch die Silbenstecherei hinter sich lassen und stattdessen Machiavellis politischer Anthropologie auf die Spur kommen, muss man sich zunächst mit seinen wichtigsten Leitbegriffen vertraut machen, die er durch sein ganzes Werk konstant beibehält – ein Umstand, der auch in den besten deutschen Übertragungen durch fortwährend veränderte Übersetzungen verwischt wird.

Das gilt besonders für Machiavellis Hauptkategorie politischer Herrschaft, die virtú. Er benutzt diesen Begriff durchgängig und übrigens durchgängig in scharfer Abweichung von der Tradition. Denn er meint damit gerade nicht, wie die Alten, die Tugend im klassischen und moralischen Sinn. Es geht ihm bei der Beschreibung und Bewertung des Fürsten gerade nicht um Tugendhaftigkeit im Sinne der guten Eigenschaften (»Ich wage zu behaupten, dass sie schädlich sind, wenn man sie hat und ständig befolgt«). Sondern virtú heißt bei ihm ausschließlich Tauglichkeit zum Zwecke der Herrschaft.

Diese Tauglichkeit mag Begabung bedeuten, Durchsetzungskraft, Tüchtigkeit, Seelenstärke, Entschiedenheit, Temperament, Rücksichtslosigkeit sowie die Fähigkeit, im einen Augenblick schlau wie ein Fuchs, im anderen stark und brutal wie ein Löwe zu sein. Ein Herrscher müsse sich nämlich nicht nur nach dem Gesetz des Menschen, sondern auch nach der Art der Tiere durchsetzen können. Insofern müsse der Herrscher vom Wesen her wie ein Zentaur halb Mensch, halb Tier sein. Und insofern er sich gut auf die tierische Natur verstehen muss, soll er neuerlich doppelt begabt sein, »soll er sich den Fuchs und den Löwen wählen; denn der Löwe ist wehrlos gegen Schlingen, der Fuchs ist wehrlos gegen Wölfe. Man muss also Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern, und Löwe, um die Wölfe zu schrecken.« All diese vielfältigen Dimensionen füllen bei Machiavelli den einen Begriff der virtú.

Doch bei größter virtú wird man noch lange kein herausragender Herrscher; es bedarf dazu auch der occasione, jener Gelegenheit, die man vielleicht nur dem Glück verdankt. So schreibt Machiavelli über die vier von ihm als hervorragende Herrscher aus der Geschichte zitierten Gestalten, nämlich Moses, Cyrus, Romulus und Theseus: »Ohne diese occasione wäre die virtú ihrer Persönlichkeit erloschen, und ohne diese virtú hätte sich diese occasione vergebens geboten.«

Dies führt zu einer anderen von Machiavelli eigenwillig eingeführten Größe, nämlich der Fortuna, im Griechischen als Tyche bekannt. Diese Göttin des Glücks und des Zufalls, des Unvorhersehbaren galt den Alten als eine schwankende, dennoch tugendhafte Gestalt. Ihrem labilen Wirken waren die Menschen ohne Ansehen und Einfluss der Person ausgesetzt: Zufall eben.

Machiavelli aber hält nichts vom Gemeinurteil seiner Zeit, man solle sich wegen der Unverfügbarkeit des Glücks vom Zufall leiten lassen. Er hält es vielmehr für wahrscheinlich, »dass Fortuna zwar zur Hälfte Herrin über unser Tun ist, dass sie aber die andere Hälfte oder beinahe so viel unserer Entscheidung überlässt«. Fortuna nimmt geradezu mutwillige und feindselige Züge an: »Ich vergleiche sie mit einem jener reißenden Ströme, die, wenn sie im Zorn anschwellen, die Ebenen überfluten, Bäume und Häuser niederreißen [...]. Jeder flieht vor ihnen, alles weicht vor ihrer Gewalt zurück.«

Doch weder sind die Menschen gegenüber den Flüssen noch ist der Herrscher gegenüber Fortuna zur passiven Hinnahme verurteilt. Die Leute können Deiche bauen, die Fürsten können sich der qualità de’ tempi (ein weiterer Leitbegriff)anpassen: den Zeitumständen. Folglich kann nur jener Herrscher sich lange halten, der nicht an seinem bisher vielleicht erfolgreichen Verhaltensstil »klebt«, sondern der sich von seiner gewohnten Methode jederzeit lösen kann, wenn es die qualità de’ tempi verlangt: »Da Fortuna wechselt und die Menschen an ihren sturen Methoden festhalten, werden sie glücklich sein, wenn beide, Zeitumstände und Methode, übereinstimmen, unglücklich aber, wenn nicht.«

Wenige Sätze später spitzt Machiavelli die Personifizierung der Fortuna ordinär, ja obszön zu: »Denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, dass sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen lässt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen...« Ohne Fortuna nützt dem Fürsten seine virtú wenig, aber ein Herrscher von virtú kann versuchen, Fortuna regelrecht zu vergewaltigen.