500 Jahre "Der Fürst"Die Mechanik der Macht

Viel verteufelt und oft missverstanden: Vor 500 Jahren schrieb der Florentiner Niccolò Machiavelli sein Buch vom Fürsten. Es wurde zu einem der wichtigsten politischen Bücher der Geschichte. von 

Politische Beamte leben heutzutage längst nicht mehr so gefährlich. Im schlimmsten Fall werden sie in den einstweiligen Ruhestand versetzt und bekommen eine Pension, die ihre vormaligen Bezüge erreichen kann. Gut, der Schreibtisch ist weg – sicherlich eine narzisstische Kränkung. Aber niemandem geht es heute so schlecht wie damals Niccolò Machiavelli.

Im Herbst des Jahres 1512 hatten die Medici in Florenz wieder die Macht ergriffen, von der sie 18 Jahre zuvor verdrängt worden waren. Die republikanische Regierung, der Machiavelli 14 Jahre lang als Spitzenbeamter gedient hatte, musste weichen. Nicht nur, dass der 43-Jährige Knall auf Fall vor die Tür gesetzt wurde; er musste zudem eine Bürgschaft über 1.000 Fiorini, also etwa dreieinhalb Kilo Gold von 24 Karat, zur Sicherstellung seines künftigen Wohlverhaltens beibringen. Außerdem wurde er unter dem Verdacht, an einer Verschwörung beteiligt gewesen zu sein, verhaftet und mehrmals gefoltert, an Händen und Knien rücklings aufgehängt, bis die Schmerzen nicht mehr zu ertragen waren – nichts gestanden, nichts nachzuweisen. Kurz darauf kam er im Zuge einer Amnestie frei, wurde aber zusammen mit seiner Frau und den sechs Kindern auf sein vergleichsweise bescheidenes Landgut in Sant’Andrea in Percussina verbannt, ungefähr zwölf Kilometer entfernt auf den Hügeln südlich der Stadt. Dass er von dort bei guter Sicht die Kuppel des Florentiner Doms und den Turm des Palazzo Vecchio erkennen konnte, seines früheren Dienstsitzes, muss ihn besonders geschmerzt haben.

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Doch kaum eine Kränkung dürfte in der politischen Geschichte fruchtbarer geworden sein als die Kaltstellung, die Niccolò Machiavelli widerfuhr. Er stürzte sich wie zur Betäubung, aber auch zur Vorbereitung eines politischen Comebacks, aus dem allerdings nie etwas Rechtes werden sollte, in literarische Arbeit, schrieb Traktate, historische Abrisse, satirische Komödien, Gedichte... Den Anfang machte er vor genau 500 Jahren mit der Abhandlung über den Fürsten: Il principe. Im Original ist der italienische Text freilich mit dem lateinischen Titel De principatibus überschrieben: Von den Herrschaftsformen.

Der vergleichsweise schmale Traktat, noch 1513 im Wesentlichen niedergeschrieben, hatte es derart in sich, dass er nach dem Erscheinen des ersten Druckes 1532 – da war Machiavelli bereits fünf Jahre tot – alsbald beides begründete: sowohl die Fama wie die Infamie seines Autors. Wie rasend schnell sich Machiavellis vorwiegend böses Image über die Welt verbreitete, sieht man auch daran, dass der englische Dramatiker Christopher Marlowe bereits 1589 seinem Drama Der Jude von Malta einen Prolog voranstellte, der von einer teuflisch-verschlagenen Figur namens Machiavell vorgetragen wird. Ob nun aus calvinistischer, also reformatorischer, oder aber aus gegenreformatorischer Sicht, jedenfalls setzte sehr schnell eine breite Polemik gegen den Principe und seinen Autor ein – wobei die Schärfe der Ablehnung keineswegs immer in einer direkten Proportionalität zu Text und Thesen stand.

Die wohl prominenteste Gegenschrift, der Anti-Machiavell des jungen Friedrich II. von Preußen (»Machiavelli verdarb die Staatskunst und unternahm es, die Lehren der gesunden Moral zu vernichten«), zeichnet sich durch ein geradezu phänomenales Unverständnis für die Sache aus – welches nur davon überboten wird, dass Friedrich als gerade inthronisierter König 1740 ungesäumt in einen Angriffskrieg stürmte, um Habsburg Schlesien zu rauben. Kriege dieser Art hatte er just im einige Wochen zuvor veröffentlichten Anti-Machiavell vehement verurteilt. Freilich, am Ende seines Lebens sollte Friedrich einräumen: »Es tut mir leid, aber ich bin gezwungen, zu gestehen, dass Machiavelli recht hat.«

Über kaum einen politischen Denker der Neuzeit dürfte ähnlich viel publiziert worden sein. Bis zum heutigen Tag arbeiten sich alle Autoren, die an politischer Theorie und Praxis interessiert sind, irgendwann am Fürsten ab, zuletzt der Fribourger Historiker Volker Reinhardt in seiner 2012 erschienenen Machiavelli-Biografie. Wenn dieser Traktat bloß einen Abgrund an Verruchtheit eröffnet hätte, dann ließe sich diese intensive Auseinandersetzung über die Jahrhunderte hinweg nicht erklären.

Tatsächlich kann man Machiavelli auch mit seinem Zeitgenossen Martin Luther in einer Zusammenschau sehen: So wie Luther 1517 mit seinen 95 Thesen das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen revolutionierte, hatte Machiavelli vier Jahre zuvor die Betrachtung von Mensch und Macht revolutionär verändert. Hinter beide Paradigmenbrüche kommt man seither nicht mehr zurück. Spätestens seit Machiavelli wird über Politik rücksichtslos räsoniert – und zwar so, wie sie unter den jeweils gegebenen Umständen wirklich ist, nicht, wie sie aus ewiger moralischer Sicht sein sollte. Machiavellis Erkenntnisinteresse galt, wie er es selber sagte, der »verità effettuale della cosa«, also der tatsächlichen Wahrheit der Sache: Empirie statt Moral, Fakten statt Fiktionen.

Leserkommentare
    • mcfly71
    • 21. Januar 2013 15:36 Uhr

    Machiavelli ist ein Moralist erster Güte. Denn um die Moral auf den Kopf zu stellen, muss man erstmal selbst die Idee der Moral in sich tragen. Dass Machiavellis Traktate genau nur das sind, während er sie niemals in die Wirklichkeit umgesetzt, beweist meine These. Seine Standfestigkeit inmitten von Folter und Daumenschrauben zeigen einen zuhoechst prinzipientreuen Menschen. Es ist die Enttäuschung über eine amoralische Welt, die ihn zur moralischen Wende und "Bekehrung" zwingen.
    Viel amoralischer ist dagegen jene puritanische, man könnte auch sagen, pharisaeische Moralität, die sich auf Gott beruft und damit das Gewissen beruhigt, weil angeblich im Sinne Gottes handelnd, während man bloss die eigenen weltlichen Interessen verfolgt. Hier ist Moralität ebenfalls auf den Kopf gestellt. Doch anders als bei Machiavelli ist der Handelnde mit sich im Reinen, gar ueberzeugt moralisch einwandfrei zu sein, unterdessen er die Moral sich zu seinem Vorteil zurechtgebogen...

    4 Leserempfehlungen
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    • Glik
    • 21. Januar 2013 15:43 Uhr

    ... hat das auch schön ausgedrückt:

    "die Menschheit hat zwei Arten von Moral: eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt."

    • Glik
    • 21. Januar 2013 15:43 Uhr

    ... hat das auch schön ausgedrückt:

    "die Menschheit hat zwei Arten von Moral: eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt."

    Eine Leserempfehlung
  1. Das liegt aber nicht an Machiavelli. Das liegt daran, dass Wulff, Guttenberg etc. und offenbar auch Sie, Machiavelli nicht richtig verstanden haben. Machiavelli singt nicht der Skrupellosigkeit das hohe Lied. Das ist eine jahrhundertealte Falschinterpretation, wie ich im letzten Jahr erst in meiner Bachelorarbeit (Note: 1,3) dargelegt habe.
    Was Machiavelli sagt, ist lediglich, dass es Situationen gibt, in denen skrupelloses Handeln notwendig ist, in denen es keinen anderen Ausweg gibt. So lässt sich die Bombardierung deutscher Städte im zweiten Weltkrieg erklären, aber sicherlich nicht Wulffs oder Guttenbergs Verhalten.
    Grundsätzlich ist es auch nach Machiavelli besser, immer moralisch zu handeln. Das Problem ist lediglich - und das hat er erkannt - dass dieses Verhalten nicht immer erfolgversprechend ist. Gerade das muss Peer Steinbrück gerade erleben. In seinem Falle wäre es sicher erfolgversprechender gewesen, sich zu verstellen, zu lügen und zu heucheln. Er muss sich gerade in die lange Reihe derer einordnen, die am Ende doch einsehen mussten, dass Machiavelli recht gehabt hat - und es immer noch hat. Machiavelli richtig interpretiert, wird solange nicht auf dem Abstellgleis eintreffen, wie Menschen auf dieser Erde wandeln. Glauben Sie mir, Ihre Aussage ist so alt wie Machiavelli selbst. Und doch wurde sie immer widerlegt.

    Antwort auf "abstellgleich"
  2. Danke! Konnte jedes Wort geniessen.

  3. "aber siehe wulff, guttenberg etc. die sind alle auf dem abstellgleis gelandet."

    Naja, ich behaupte mal, das sowohl Guttenberg und Wulff noch im Amt waeren (oder sich mit weniger Schaden vorerst zurueck haetten ziehen koennen) wenn sie sich an Machiavellis Rat gehalten haetten und bei veraenderten Bedingungen auch ihre Strategie geaendert haetten. Stattdessen fuhren beide bis zum Ende auf der "Nichts-zugeben-was-nicht-bereits-bekannt-ist"-Schiene gegen die Wand.
    Gut das beide Machiavelli nicht gelesen oder verstanden haben ;) Machiavelli schreibt soweit ich mich erinnere ja auch selber, dass es nur wenige gibt die es verstehen die Strategie im richtigen Moment zu wechseln, da die Menschen dazu neigen an einer einmal erfolgreichen Strategie kleben zu bleiben, auch wenn die Umstaende ein anderes Vorgehen verlangen.

    Antwort auf "abstellgleich"

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