Die NS-Diktatur, die in diesem Januar vor 80 Jahren begann, dauerte zwölf Jahre. Eine historisch betrachtet lächerlich kurze Zeit. Und doch waren es – in der Diktion jener Jahre – die längsten 147 Monate* aller Zeiten. Der Frage, wie so viel Wahnsinn und Schrecken geschehen konnten, beschäftigt bis heute. Gerade erst meldeten die Gedenkstätte Auschwitz und das Museum Anne-Frank-Haus für 2012 neue Rekordzahlen: 1,4 Millionen Besucher in Auschwitz und 1,15 Millionen in Amsterdam.

In regelrechten »Wellen« hat man sich in der Bundesrepublik der NS-Zeit gestellt, von der frühen Erschütterung durch Eugen Kogons Analyse des SS-Staats 1946 bis zur Hamburger Wehrmachtsausstellung 1995 ff. Und immer noch erscheinen Bücher, die für Aufsehen sorgen, wie 2010 die regierungsamtliche Studie über die NS-Verbrechen deutscher Diplomaten oder 2011 die Kellner-Tagebücher, die belegen, was auch diejenigen, die »nichts wussten«, wissen konnten über Diktatur, Krieg und Holocaust.

Doch neben diesen großen und kleinen öffentlichen Debatten gab es, wie die Geschichte Sigmar Gabriels zeigt, über all die Jahre die Konflikte in den Familien, gab es eisernes Schweigen, bitteren Streit und viele Tragödien, die sich um das »Dritte Reich« drehten. Von Zeit zu Zeit wurden diese familiären Konflikte nach außen hin sichtbar, wurden sie sogar offen politisch – so, als im März 1997 der Deutsche Bundestag über die Wehrmachtsausstellung diskutierte. Die Aktuelle Stunde geriet zu einer Sternstunde des Parlaments, in der etliche Abgeordnete – wie Otto Schily oder Christa Nickels – dem Argument ihre eigene Geschichte beifügten und von ihren Müttern und Vätern im »Dritten Reich« erzählten.

Auch jene subtilen Porträtgemälde gehören dazu, in denen sich Deutschlands berühmtester zeitgenössischer Maler Gerhard Richter mit einem Euthanasiemord und einem Euthanasiemörder im eigenen Familienkreis auseinandersetzt. Und natürlich ungezählte Erinnerungsbücher, man nehme nur jüngere Werke wie Thomas Harlans versöhnungssüchtige Abrechnung mit seinem Vater, dem Jud Süß- Regisseur Veit Harlan, von 2011 oder Wibke Bruhns’ 2004 erschienenes bewegendes Porträt ihrer Familie, Meines Vaters Land, das wochenlang auf den Bestsellerlisten stand.

Beispielhaft für dieses Genre bleibt Bernward Vespers Romanessay Die Reise, der 1977 herauskam, sechs Jahre nach dem Tod des Autors. Hier schildert der 1938 geborene Vesper seine Kriegs- und vor allem Nachkriegskindheit. Der Vater, der Dichter Will Vesper, gehörte wie sein Schriftstellerkollege Hanns Johst oder der Jurist Carl Schmitt zu jenen Nazi-Intellektuellen, die nach 1945 als zu »belastet« galten und in der Bundesrepublik mehr oder weniger außen vor bleiben mussten. Umso ungenierter verteidigte Will Vesper bis zu seinem Tod 1962 den »Führer« und engagierte sich für die Deutsche Reichspartei, eine NSDAP-Nachfolgeorganisation. Für sie spannte er sogar seinen Sohn ein, wie dieser halb im Tone zynischer (Selbst-)Verachtung, halb in heller Wut und Verzweiflung berichtet. Bis in seine Studententage hinein hielt Bernward Vesper dem übermächtigen Vater die Treue.

Hierin liegt auch die besondere Bedeutung dieses Buches. Denn es zeigt – an einem ähnlich monströsen Schicksal wie im Falle Gabriels –, auf welche Weise sich die NS-Zeit weiterfraß in die Nachkriegsjahre hinein. Wie sie das Klima und den Ton in den Familien, aber auch in den Schulen und in der Arbeitswelt prägte. Die Reise gehört zu jenen Zeugnissen, die belegen, welch höchst vitaler brauner Dreck sich unter dem Chrom der Wirtschaftswunderrepublik verbarg und hinter den Fassaden der heiligen Fünfziger- und Sechziger-Jahre-Familien. Und nicht nur hier: Auch im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden lag wohl in manchem Haushalt noch Mein Kampf, eingewickelt in das Neue Deutschland, oben auf dem Schrank – um eine familiäre Erinnerung der Thüringerin Katrin Göring-Eckardt zu zitieren.

Aus der heutigen Perspektive erkennt man deutlicher denn je, wie lang diese zwölf Jahre tatsächlich währten. Und dass Hitler ganz gewiss kein »österreichischer Zufall auf preußischem Boden« war, wie Gabriels Parteifreund Klaus von Dohnanyi einmal meinte. Die Nazijahre haben nicht nur eine lange Nach-, sondern auch eine lange Vorgeschichte. Wie der Kommunismus, so wurzelt der völkische Rassismus und Militarismus tief im 19. Jahrhundert; anders lassen sich weder die zerstörerische Wucht, der umfassende Zusammenbruch der Zivilisation nach 1933 verstehen noch das zähe Nachwirken antidemokratischer Ressentiments nach 1945. Es sind gerade die Jungen, die das zunehmend begreifen und versuchen, das »Dritte Reich« bis zu seinen Ursprüngen zurückzuverfolgen. So debattierten, um nur ein Beispiel zu nennen, 2009 die Studenten der Uni Greifswald leidenschaftlich über den Patron ihrer Hochschule, die seit der Nazizeit den Namen Ernst Moritz Arndts trägt – eines Schriftstellers und völkischen Hasspredigers aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eines Ahnherrn des Nationalsozialismus.