Es gibt im Principe eine aufwendige Klassifizierung der Herrschaftstypen, auch allerlei Ratschläge zum Heereswesen und Festungsbau. Dies alles mag man als inzwischen historisch gern beiseitelassen. Entscheidend bleibt Machiavellis Kategorienbündel aus virtú, fortuna, occasione, necessità, qualità de’ tempi. Sie sind die konstanten Elemente der conditio humana jedes politisch Handelnden und Herrschenden. Sie bestimmen die Mechanik der Macht, aus ihnen ergibt sich die (zunächst!) radikal von moralischen Zielen und Fesseln freie Empirie des potenziellen politischen Erfolgs.

Politik als ein rein erfolgsqualifiziertes Geschäft: Für Machiavelli folgt das politische Handeln keinen moralischen Imperativen – etwa des bonum commune, also eines irgendwie definierten Gemeinwohls, oder einer auch nur rudimentären Figur der Gerechtigkeit. Insofern bricht er in seiner Analyse der Herrschaft in der Tat radikal mit allem, was Plato oder Aristoteles, Metaphysik, Religion, was Stoa oder Christentum an ethischen Über- oder Unterbauten predigten. Der Herrscher folgt allein funktionellen Imperativen, und die sind erst einmal souverän gegenüber allen moralischen Behauptungen, also a-moralisch. Und wer wüsste in Machiavellis Zeit und Welt auch nur einen Herrscher zu nennen, vom korrupten Papsttum bis hinunter zu den kleinen Provinzfürsten und den ausländischen Interventionsmächten auf italienischem Boden, der sich anders verhielt?

Nun aber stellt sich die Frage, ob Machiavelli selber und seine Theorie wirklich so »unmoralisch« sind. Je näher man sich auf diese Frage einlässt, desto schwieriger wird es, sie zu beantworten, zumal dann, wenn man sein zweites, weitaus umfangreicheres Werk, die Discorsi, in die Betrachtung mit einbezieht. Konzentriert sich der Principe auf die individuellen Handlungsbedingungen des Herrschers, spüren die Discorsi – gleichzeitig mit dem Principe 1513 begonnen – den kollektiven Bedingungen einer gelingenden Republik nach. Dass es Machiavelli dabei letztlich um ein vivere politico und ein vivere libero geht, also um ein im Grunde bürgerliches, ein unter den Bedingungen der Zeit auch einigermaßen freies Gemeinwesen, zeigt schon deutlich genug an, dass sein Denken, wenngleich nicht durch eine überzeitliche Moral, so doch von politischen Zielen eingehegt ist, die ihrerseits durchaus moralische, wenn auch zunächst nur politisch formulierte Substanz in sich tragen.

Aber hatte Machiavelli nicht Cesare Borgia bewundert – jenen ruchlosen Sohn des nicht minder ruchlosen Papstes Alexander VI.? Hatte er sich Cesare Borgia nicht geradezu als Idealbild jenes nuovo principe erkoren, der ohne alle anderen Voraussetzungen als die virtú und die Fortuna eine neue Herrschaft begründet hatte – als Vorbild jenes Herrschertyps also, dem im Fürsten sein eigentliches Interesse galt?

In der Tat scheint Machiavelli, der Cesare Borgia auf seinen diplomatischen Missionen kennen- und fürchten gelernt hatte, diesem Condottiere zu bescheinigen, (fast) alles richtig gemacht zu haben, einschließlich der oftmals ungeheuerlichen Grausamkeit seines Vorgehens. Doch Vorsicht bleibt geboten. Denn Cesare war bereits sechs Jahre vor der Abfassung des Principe kläglich gescheitert mit seinem Bestreben, ein neues Fürstentum zu errichten. Er hatte verkannt, dass seine Macht ganz von seinem päpstlichen Vater abhing, dessen Leben sich absehbar dem Ende neigte und der 1503 starb. Danach setzte Cesare, von seiner Selbstherrlichkeit geblendet, auf das falsche Pferd im Vatikan und war alsbald dem Untergang geweiht. So viel zur Fehleinschätzung der occasione, der Fortuna und der qualità de’ tempi in einem.

Man wird also dem hannoverschen Romanisten und Machiavelli-Interpreten Dirk Hoeges folgen und die Suche nach »dem neuen Fürsten« unter Machiavellis Zeitgenossen einstellen: »Es gibt ihn nicht und kann ihn nicht geben.« Und man wird Hoeges (fast) zustimmen, wenn er schreibt, dieser principe könne »nur als Modell entworfen werden«.

In der Tat geht es Machiavelli um den Idealtyp des Herrschers. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht doch konkret nach ihm sehnte. Denn im Schlusskapitel seines Fürsten fragt er fordernd, ob nicht im Italien seiner Zeit die occasione für einen nuovo principe angebrochen sei, für jenen neuen Herrschertyp, dem sein gesamtes Nachdenken gilt und der das gespaltene und von ausländischen Interventionsmächten zerrissene Land befreien könnte, auf dass das vivere politico und das vivere libero in Italien endlich möglich würden. Diese Sätze sind keine bloße Schmeichelei für jenen Mann, dem er das Buch gewidmet hat, für Lorenzo de’ Medici; denn Machiavelli war wohl kaum so töricht, auf den neuen Herrn von Florenz zu setzen. Sondern diese Sätze enthalten die Quintessenz seines politischen Strebens – und dies sollte kein moralisch wertvolles Ziel sein?

Anlässlich von Machiavellis 400. Geburtstag 1869 brachten Verehrer an seinem Geburtshaus in Florenz eine Tafel an, auf der er als »Wegbereiter der nationalen Einheit Italiens« gerühmt wird. Freilich, ein Nationalist war dieser Renaissance-Humanist nicht, wohl aber ein Gegner der fortwährenden internen Bruderkriege, die nur ein nuovo principe beenden könne.

Glücklich die Zeit, die keine Helden nötig hat! Aber wer sich heute über Machiavellis politische Analyse moralisch erhaben dünkt, sollte sich bewusst bleiben, welche Kämpfe, welches Leid und welche Opfer hinter uns liegen – und welche scheußlichen Rückschläge noch in allerjüngster Zeit –, bis hierzulande ein vivere politico e libero, ein politisches und freies Leben, möglich wurde, in dem man in moralischer Absicht über Gemeinwohl und Gerechtigkeit ernstlich reden und ohne Gewalt streiten kann, auch über die Macht. Als ob dieses recht junge Glück, bei uns keine hundert Jahre alt, auf ewig garantiert wäre!

Über solche Perspektiven lässt sich übrigens trefflich nachdenken, wenn man auf Machiavellis Landgut in Sant’Andrea sein Arbeitszimmer besucht und danach in die Gaststätte gegenüber tritt. Sie schenken dort einen besonders guten Chianti aus Machiavellis Weinbergen ein. Auf dem Etikett steht: Il Principe.