PrintmedienRettet die Zeitungen!Seite 2/2

Das heißt: Diskursforen geraten unter Druck – und diejenigen in den Universitäten, die das Zeitungsmilieu als Reflexionsinstanz, Korrektiv und Widerpart brauchen und seit Jahrzehnten von seiner intellektuellen Energie profitieren, schauen zu und halten sich zurück. Ganz so, als gäbe es im digitalen Universum und auf ein paar Rezensionsportalen noch einmal eine vergleichsweise herausfordernde Parallelwelt und als würden die eigenen Bücher und Einfälle, sollten die Zeitungen tatsächlich sterben, dann notfalls eben auch bei RTL2 besprochen und gespiegelt.

Es ist keine kulturkonservative Nostalgie, wenn man feststellt, dass es Zeitungen, Zeitschriften und das lange intensiv mit ihnen verbundene universitäre Milieu waren, die die großen Debatten der Republik angezettelt haben – vom Historikerstreit über die Singularität des Holocaust bis zu Thilo Sarrazin. Im Netz – diesem großartigen, so ungeheuer plastischen Medium der blitzschnellen Kommunikation, an der jeder teilhaben kann – sind bislang keine vergleichbaren Diskurszentren entstanden, die mit dieser besonderen Mischung aus Schärfe und Entschiedenheit intellektuelles Agenda-Setting betreiben könnten.

Woran liegt das? Zum einen sind die neu gegründeten Debatten- und Diskursportale noch nicht ausreichend etabliert. Zum anderen sind Onlinemedien sehr viel stärker ereignisgesteuert und nachrichtengetrieben als Tages- und Wochenzeitungen, deren Produktionsrhythmus die verzögerte Interpretation der Ereignisse zumindest begünstigt. Das Netz erlaubt hingegen – konkurrenzlos schnell – sofortige Information und Aktualisierung. Und es lässt das Schreiben selbst als einen fortwährend pulsierenden Prozess erscheinen, als ein ewig unabgeschlossenes Geschehen, das dem unvermeidlich etwas autoritären Pathos und dem Leuchtturmprinzip einer Großdebatte (»Das ist es, was nun besprochen gehört!«) entgegensteht. Debatten aber brauchen Fixpunkte, dramaturgische Arrangements, sie leben von der großen, zentrierenden Geste. Und sie setzen eine Redaktion und Reflexionsorte voraus, in denen sie entwickelt und zugespitzt werden können.

Wie aber kann es sein, dass die akademische Intelligenz sich kaum für ihre zentralen Resonanzräume und deren Überleben interessiert? Es gibt bei dieser Frage keine Gewissheiten, nur Vermutungen. Denkbar ist, dass sich manche Wissenschaftler universitätsintern in eine neue Hermetik hineinreformiert haben und systematisch Karrieremodelle bevorzugen, die ihre allmähliche Abschottung von der Gesellschaft bedingen. Der Autor in Gestalt des reizbaren Intellektuellen mit einem »avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen« (Jürgen Habermas) wird jedenfalls auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend von einem Konkurrenten verdrängt, dessen Produktivität sich scheinbar präzise messen lässt.

Es ist der Typus des Wissenschaftsmanagers, der mit enormen Drittmittelwerbungen sowie zahlreichen Forschungsprojekten und Spezialaufsätzen punktet, aber gewiss nicht mit öffentlichen Interventionen, dem Essay, dem eigenen Werk für das große Publikum. Vielleicht ist das unsichtbare Band zwischen den Zeitungen und dem universitären Milieu auch deshalb bedroht, weil sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend an dem Zahlenhunger und den Publikationsritualen der naturwissenschaftlichen Forschung orientieren – auch dies ein Trend, der die Lust an der essayistischen Zuspitzung und dem ungesicherten, wilden Denken nicht gerade fördert.

Aber wer vermag all dies schon mit letzter Sicherheit zu sagen? Schweigen ist interpretationsoffen. Schweigen kann alles bedeuten und nichts. Die Zeitungen dieses Landes hätten anderes verdient.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Wie war es denn vor dem Internet? Stündlich gab es Nachrichten im Radio, mehrfach am Tag im Fernsehen, und wenn eine Katastrophe passierte, wurde das Programm unterbrochen.
    Ja, entgleist in der Nachbarschaft ein Güterzug und giftige Gase werden freigesetzt, dann möchte ich das möglichst schnell wissen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Soll mein Smartphone deswegen jedes Mal ein Geräusch von sich geben, sobald ich irgendeine News eines meiner abonnierten Nachrichtenportale erhalte?
    Oder ist das permanente Warten, was sich letztendlich als ein vergebliches herausstellt, vielleicht die größte alarmbereite Zeitverschwendung meines Lebens? Einem Leben im Stand-by. Weil es nie eintrifft.

    (kompletter Beitrag auf meiner Homepage unter "Blog")

  2. Tageszeitungen haben sich aus meiner Sicht durch Websites, das mobile Internet und News Apps überholt. Aktuelle Nachrichten möchte man sofort und aktuell und nicht am Folgetag lesen, nachdem man vielleicht schon am Vorabend die Nachrichten im TV gesehen hat oder sich die Ereignisse schon weiter entwickelt haben (die Zeitung also alte/überholte Inhalte enthält). Die nachwachsenden Generationen wachsen mit dem mobilen Internet auf und die werden vermutlich nicht zu Tageszeitungen greifen.

    Anders sehe ich es bei den Wochenzeitungen (Zeit, Freitag, Focus, Spiegel), die sich umfassender und analytischer mit Themen beschäftigen. Diese Inhalte bieten einen deutlichen Mehrwert zu einfachen Nachrichten. Hierfür dürfte es auch weiterhin einen Markt geben. Ob weiter auf Papier oder als Multimediaapps sei mal dahingestellt.

    Ich persönlich greife wieder zur Papierversion, denn eine Zeitung ist viel leichter als ein iPad und darf in der vollgestopften Straßenbahn auch mal herunterfallen.

    Ein Deutschland ohne vielfältige Printmedien und öffentlich rechtliches Fernsehen wäre jedenfalls ein armes Deutschland.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Medien | Verlag | Zeitung | Journalismus
Service