MartensteinÜber die Suche nach Sündenböcken

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Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Der Politiker Wolfgang Thierse, SPD, hat kürzlich die in Berlin lebenden Schwaben zur Ordnung gerufen und ihnen mangelnden Integrationswillen vorgeworfen. Zitat: »Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, wollen sie es wieder so haben wie zu Hause.« Brötchen, sagt Thierse, heißen Schrippen, nicht Wecken. »Daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen.«

Daraufhin hat der baden-württembergische FDP-Politiker Niebel seinen Kollegen Thierse einen »pietistischen Zickenbart« genannt. Endlich kommt mal eine politisch vernünftige Wortmeldung aus der FDP. Wolfgang Thierse hat 2004 schon mal von sich reden gemacht, als er ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst forderte. Meine Oma hat ihr Leben lang gerne Kopftuch getragen – und SPD gewählt! Wenn sie das gewusst hätte, wäre sie sofort zur FDP gegangen. Damals bekam Thierse Streit mit dem Bundespräsidenten Rau. Jetzt bekommt er Streit mit mir.

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Ich bin Rheinhesse. Wenn sie heute die Schwaben fertigmachen, kommen morgen garantiert die Rheinhessen an die Reihe. Auch ich bin nach Berlin gezogen, weil alles so bunt ist. Aber ich sage »Samstag«, nicht »Sonnabend«, offiziell heißt es in Berlin »Sonnabend«. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug »Samstag« sagen. Und wenn Wolfgang Thierse sich dadurch gestört fühlt, wissen Sie, was ich dann tue? Dann sage ich, von diesem Moment an, zu jedem einzelnen Tag der Woche Samstag. Daran könnte sich selbst Wolfgang Thierse gewöhnen, dass die Leute in Deutschland unterschiedlich reden. Berlin ist bunt, es gehört doch nicht Wolfgang Thierse. Was kommt als Nächstes? Müssen alle Berliner Bart tragen, nur weil Thierse das tut? Thierse stammt aus der DDR, er wollte den Westen haben, weil alles so schön bunt ist. Jetzt lebt er eine gewisse Zeit im Westen und will es wieder so haben wie in der DDR, die Westler sollen um Mitternacht wieder zurückfahren in den Westen.

Wo ist denn überhaupt dieser Thierse aufgewachsen? Wo kommt er her? Aus Eisfeld, Thüringen! 5400 Einwohner! Abitur in Hildburghausen, auch so eine Weltstadt. Und jetzt lässt dieses Landei den Urberliner raushängen. Ein Eisfelder, der behauptet, Stuttgart sei eine Kleinstadt, dem ist der Verstand in den Bart gerutscht, und da hängt er jetzt wie ein Stück Eigelb.

Ich liebe alle Völker – alle außer gewissen Eisfeldern. Ich bin auch ein Freund des schwäbischen Volkes. Mehr noch, ich kann sogar den Dialekt ein bisschen nachmachen. Als in Berlin das Thema »Schwabenfeindlichkeit« zum ersten Mal hochkochte, bin ich für ein Video-Blog in Kreuzberg auf die Straße gegangen und habe typische Kreuzberger auf Schwäbisch angesprochen: »I ben grad herzoga. Saget Se mol, hen Sie ebbes gega mi? Senn Sie au oiner von dene versoichte Schwobahasser?« Die normale Reaktion eines typischen Kreuzbergers lautete: »Noi, überhaupt net. I ben von Reitlinga.«

In Berlin verändert sich zurzeit vieles, ein Sündenbock wird gebraucht. Und der Schwabe ist ein politisch korrekter Sündenbock. Beim Schwabenhass ist noch Luft nach oben. Wenn man den Türken, den Juden, den Ausländern et cetera die Schuld gibt daran, dass die Welt sich dreht und die Dinge sich verändern, kriegt man ja sofort jede Menge Ärger. Wenn einer sagt, man geht gefälligst am Sonntag in die Kirche, nicht freitags oder samstags, kapiert jeder sofort, was Sache ist.

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Leserkommentare
    • Kometa
    • 10. Januar 2013 10:37 Uhr

    Die Pointe des Textes ist schwach, ja: si is schwoach: "Wenn einer sagt, man geht gefälligst am Sonntag in die Kirche, nicht freitags oder samstags, kapiert jeder sofort, was Sache ist."
    Ginge es nicht irgendso mit etwas mehr Samstag und etwas Weltraumgedöns? So, mit Respekt: Selbst dem Herrgott sei Kehrwoach, si beginnet am Sabbat. Beim Dämmerle.

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    also isch hunn in rhoihesse noch nie aaner getroff, dä wo "Samstag" saache dud.

    ein zweisprachiger wiesbadener

    • Marzus
    • 10. Januar 2013 14:06 Uhr

    Martenstein - wie immer unübertroffen.

    Im übrigen frage ich mich, welchem "Schwaben" Herr Thierse aufegesessen ist, wenn er "Pflaumendatschi" zur Argumentation heranzieht. Der Datschi kommt aus Bayern und "Pflaumen" heissen "Zwetschgen". Ein Schwabe bestellt also allenfalls Zwetschgenkuchen....

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    ich habe (als Badener) zehn Jahre in Berlin gewohnt und keine drei Leute getroffen, die den Unterschied zwischen Badenern und Schwaben kannten. 80 Prozent kann nicht einmal Bayern und BW unterscheiden. Berliner sind halt ein bisschen wie Amerikaner: Sie halten sich für den Nabel der Welt und sind am Rest denkbar uninteressiert.

    Insofern ist Thierses Gepöbel auch nicht wirklich ein Angriff auf die Schwaben, eher ein Ausdruck diffuser Überfremdungsangst, wie er bei älteren Menschen nun einmal vorkommt.

    Nur zum Verständnis: eine Zwetschge ist keine Pflaume! Z. sind an den Enden spitz, P. sind rund. Z. wachsen südlich des Thüringer Waldes, P nördlich davon. Zum Backen eignen sich Z. besser: sie sind nicht so wässrig und süßer.
    Vermutlich gibt's in Berlin nur Pflaumendatschi, aber welcher "Schwabe" würde die essen wollen!

  1. Kein Berliner hasst Schwaben weil sie Schwaben sind, sondern weil sie das Leben, in einigen Teilen der Stadt zum Nachteil verändert haben. Sie wurden am Anfang überhaupt nicht gehasst-das haben sie sich, Stück für Stück, hart erarbeitet. Deswegen passt der Vergleich zu Türken, Arabern etc. überhaupt nicht! Kein Club wurde wegen eines Juden geschlossen. Es wurden nicht zehntausende Alteingessene verdrängt weil Araber die Mieten in die Höhe getrieben haben. Kein Türke hat mir mit der Polizei gedroht weil ich um 21 Uhr in Prenzlauer Berg beim Späti mit Kumpels saß. Die Sündenbock/ Fremdenfeindlichkeitsthese ist m.E. völlig daneben!Ich kenne viele aus meinen Bekanntenkreis die wegziehen mussten, denken Sie, das die einen Sündenbock brauchen? Die haben jetzt ganz andere Probleme.
    Mich nervt der Schwabenhass auch, aber das die Schwaben jetzt die neuen, armen Unschuldslämmer sind, sorry da geh ich nicht mit.Sie hauen in die selbe Kerbe wie die selbsternannten Gutmenschen die sie sonst, zu Recht, anklagen.
    Gruß

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  2. werden Konflikte noch Sonntags auf dem Sportplatz gelöst.

    http://www.zeit.de/online...

  3. Sonnabend ist ein schönes Wort. Schöner noch als Feierabend. Sonnabend, der Bruder des Sonntags, klingt gemütlich, friedlich, klingt nach Freiheit, unbegrenzt Zeit haben, Unternehmungslust, Nächte durchmachen, sich auf's Ausschlafen freuen, ...
    Wie nüchtern kalt klingt dagegen "Samstag". Nur das Sams fällt einem da als Nettes ein, sonst nichts Besonderes. Halt nur ein weiterer Tag.
    Bei allem Verständnis dafür, dass man sich von Herrn Thierse absetzen möchte: Vielleicht kann sich auch ein Rheinhesse in Berlin mit dem Berlin-typischen Sonnabend anfreunden. Fände ich schön.

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    • jo_h
    • 10. Januar 2013 19:01 Uhr

    der das Thema mal unideologisiert betrachtet und mit klarem Kopf das Wesentliche beschreibt.

    Danke, Martenstein!

    PS: http://www.zeit.de/gesell...

    Eine Leserempfehlung
  4. 7. [...]

    Doppelpost. Danke, die Redaktion/mo.

  5. ich habe (als Badener) zehn Jahre in Berlin gewohnt und keine drei Leute getroffen, die den Unterschied zwischen Badenern und Schwaben kannten. 80 Prozent kann nicht einmal Bayern und BW unterscheiden. Berliner sind halt ein bisschen wie Amerikaner: Sie halten sich für den Nabel der Welt und sind am Rest denkbar uninteressiert.

    Insofern ist Thierses Gepöbel auch nicht wirklich ein Angriff auf die Schwaben, eher ein Ausdruck diffuser Überfremdungsangst, wie er bei älteren Menschen nun einmal vorkommt.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Pflaumendatschi"
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    Danke für Ihr Verständnis. Wir Berliner in Ost und West waren halt zu lange eingeschlossen.
    Die Weltoffenheit von Badenern, Schwaben oder Bayern müssen wir noch lernen.

    Was halten Sie denn von einem Experiment? Ich ziehe mit , sagen wir mal 100 anderen Berlinern, nach Baden. In ihre Nachbarschaft am Besten. Jeder von uns hat einen Hund den wir auf der Strasse sein Geschäft machen lassen (wie es ja angeblich hier normal ist) Desweiteren eröffnen wir mehrere Spätkäufe und einen Technoclub. Dann möchte ich mal sehen wie es mit Ihrer Überfremdungsangst ,bzw. der Ihrer Nachbarn, steht.
    P.S. Kein Berliner hält sich für den Nabel der Welt!

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Wolfgang Thierse | FDP | SPD | Abitur | Bundespräsident | DDR
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