500 Jahre "Der Fürst"Die Mechanik der Macht
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Die Tauglichkeit zum Zwecke der Herrschaft

Der Bedeutung dieser Paradigmenwende wird man freilich nicht gewahr, wenn man den Fürsten, als sei es ein Stück politischer Pornografie, nur nach den anrüchigen Stellen absucht – aus Abscheu oder aus Interesse. Etwa diese: »Ein kluger Machthaber kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereichen würde und wenn die Gründe weggefallen sind, die ihn zu seinem Versprechen veranlasst haben. Wären die Menschen alle gut, so wäre dieser Vorschlag nicht gut; da sie aber schlecht sind und das gegebene Wort auch nicht halten würden, hast auch du keinen Anlass, es ihnen gegenüber zu halten.« Oder jene: »Man muss nämlich einsehen, dass ein Fürst, zumal ein neu zu Macht gekommener, nicht all das befolgen kann, dessentwegen die Menschen für gut gehalten werden, da er oft gezwungen ist – um seine Herrschaft zu behaupten –, gegen die Treue, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit und die Religion zu verstoßen. Daher muss er über eine seelische Disposition verfügen, sich zu drehen und zu wenden, wenn die Winde des Glücks oder der Wechsel der Umstände dies verlangen, und [...] möglichst vom Guten nicht abzuweichen, aber, falls genötigt (necessitato), fähig zu sein zum Bösen.« Wer derlei kurzsichtig liest, landet flott bei dem abträglichen Wortfeld »Machiavellismus, machiavellistisch etc. pp.« oder bei flachsinnigen Buchtiteln wie Machiavelli für Manager oder gar für Kids.

Will man jedoch die Silbenstecherei hinter sich lassen und stattdessen Machiavellis politischer Anthropologie auf die Spur kommen, muss man sich zunächst mit seinen wichtigsten Leitbegriffen vertraut machen, die er durch sein ganzes Werk konstant beibehält – ein Umstand, der auch in den besten deutschen Übertragungen durch fortwährend veränderte Übersetzungen verwischt wird.

Das gilt besonders für Machiavellis Hauptkategorie politischer Herrschaft, die virtú. Er benutzt diesen Begriff durchgängig und übrigens durchgängig in scharfer Abweichung von der Tradition. Denn er meint damit gerade nicht, wie die Alten, die Tugend im klassischen und moralischen Sinn. Es geht ihm bei der Beschreibung und Bewertung des Fürsten gerade nicht um Tugendhaftigkeit im Sinne der guten Eigenschaften (»Ich wage zu behaupten, dass sie schädlich sind, wenn man sie hat und ständig befolgt«). Sondern virtú heißt bei ihm ausschließlich Tauglichkeit zum Zwecke der Herrschaft.

Diese Tauglichkeit mag Begabung bedeuten, Durchsetzungskraft, Tüchtigkeit, Seelenstärke, Entschiedenheit, Temperament, Rücksichtslosigkeit sowie die Fähigkeit, im einen Augenblick schlau wie ein Fuchs, im anderen stark und brutal wie ein Löwe zu sein. Ein Herrscher müsse sich nämlich nicht nur nach dem Gesetz des Menschen, sondern auch nach der Art der Tiere durchsetzen können. Insofern müsse der Herrscher vom Wesen her wie ein Zentaur halb Mensch, halb Tier sein. Und insofern er sich gut auf die tierische Natur verstehen muss, soll er neuerlich doppelt begabt sein, »soll er sich den Fuchs und den Löwen wählen; denn der Löwe ist wehrlos gegen Schlingen, der Fuchs ist wehrlos gegen Wölfe. Man muss also Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern, und Löwe, um die Wölfe zu schrecken.« All diese vielfältigen Dimensionen füllen bei Machiavelli den einen Begriff der virtú.

Doch bei größter virtú wird man noch lange kein herausragender Herrscher; es bedarf dazu auch der occasione, jener Gelegenheit, die man vielleicht nur dem Glück verdankt. So schreibt Machiavelli über die vier von ihm als hervorragende Herrscher aus der Geschichte zitierten Gestalten, nämlich Moses, Cyrus, Romulus und Theseus: »Ohne diese occasione wäre die virtú ihrer Persönlichkeit erloschen, und ohne diese virtú hätte sich diese occasione vergebens geboten.«

Dies führt zu einer anderen von Machiavelli eigenwillig eingeführten Größe, nämlich der Fortuna, im Griechischen als Tyche bekannt. Diese Göttin des Glücks und des Zufalls, des Unvorhersehbaren galt den Alten als eine schwankende, dennoch tugendhafte Gestalt. Ihrem labilen Wirken waren die Menschen ohne Ansehen und Einfluss der Person ausgesetzt: Zufall eben.

Machiavelli aber hält nichts vom Gemeinurteil seiner Zeit, man solle sich wegen der Unverfügbarkeit des Glücks vom Zufall leiten lassen. Er hält es vielmehr für wahrscheinlich, »dass Fortuna zwar zur Hälfte Herrin über unser Tun ist, dass sie aber die andere Hälfte oder beinahe so viel unserer Entscheidung überlässt«. Fortuna nimmt geradezu mutwillige und feindselige Züge an: »Ich vergleiche sie mit einem jener reißenden Ströme, die, wenn sie im Zorn anschwellen, die Ebenen überfluten, Bäume und Häuser niederreißen [...]. Jeder flieht vor ihnen, alles weicht vor ihrer Gewalt zurück.«

Doch weder sind die Menschen gegenüber den Flüssen noch ist der Herrscher gegenüber Fortuna zur passiven Hinnahme verurteilt. Die Leute können Deiche bauen, die Fürsten können sich der qualità de’ tempi (ein weiterer Leitbegriff)anpassen: den Zeitumständen. Folglich kann nur jener Herrscher sich lange halten, der nicht an seinem bisher vielleicht erfolgreichen Verhaltensstil »klebt«, sondern der sich von seiner gewohnten Methode jederzeit lösen kann, wenn es die qualità de’ tempi verlangt: »Da Fortuna wechselt und die Menschen an ihren sturen Methoden festhalten, werden sie glücklich sein, wenn beide, Zeitumstände und Methode, übereinstimmen, unglücklich aber, wenn nicht.«

Wenige Sätze später spitzt Machiavelli die Personifizierung der Fortuna ordinär, ja obszön zu: »Denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, dass sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen lässt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen...« Ohne Fortuna nützt dem Fürsten seine virtú wenig, aber ein Herrscher von virtú kann versuchen, Fortuna regelrecht zu vergewaltigen.

Leserkommentare
  1. Ich bin nicht in der Lage, diesen Artikel zu kritisieren, weder positv noch negativ, aber ich kann einige grundsätzliche Informationen mitnehmen.

    Diesen Beitrag zu lesen, war eine Erhohlung nach all den politischen, parteipolitischen, personenbzogenen Artikeln aus dem Bereich Politik der letzen Wochen.

    10 Leserempfehlungen
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    Vielen Dank für diesen äusserst interessanten und auch lehrreichen Artikel.
    Eine sehr aufschlussreiche Abhandlung, die durchaus Interesse nach mehr weckt.

  2. Vielen Dank für diesen äusserst interessanten und auch lehrreichen Artikel.
    Eine sehr aufschlussreiche Abhandlung, die durchaus Interesse nach mehr weckt.

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    Antwort auf "Danke für den Artikel"
  3. Guter Artikel.

    4 Leserempfehlungen
  4. Machiavelli ist in Zeiten des Bewusstseinswandels nun wirklich vollkommen überholt, fraglich daher, warum sein Name überhaupt noch erwähnt wird.

    Steht er doch hauptsächlich für das von Diktaturen dem eigenen Volk zugefügte Leid mittels Ausbeutung und Opportunismus.

    "Der Zweck heiligt die Mittel". Das ganze geht ganz gut einher mit dem Spruch eines schwarzen Jesuiten-Papstes: "Fortiter in re, suaviter in modo", den Helmut Schmidt immer noch gerne verwendet.

    Aber wie gesagt: "Das ganze ist völlig OUT".

    Die alten Machtstrukturen zerfallen gerade, wir befinden uns im Zeitalter des Bewusstseinswandels. Hier gilt: "Nur die Liebe zählt".

    Macht, Druck, Erpressung, Falschgeld-Erpressungssystem sind OUT.

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    • Glik
    • 21. Januar 2013 10:25 Uhr

    Falls Sie das tatsächlich ernst meinen sollten:
    "Die alten Machtstrukturen zerfallen gerade, wir befinden uns im Zeitalter des Bewusstseinswandels. Hier gilt: "Nur die Liebe zählt. Macht, Druck, Erpressung, Falschgeld-Erpressungssystem sind OUT."
    .. dann sollten Sie einfach mal ein paar Zeitungen lesen, was auf der Welt vor sich geht. Seit 3000 Jahren (und vermutlich weit länger) keine Spur von 'Bewusstseinswandel', weil 'der Mensch' einfach so konstruiert ist, vermutlich evolutionär bedingt gar nicht anders sein kann.

    Machiavelli beschreibt treffsicher. Ein dünnes Bändchen, das man lesen sollte, wenn man erkennen will, wie die Welt schon immer tickt - vor ihm und nach ihm, heute und in Zukunft. Alles andere ist Illusion.

    "Vollkommen OUT"
    Meinen Sie das ironisch? Wenn Sie scheiben, Macht, Druck, Erpressung Falschgeld alles OUT?

    Was meinen Sie, sind die 12 Billionen Dollar Schulden, die das amerikanische Volk angehäuft hat oder die Schulden der europäischen Länder? Falschgeld!
    Wenn ein gelernter Fachahndwerker für 9 €/Std arbeiten muß, was ist das dann? Erpressung! Erpressung durch die, die die Macht haben.

    Es muß Ironie sein. Entschuldigung daß ich nicht gleich drauf gekommen bin.

  5. "Allein die ungünstige Meinung gegen die Völker entsteht daraus, daß jeder über sie frei und ohne Scheu Übles reden kann auch wenn sie regieren während von den Fürsten hingegen
    immer voll Furcht und mit tausend Rücksichten gesprochen wird"
    Discorsi

    Eine Systemreform mit dem realpolitischen Blick Machiavellis der mit dem liberalistischen Eigeninteressekalkül ohne Mühe kompatibel ist: Wer auch immer "im Namen des Volkes" regiert, er/sie wird früher oder später die eigenen Interessen verfolgen, nicht diejenigen des Volkes. Nur die Menge selbst vertritt auf Dauer ihre Interessen, nur sie regiert im Namen des Volkes, so daß "die Völker besser regieren als die Fürsten".
    Das Kriterium für eine "gute" oder "schlechte" Regierung ist für Machiavelli dabei nicht etwa, ob die Regierung die Volksinteressen berücksichtigt (sonst handelte es sich offenkundig um einen Zirkelschluß) vielmehr hebt Machiavelli ausschließlich auf die langfristige Stabilität des politischen Systems ab. Wie schon Aristoteles und Platon sucht Machiavelli nach einem dauerhaften Staatsgebilde. Dauerhaft kann eine politische Ordnung aber nur sein wenn die breite Masse der Bevölkerung sie trägt und da die Menschen egoistisch sind werden sie das nur so lange tun, wie die politische Ordnung ihren Interessen entspricht. Also folgert Machiavelli, ist diejenige Staatsordnung am stabilsten in der die Menge ihre Interessen vertreten sieht.
    Das ist der Fall wenn die Menge das Geschehen selbst bestimmt - direkte Demoraktie

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    Berühmt und berüchtigt ist Machiavellis Bericht von Cesare Borgias Vorgehen gegen vier unbotmäßige Verbündete anlässlich der Erstürmung der Stadt Senigaglia Ende 1502. Machiavelli war zugegen, als sich Cesare Borgia durch einen raffiniert geplanten Mord dieser Verräter entledigte. Er wurde sogar von dem Mörder selbst über die erfolgreiche Durchführung des infamen Plans unterrichtet - Machiavelli bewunderte diesen ordnungspolitischen Mord, denn Zweck war, endlich für Ruhe zu sorgen.

    http://niccolo-machiavell...

  6. Berühmt und berüchtigt ist Machiavellis Bericht von Cesare Borgias Vorgehen gegen vier unbotmäßige Verbündete anlässlich der Erstürmung der Stadt Senigaglia Ende 1502. Machiavelli war zugegen, als sich Cesare Borgia durch einen raffiniert geplanten Mord dieser Verräter entledigte. Er wurde sogar von dem Mörder selbst über die erfolgreiche Durchführung des infamen Plans unterrichtet - Machiavelli bewunderte diesen ordnungspolitischen Mord, denn Zweck war, endlich für Ruhe zu sorgen.

    http://niccolo-machiavell...

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    • Gerry10
    • 21. Januar 2013 10:25 Uhr

    ...und gibt in "Der Fürst" ja auch die passende Argumentation:
    "Da er herrschen wollte und voll großer Pläne war, konnte er garnicht anders handeln."
    Betrachtet man diese Handlung realpolitisch und mit den Augen seiner Zeit hat er doch vollkommen Recht und C.Borgia ebenfalls.
    Um das in unsere Zeit zu bringen sehen Sie sich Präsident Obama an. Der führt einen unerklärten Krieg in Jemen und Pakistan mit Hilfe von Drohnen.
    Ich stelle mal die These auf, hätten die Borgias Drohnen gehabt...
    Was wieder zum Ursprung meines bzw. Machiavellis Kommentars führt, wer auch immer "im Namen des Volkes" regiert, er/sie wird früher oder später die eigenen Interessen verfolgen, nicht diejenigen des Volkes.

    • Glik
    • 21. Januar 2013 10:25 Uhr

    Falls Sie das tatsächlich ernst meinen sollten:
    "Die alten Machtstrukturen zerfallen gerade, wir befinden uns im Zeitalter des Bewusstseinswandels. Hier gilt: "Nur die Liebe zählt. Macht, Druck, Erpressung, Falschgeld-Erpressungssystem sind OUT."
    .. dann sollten Sie einfach mal ein paar Zeitungen lesen, was auf der Welt vor sich geht. Seit 3000 Jahren (und vermutlich weit länger) keine Spur von 'Bewusstseinswandel', weil 'der Mensch' einfach so konstruiert ist, vermutlich evolutionär bedingt gar nicht anders sein kann.

    Machiavelli beschreibt treffsicher. Ein dünnes Bändchen, das man lesen sollte, wenn man erkennen will, wie die Welt schon immer tickt - vor ihm und nach ihm, heute und in Zukunft. Alles andere ist Illusion.

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    • Gerry10
    • 21. Januar 2013 10:25 Uhr

    ...und gibt in "Der Fürst" ja auch die passende Argumentation:
    "Da er herrschen wollte und voll großer Pläne war, konnte er garnicht anders handeln."
    Betrachtet man diese Handlung realpolitisch und mit den Augen seiner Zeit hat er doch vollkommen Recht und C.Borgia ebenfalls.
    Um das in unsere Zeit zu bringen sehen Sie sich Präsident Obama an. Der führt einen unerklärten Krieg in Jemen und Pakistan mit Hilfe von Drohnen.
    Ich stelle mal die These auf, hätten die Borgias Drohnen gehabt...
    Was wieder zum Ursprung meines bzw. Machiavellis Kommentars führt, wer auch immer "im Namen des Volkes" regiert, er/sie wird früher oder später die eigenen Interessen verfolgen, nicht diejenigen des Volkes.

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    So weit so gut. Aber wenn nun Obama seine eigenen Interessen vertritt und nicht die des Volkes, welche Interessen sind das denn? Mehr Macht? Mehr Ansehen, Ehre? Mehr Geld?
    Verritt er nicht vielleicht doch die Interessen des Volkes? Wenn auch nur eines kleinen Teiles des Volkes?

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