Da sitzt sie, eine Strähne hinter das linke Ohr geklemmt, und lacht. Wenn Marie-Luise Dreyer, genannt Malu, lacht, tut sie das mit dem ganzen Gesicht – die Mundwinkel schnellen nach oben, die Nase kräuselt sich, die Augen blitzen. So wie jetzt. Als sie sich langsam aus dem Stuhl in ihrem Ministerinnenbüro erhebt, zittern ihre Beine. So mühelos Malu Dreyer lachen kann, so mühevoll ist ihr Gang. Malu Dreyer hat multiple Sklerose.

Die »Gute-Laune-Ministerin« nennt man sie in Rheinland-Pfalz, sie sei »so beliebt wie Hitzefrei und Freibier«, heißt es in der SPD. Die 51-Jährige wird Kurt Beck an der Regierungsspitze ablösen. Für die Sozialdemokraten ist sie die Hoffnung auf Neuanfang und Kontinuität zugleich. Neuanfang, weil sie unbelastet ist von der Affäre um die Freizeitanlage auf dem Nürburgring, die Beck am Ende das Regieren unmöglich gemacht hat. Kontinuität, weil sie wie er der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet ist, bodenständig und nah »bei de Leut«. Eine Bilderbuch-Genossin.

Malu Dreyer hat ihre Krankheit vor sieben Jahren bekannt gemacht, da war sie Landesministerin für Arbeit, Familie, Soziales und Gesundheit. Sie kann ohne Hilfe nicht gehen und braucht eine Begleitung, auf deren Arm sie sich stützen kann. Für lange Strecken nimmt sie einen Rollstuhl. Deutschlands tapferste Politikerin, hat die Bild-Zeitung getitelt. Malu Dreyer verdreht die Augen: »Die multiple Sklerose gehört zu meinem Leben, aber sie hat nichts mit meiner politischen Arbeit zu tun.«

Der Satz ist richtig und falsch zugleich. Malu Dreyer definiert sich nicht über ihre Krankheit und will sich darüber auch nicht definieren lassen. Wenn sie über die multiple Sklerose spricht, sind ihre Worte niemals gefühlig, sondern klar und präzise, sodass dem Thema das Gewichtige genommen wird. Sie will zu verstehen geben, dass sie Politikerin und keine Patientin ist. Sie will an ihrer Leistung gemessen werden.

Elf Jahre hat sie das Ministerium für Arbeit, Familie, Soziales und Gesundheit geleitet, Themen aus dem Herzen der Sozialdemokratie. Ihre Anliegen vertritt sie mit Konsequenz, aber ohne das Schrille einer Andrea Nahles oder das Nörgelige einer Manuela Schwesig. Im Bund hat sie die Gesundheitsreform der Großen Koalition mitverhandelt. Sie beherrscht das Fachliche und Handwerkliche so gut, dass selbst in der Opposition nur Positives über sie zu hören ist.

Trotzdem ist die Krankheit nicht nur ein Teil von Malu Dreyers privatem Leben, sondern auch von ihrem öffentlichen. Sie wird nicht nur die Ministerpräsidentin sein, sondern die Ministerpräsidentin mit der multiplen Sklerose. Alle Termine, die sie absolviert, alle Reden, die sie hält, werden in der Öffentlichkeit von einem gedachten »obwohl« begleitet: Sie schafft das, obwohl sie multiple Sklerose hat.

Malu Dreyer ist ein Vorbild. Nicht ihre Krankheit macht sie dazu, sondern ihr Umgang damit. Wie sie Tag für Tag dieses »obwohl« lebt und mit ihrer Arbeit zeigt, was möglich ist. Sie geht den Menschen nah. Und die Menschen kommen ihr nah.

In einem großen Altenheim in Mainz, wo es nach Desinfektionsmittel und Abendessen riecht, trifft sich Malu Dreyers Pflegestammtisch. Pflegepersonal und Pflegebedürftige können hier mit der Ministerin über Probleme und neue Betreuungsprojekte sprechen. Sie hat diese Initiative vor einigen Jahren für Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen, weil Pflege für sie eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Diesmal ist auch eine 87-jährige Dame aus Alsheim dabei, sie hat sich die 30 Kilometer hierher von ihrer Tochter fahren lassen.

Die alte Frau zieht zwei Fotos aus ihrer Handtasche: Das eine zeigt ein dreirädriges, weinrotes Elektrofahrzeug für Gehbehinderte, auf dem anderen sieht man sie darauf sitzen. »Schauen Sie mal, mit Einkaufskorb hinten, und die Windschutzscheibe hat es umsonst obendrauf gegeben, weil ich in bar gezahlt habe.« Die Fotos hat sie für die Ministerin mitgebracht. »Letztens im Fernsehen ist ein Bericht über die Frau Dreyer gelaufen, da hat sie sich mit so einem ollen Gehwagen über einen holprigen Weg gemüht. Das muss doch nicht sein!« Als Malu Dreyer, gestützt auf den Arm einer Mitarbeiterin, an den Tisch geführt wird, steht die alte Dame auf, die Fotos in der rechten Hand. »So eins hab ich schon, nur ein bisschen kleiner«, sagt Dreyer. »Die Dinger sind toll.«