TransplantationsskandaleVertrauen ist gut

Nach dem Leipziger Skandal stellt sich die Frage, welche Kontrolle das Verfahren zur Organvergabe braucht. von 

Als die vier Prüfer am 10. Dezember 2012 anrücken, ist in der Universitätsklinik Leipzig die Verblüffung groß. Ohne Umschweife fordern die Experten gezielt die Dialyseprotokolle von Patienten mit Lebertransplantationen aus den vergangenen drei Jahren. Der Tipp ist von Eurotransplant gekommen, der Vermittlungszentrale für Organe im niederländischen Leiden. Dort war aufgefallen, dass erstaunlich vielen Leberkranken in Leipzig auch ein Nierenleiden bescheinigt wurde und sie damit auf der Dringlichkeitsliste höher rückten. Aber in der Uni-Klinik lassen sich von insgesamt 37 Leberempfängern die gesuchten Protokolle nicht finden. Offenbar haben die Patienten – anders als bei Eurotransplant vermerkt – keine Probleme mit ihren Nieren gehabt.

Damit ist, nach Göttingen, Regensburg und München, schon das vierte deutsche Transplantationszentrum in Verruf geraten. Jedes Mal hatten Ärzte ihre Patienten auf dem Papier kranker gemacht, als sie in Wirklichkeit waren, um die Chancen auf eine Spenderleber zu vergrößern.

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Die Universitätsklinik Leipzig reagierte sofort, suspendierte zwei Oberärzte sowie den verantwortlichen Chefarzt. Aber der Fall war einer zu viel. Der Ruf der Transplantationsmedizin ist vorerst ruiniert, auch wenn sich Ärzte, Funktionäre und Patientenbeauftragte nun mit Forderungen nach radikalen Maßnahmen überbieten: mehr staatliche Zugriffsrechte auf die Kliniken, härtere Strafen für Ärzte, die Schließung jedes zweiten Transplantationszentrums und die Abschaffung finanzieller Anreize. Viele dieser Vorschläge erscheinen plausibel – und doch bleibt die Frage, ob ihre Umsetzung wirklich etwas ändern kann.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Noch kurz bevor der neue Skandal ans Licht kam, waren viele Funktionäre davon überzeugt, dass nur einzelne Ärzte geschummelt hätten und die Sache erledigt sei. Hans Lilie, der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, sieht das auch nach dem Leipziger Fall noch so. »Ein systemisches Versagen wäre es gewesen, wenn so etwas in jedem Transplantationszentrum passiert wäre. Doch bis jetzt lassen sich die Personen, die getrickst haben, an einer Hand abzählen.«

Es gibt 47 Transplantationszentren in Deutschland, an denen etwa 700 Ärzte mit Entscheidungsbefugnissen arbeiten. Zehn Zentren wurden seit Beginn der Skandalserie von der Kommission »visitiert«. Wer auch immer etwas zu vertuschen hat, ist gewarnt und hätte sich längst reuig melden können. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass da noch viel kommt«, sagt Lilie. Gleichwohl rechnet der Jurist bei der »vollumfänglichen Prüfung« durch zwei pensionierte Ärzte, die in Leipzig in dieser Woche stattfindet, mit weiteren Ungereimtheiten.

Braucht Hans Lilie weitere Befugnisse oder staatliche Unterstützung, wie der Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery es gern fordert? »Bisher hat uns noch niemand die Einsicht in die Akten verwehrt«, sagt Lilie, »und es ist auch noch jeder Arzt zur Kommission gekommen, den wir dazu aufgefordert haben.« Lilie klingt grundsätzlich optimistisch – was auch damit zu tun hat, dass seine Kommission Teil der ärztlichen Selbstverwaltung ist, und die wird in diesen Tagen um jeden Preis verteidigt. Auch deshalb zählt Lilie gerne auf, was man alles getan habe: in nur wenigen Monaten habe man sich auf die neue Situation eingestellt, mit einer Verschärfung der Kontrollen, einer verbesserten Zusammenarbeit mit Eurotransplant und neuen Richtlinien für die Transplantationszentren. In Leipzig entscheiden inzwischen mehrere Mediziner gemeinsam, wer auf die Transplantationsliste kommt, und die Teilnehmer dieser interdisziplinären Teams müssen Eurotransplant in Leiden gemeldet werden.

Leserkommentare
  1. Der Situation kann nur durch ein geschärftes Bewusstsein in Bezug auf die grundlegenden Missstände im Land bzw. der Gesellschaft und den damit verbundenen Folgen begegnet werden.

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    ....aber WER schärft uns unser Bewusstsein? Sind wir nicht alle verwoben mit den "Grundlegenden Missständen"?
    Man kann Probleme nicht mit denselben Denkmustern und demselben Zeitgeist lösen, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben.

  2. ....aber WER schärft uns unser Bewusstsein? Sind wir nicht alle verwoben mit den "Grundlegenden Missständen"?
    Man kann Probleme nicht mit denselben Denkmustern und demselben Zeitgeist lösen, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben.

    2 Leserempfehlungen
  3. ... nach DER Nummer ist mein Organspenderausweis erst einmal in der Ablage "rund" gelandet. Möglicherweise etwas hysterisch, aber wann immer ich Nachrichten zu diesem Thema las, kroch es mir kälter den Rücken herunter.
    Bis auf weiteres: meine Organe bleiben, wo sie sind.

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    • FranL.
    • 17. Januar 2013 20:24 Uhr

    und niemand ist verpflichtet seine Organe zu spenden. Eine Widerspruchslösung wäre der falsche Weg, zumal in diesem Fall das Mißbrauchsrisiko größer wäre. Was, wenn der Ausweis mit dem Widerspruch schnell mal "übersehen" wird. Einen Ausweis mit Unterschrift zu fälschen ist schon aufwendiger.

    Angeblich beschränken sich die Skandale bisher nur auf der Empfängerseite, aber ist es denn unwahrscheinlich, daß es auch bei der Organentnahme bzw. der Diagnose Hirntod nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Vor fünfzehn Jahren hielt ich "Fleisch" und "Coma" für unterhaltsame Fiktion, jetzt nicht mehr.

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  4. Entweder kann man sich ein neues Organ in Deutschland einpflanzen lassen, wo offenbar vielfach geschummelt und betrogen, oder in Laendern wie Aegypten, wo auch schon mal serienweise germordet wird, um an die benoetigten Organe zu kommen.
    http://www.cnn.com/2011/11/03/world/meast/pleitgen-sinai-organ-smugglers...

    Das Ganze ist eine menschliche Tragoedie ohnesgleichen. Ich kann nur hoffen, das mittels Gentechnik und Stammzellforschung den Organhaendlern in aller Welt die Geschaeftsgrundlage entzogen wird.

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  5. ... versucht immer noch, dieses System zu retten und als prinzipiell funktionsfähig und bereinigt zu erklären, meiner Ansicht nach ist das unzutreffend.

    Es existieren zwei grundlegende Fehler im deutschen Transplantationswesen bzw. in der "Gesundheitsindustrie" überhaupt. Der erste ist der, dass in einem System, das Erträge erwirtschaften, hinreichende Zahlen liefern soll, und gleichzeitig das Wohl der Patienten sichern soll, ein permanenter Zielkonflikt besteht, der immer häufiger zu ungunsten der Patienten ausgeht, Stichwort unnötige Operationen.

    Der zweite Fehler im Bezug auf die Transplantationen ist der, dass mit der Abwicklung und Kontrolle dieser Vorgänge Menschen befasst sind, die selber Teil dieses Systems sind, evt. finanziell beteiligt, und damit befangen sind.

    Die Lösung kann meiner Ansicht nach nur sein, die Kontrolle und Abwicklung in Hände zu geben, die keinerlei Verbindungen und auch keine ökonomischen Interessen innerhalb dieses Systems haben. In staatliche Hände. Ich würde es für am besten halten, wenn der gesamte Krankenhausbereich verstaatlicht würde, zum Wohle der Patienten.

  6. Mal ganz ehrlich: Als potentielle Organspenderin bin ich (hoffentlich) hirntot und es ist mir und meinen Angehoerigen vermutlich ziemlich egal, ob meine Organe jetzt an Wartelistenplatz 1 oder 3 gehen, und ob der Empfaenger auf Wartelistenplatz 1 oder 3 jetzt wirklich so krank ist, wie er ist, oder vielleicht ein bisschen weniger krank und nur "dank" betruegerischer Aerzte auf diesem Platz steht. Spenderorgane brauchen alle diese Menschen, und sich gegen eine Spende zu entscheiden, weil vielleicht nicht der Allerkraenkste meine Organe bekommt, entbehrt meiner Meinung nach jeglicher Logik!

    Davon mal abgesehen, waere das Problem einfach zu loesen, indem einfach jeder Organspender ist - es sei denn, er erklaert das Gegenteil in einem Organspenderausweis. Einfach, transparent und leicht umzusetzen, aber sicher von der derzeitigen Bundesregierung nicht erwartbar...

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    • wauzi
    • 18. Januar 2013 9:33 Uhr

    als in dieser regierung (stichwort gesundheitsminister) werden lobbyisten wohl kaum mehr sein.

  7. ... Vertrauen, Vertrauen in die Gerechtigkeit der Vergabe, Vertrauen dahingehend, dass dem Menschen geholfen wird, der am bedürftigsten ist, Vertrauen darauf, dass Altruismus, und nicht Geldgier die treibende Kraft in diesem System ist.

    Wenn das jetzt alles in Frage steht und sich teilweise als Legende entpuppt, dann finde ich das sehr nachvollziehbar, dass viele Menschen ihre Spendenbereitschaft überdenken, weil sie sich in ihrem Vertrauen getäuscht fühlen.

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