Das heißt: Diskursforen geraten unter Druck – und diejenigen in den Universitäten, die das Zeitungsmilieu als Reflexionsinstanz, Korrektiv und Widerpart brauchen und seit Jahrzehnten von seiner intellektuellen Energie profitieren, schauen zu und halten sich zurück. Ganz so, als gäbe es im digitalen Universum und auf ein paar Rezensionsportalen noch einmal eine vergleichsweise herausfordernde Parallelwelt und als würden die eigenen Bücher und Einfälle, sollten die Zeitungen tatsächlich sterben, dann notfalls eben auch bei RTL2 besprochen und gespiegelt.

Es ist keine kulturkonservative Nostalgie, wenn man feststellt, dass es Zeitungen, Zeitschriften und das lange intensiv mit ihnen verbundene universitäre Milieu waren, die die großen Debatten der Republik angezettelt haben – vom Historikerstreit über die Singularität des Holocaust bis zu Thilo Sarrazin. Im Netz – diesem großartigen, so ungeheuer plastischen Medium der blitzschnellen Kommunikation, an der jeder teilhaben kann – sind bislang keine vergleichbaren Diskurszentren entstanden, die mit dieser besonderen Mischung aus Schärfe und Entschiedenheit intellektuelles Agenda-Setting betreiben könnten.

Woran liegt das? Zum einen sind die neu gegründeten Debatten- und Diskursportale noch nicht ausreichend etabliert. Zum anderen sind Onlinemedien sehr viel stärker ereignisgesteuert und nachrichtengetrieben als Tages- und Wochenzeitungen, deren Produktionsrhythmus die verzögerte Interpretation der Ereignisse zumindest begünstigt. Das Netz erlaubt hingegen – konkurrenzlos schnell – sofortige Information und Aktualisierung. Und es lässt das Schreiben selbst als einen fortwährend pulsierenden Prozess erscheinen, als ein ewig unabgeschlossenes Geschehen, das dem unvermeidlich etwas autoritären Pathos und dem Leuchtturmprinzip einer Großdebatte (»Das ist es, was nun besprochen gehört!«) entgegensteht. Debatten aber brauchen Fixpunkte, dramaturgische Arrangements, sie leben von der großen, zentrierenden Geste. Und sie setzen eine Redaktion und Reflexionsorte voraus, in denen sie entwickelt und zugespitzt werden können.

Wie aber kann es sein, dass die akademische Intelligenz sich kaum für ihre zentralen Resonanzräume und deren Überleben interessiert? Es gibt bei dieser Frage keine Gewissheiten, nur Vermutungen. Denkbar ist, dass sich manche Wissenschaftler universitätsintern in eine neue Hermetik hineinreformiert haben und systematisch Karrieremodelle bevorzugen, die ihre allmähliche Abschottung von der Gesellschaft bedingen. Der Autor in Gestalt des reizbaren Intellektuellen mit einem »avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen« (Jürgen Habermas) wird jedenfalls auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend von einem Konkurrenten verdrängt, dessen Produktivität sich scheinbar präzise messen lässt.

Es ist der Typus des Wissenschaftsmanagers, der mit enormen Drittmittelwerbungen sowie zahlreichen Forschungsprojekten und Spezialaufsätzen punktet, aber gewiss nicht mit öffentlichen Interventionen, dem Essay, dem eigenen Werk für das große Publikum. Vielleicht ist das unsichtbare Band zwischen den Zeitungen und dem universitären Milieu auch deshalb bedroht, weil sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend an dem Zahlenhunger und den Publikationsritualen der naturwissenschaftlichen Forschung orientieren – auch dies ein Trend, der die Lust an der essayistischen Zuspitzung und dem ungesicherten, wilden Denken nicht gerade fördert.

Aber wer vermag all dies schon mit letzter Sicherheit zu sagen? Schweigen ist interpretationsoffen. Schweigen kann alles bedeuten und nichts. Die Zeitungen dieses Landes hätten anderes verdient.