Carl Djerassi © Heinz-Peter Bader/Reuters

ZEITmagazin: Herr Djerassi, Sie sind der Entwickler der Antibabypille und haben sich als deren Mutter bezeichnet. Warum nicht als ihr Vater?

Carl Djerassi: Ich brauchte einen originellen Titel für meine Autobiografie. Tatsächlich hat jedes medizinische Präparat mehrere Geburtshelfer. Ich als Chemiker habe mich immer als die Mutter gesehen, deren Rolle die wichtigste bei der Fortpflanzung ist: Die biologischen Versuche sind die Spermien, und die chemische Substanz entspricht dem Ei. Deshalb Mutter der Pille.

ZEITmagazin: Was veränderte sich in Ihrem Leben, als Sie auf einen Schlag berühmt wurden?

Djerassi: Der einzige Ruhm, der für einen Chemiker wirklich zählt, ist der Ruhm unter Kollegen. Es ist unerheblich, wenn Zeitungen schreiben, dass ich ein großer Chemiker sei. Nur wenn die allerwichtigsten Chemiker der Welt das glauben, dann bin ich es auch. Und ich habe meinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ruhm zwar mit der Pille errungen, aber andere Sachen sind für mich viel wichtiger gewesen.

ZEITmagazin: Sie haben sich nicht mit der Wissenschaft begnügt und irgendwann angefangen zu schreiben.

Djerassi: In der Zeit war ich sehr in meine spätere dritte Frau verliebt, eine starke, ambitionierte Literaturprofessorin. Eines Tages hat sie sich in jemand anderen verliebt, der auch etwas mit Literatur zu tun hatte. Ich war so beleidigt, dass ich Rachegedichte geschrieben habe, um es meinem Rivalen zu zeigen. Ich habe auch einen Schlüsselroman verfasst über eine schöne, intelligente Frau, die einen wunderbaren Mann hat, aber einen blöden Fehler macht. Der Roman hat uns dann wieder zusammengebracht, und wir haben sogar geheiratet.

ZEITmagazin: Hatten Sie den Ehrgeiz, im Schreiben auf eine Ebene mit Ihrer Frau zu kommen?

Djerassi: Ich habe durch sie ein ganz neues intellektuelles Dasein kennengelernt, auch wenn ich nur ihr Begleiter war. Mein jetziges Leben ist mein literarisches. Aber bin ich ein erfolgreicher Autor, weil ich fünf Romane und neun Theaterstücke geschrieben habe? Meine Theaterstücke sind schon in 20 Sprachen übersetzt worden, doch keines von ihnen wurde in Deutschland aufgeführt. Dort bin ich ein Niemand.