Journalismus : Ausgedruckt

Guter Journalismus überlebt, wenn die guten Journalisten erfinderisch werden. Das Fazit einer Weltreise.

Als wir in Hamburg ins Flugzeug stiegen, um nach der Zukunft des Journalismus zu suchen, starb in Deutschland eine Zeitung. Die Financial Times Deutschland (FTD) ging pleite und verschwand vom Markt. Fünf Wochen später halten wir am Flughafen London-Heathrow das Mutterblatt der FTD in der Hand: die britische Financial Times , gegründet in London, erstmals erschienen im Jahr 1888. Die deutsche Ausgabe hat gerade mal zwölf Jahre überlebt, die englische gibt es immer noch zu kaufen. Am Kiosk – und im Internet.

2012 gelang der Financial Times etwas, was bis dahin keine Zeitung geschafft hatte: Sie verkaufte zum ersten Mal mehr digitale als gedruckte Ausgaben. Rund 300.000 ihrer Leser griffen zur gedruckten Zeitung, 312.000 lasen die Financial Times lieber auf ihrem Smartphone, auf dem iPad oder einem ähnlichen Computer. Es scheint, als habe die britische Zeitung den Sprung in die digitale Welt geschafft. Weil sie kluge, auf die Leser zugeschnittene Anzeigen schaltet und deshalb viele Werbekunden hat. Und weil sie früher als die meisten anderen Zeitungen Journalisten angestellt hat, die wissen, wie man Leser gewinnt, die lieber digital lesen als auf Papier. Journalisten, die mit Computern aufgewachsen und im Internet zu Hause sind.

In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige solcher Journalisten. Einer von ihnen ist Bernhard Riedmann. Er sitzt in seinem Büro im Hamburger Spiegel-Gebäude, achter Stock, Glasfront, Blick auf die Deichtorhallen, und sagt: »Vielleicht ist es mit dem Journalismus wie ganz früher mit dem Kinofilm: Er muss laufen lernen.«

Riedmann ist Multimedia-Redakteur beim Spiegel. Der Spiegel ist das größte Nachrichtenmagazin Deutschlands, doch auch die größte Auflage sinkt, mal schnell, mal langsam, aber unaufhaltsam. Riedmann ist einer von denen, die dafür sorgen sollen, dass der Spiegel auch dann noch weiterlebt, wenn die Druckmaschinen eines Tages abgeschaltet würden. Seine Aufgabe ist es, ein digitales Magazin zu machen. Wenn man so will, ist Riedmann Experte für zukunftstauglichen Qualitätsjournalismus.

Er ist 29 Jahre alt, ein Mann mit Sechstagebart, österreichischem Singsang und nettem Lächeln. Er hat Schlagzeug studiert und als Fotoreporter in Wien gearbeitet. Er filmt, fotografiert, schreibt. Vor zwei Jahren holte ihn der Spiegel nach Hamburg. Riedmann kam in die neu gegründete Multimedia-Redaktion, ein Team aus Schreibern, Fotografen, Filmemachern und Grafikern – vereint, um ein neues Medium zu bespielen: das iPad und andere Tablets. Viele Magazine und Zeitungen haben mittlerweile Tablet-Ausgaben, aber die meisten sind nur ein Abklatsch der Printversion, ein statisches Nebeneinander von Text und Bild. Riedmann will mehr. »Einfach nur ein Filmchen abzuspielen reicht nicht«, sagt er. Bilder und Filme dürften kein Beiwerk sein, das man dem Text anheftet. Man müsse das neue Medium ernst nehmen – und ausschöpfen.

Also füllen er und seine Kollegen das digitale Heft mit Inhalten, die ein gedrucktes Magazin nie transportieren könnte: mit animierten Grafiken über die Finanzkrise, mit Multimedia-Reportagen zu den US-Wahlen, mit Originaltönen und Geräuschen, mit Fotos und Filmen.

Riedmann nennt seine Arbeit »Forschen«, die Geschichten »Experimente«. Mit dem Zeigefinger wischt er über das iPad, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt. Er öffnet eine Multimedia-Reportage, die er in Peking recherchiert hat. Kreativer, als der Staat erlaubt heißt sie und handelt von Chinesen, die der Internetzensur trotzen und mitten in Peking ein chinesisches Silicon Valley gründeten. Schauplatz ist ein Internetcafé. Von hier aus bewegt sich der Leser durch die Geschichte. Mit ein paar Fingerbewegungen kann er sich im Café umgucken, die Gäste an den Tischen antippen und ihnen Fragen stellen – und zwar die Fragen, die ihn am meisten interessieren. Riedmanns Reportage erinnert an ein Computerspiel. »Ich will den Leser ins Geschehen schmeißen. Er soll entscheiden können, wie er die Geschichte erzählt bekommt.«

Riedmanns Erzählansatz wird auch »nonlineares Storytelling« genannt. Der Leser bestimmt das Erzähltempo selbst. Anders als bei einem Fernsehbeitrag oder einer gedruckten Reportage, bei denen er einem fest vorgegebenen Erzählstrang folgen muss. Riedmann hat wenige Vorbilder in seiner Branche, er lässt sich inspirieren von Musikvideos, Dokumentarfilmen und Computerspielen. Er klickt sich durch Berge animierter Daten, wühlt sich durchs Netz, sucht nach digitalen Schnipseln, die ihn auf neue Ideen bringen. »Und bei der Suche frage ich mich immer: Wie könnte das meiner journalistischen Arbeit dienen?«

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Multimedia ist nicht das nächste neue große Ding

Die multimediale Aufbereitung von Artikeln für die neuen Formate, vor allem für's iPad und für Smartphones, wird in dem Artikel als next big thing, der den Journalismus retten wird, dargestellt, wozu aber nur digital natives unter 30 in der Lage seien. Das zeugt von geringem digitalen Geschichtsbewusstsein. Multimedia war schon 1995 das Wort des Jahres. Es war das ganz große Ding der 90er. Damals gab es genau die gleiche Debatte: werden Print-Zeitungen nun sterben und wird der Journalismus nun ins Internet wandern? die Print-Zeitung ist einstweilen nicht gestorben. Die großen Online-Portale sind - wer wollte das bestreiten: multimedial - aufgemacht worden. Jetzt zieht der Journalismus parallel noch weiter auf neue Formate, das ist erstmal alles.

Kann sein, dass Fehler gemacht worden sind, als die großen Zeitungen ins Netz gingen. Kann sein, dass man bei der neuen Konversion diese Fehler besser nicht wiederholen sollte. Aber was sind die Fehler? der kostenlose Inhalt? den wiederholen die Verlage mit ihren digitalen Apps derzeit nicht. So weit so gut. Offene Fragen sind aber: Was ist mit der interaktiven Kommunikation mit den Lesern? wird die weiter auf den Online-Portalen stattfinden, und die User der Apps schreiben - meinetwegen digitale - Leserbriefe wie dies bis heute die Print-Abonnenten tun? ist das zukunftsfähig, reicht kommunikativ einseitiges Multimedia aus, um den Journalismus digital zu retten, falls überhaupt notwendig?

Überschrift ergibt keinen Sinn

Guter Journalismus überlebt, wenn die guten Journalisten erfinderisch werden? Gute Journalisten sind nur dann gut, wenn sie erfinderisch sind - wären die guten Journalisten nicht erfinderisch, dann wären sie nicht gut. Wie viele gute Journalisten gibt es denn, die einfallslos sind? Guter Fußball überlebt, wenn die guten Fußballer das Tor treffen? Ja, wir haben sicherlich alle die Nase voll von den Fußballprofis, die andauernd auf den Schiri schießen statt das Tor zu treffen.

Apple-Werbung #1003

"Smartphone, auf dem iPad oder einem ähnlichen Computer"

Verstehe ich nicht. Sind das die drei Geräte-Klassen? Smartphones, iPads und Computer? Oder wird hier in bester ZEIT-Manier das Tablet zum iPad wo anderswo das Taschentuch zum Tempo wird?

Die für Smartphones UND Tablets optimierte FTD-App wurde jedenfalls 100.000 - 500.000 Mal auf Google Play heruntergeladen, sollten genug Downloads sein, um generell von "Tablets" statt nur vom "iPad" sprechen zu können.