Carl DjerassiDer Mann der produktiven Unsicherheit

Carl Djerassis Tochter nahm sich das Leben. Er flüchtete sich in die Arbeit und gründete eine Künstlerkolonie. von Herlinde Koelbl

Carl Djerassi während einer Pressekonferenz im November 2008

Carl Djerassi  |  © Heinz-Peter Bader/Reuters

ZEITmagazin: Herr Djerassi, Sie sind der Entwickler der Antibabypille und haben sich als deren Mutter bezeichnet. Warum nicht als ihr Vater?

Carl Djerassi: Ich brauchte einen originellen Titel für meine Autobiografie. Tatsächlich hat jedes medizinische Präparat mehrere Geburtshelfer. Ich als Chemiker habe mich immer als die Mutter gesehen, deren Rolle die wichtigste bei der Fortpflanzung ist: Die biologischen Versuche sind die Spermien, und die chemische Substanz entspricht dem Ei. Deshalb Mutter der Pille.

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ZEITmagazin: Was veränderte sich in Ihrem Leben, als Sie auf einen Schlag berühmt wurden?

Djerassi: Der einzige Ruhm, der für einen Chemiker wirklich zählt, ist der Ruhm unter Kollegen. Es ist unerheblich, wenn Zeitungen schreiben, dass ich ein großer Chemiker sei. Nur wenn die allerwichtigsten Chemiker der Welt das glauben, dann bin ich es auch. Und ich habe meinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ruhm zwar mit der Pille errungen, aber andere Sachen sind für mich viel wichtiger gewesen.

CARL DJERASSI

89, wurde in Wien geboren. Er kommt aus einer jüdischen Familie, 1938 floh seine Mutter mit ihm in die USA. Zusammen mit drei anderen Wissenschaftlern entwickelte er in den fünfziger Jahren die Antibabypille. Djerassi ist auch Autor, in seinen Büchern verknüpft er Wissenschaft und Fiktion

ZEITmagazin: Sie haben sich nicht mit der Wissenschaft begnügt und irgendwann angefangen zu schreiben.

Djerassi: In der Zeit war ich sehr in meine spätere dritte Frau verliebt, eine starke, ambitionierte Literaturprofessorin. Eines Tages hat sie sich in jemand anderen verliebt, der auch etwas mit Literatur zu tun hatte. Ich war so beleidigt, dass ich Rachegedichte geschrieben habe, um es meinem Rivalen zu zeigen. Ich habe auch einen Schlüsselroman verfasst über eine schöne, intelligente Frau, die einen wunderbaren Mann hat, aber einen blöden Fehler macht. Der Roman hat uns dann wieder zusammengebracht, und wir haben sogar geheiratet.

ZEITmagazin: Hatten Sie den Ehrgeiz, im Schreiben auf eine Ebene mit Ihrer Frau zu kommen?

Djerassi: Ich habe durch sie ein ganz neues intellektuelles Dasein kennengelernt, auch wenn ich nur ihr Begleiter war. Mein jetziges Leben ist mein literarisches. Aber bin ich ein erfolgreicher Autor, weil ich fünf Romane und neun Theaterstücke geschrieben habe? Meine Theaterstücke sind schon in 20 Sprachen übersetzt worden, doch keines von ihnen wurde in Deutschland aufgeführt. Dort bin ich ein Niemand.

Leserkommentare
  1. "Meine Theaterstücke sind schon in 20 Sprachen übersetzt worden, doch keines von ihnen wurde in Deutschland aufgeführt. Dort bin ich ein Niemand."

    So ein Blödsinn. Hat er das wirklich gesagt? Auf seiner eigenen Homepage steht ja, wann und wo Theaterstücke in Deutschland aufeführt wurden, z.B.

    "Insufficiency" http://www.unicat.tu-berlin.de/index.php?id=947

    Oxygen: http://www.djerassi.com/bio/bio2.html
    "... OXYGEN, co-authored with Roald Hoffmann, premiered in 2001 at the San Diego Repertory Theatre, at the Mainfranken Theater in Würzburg in 2001 - 2002 (as well as in Munich, Leverkusen and Halle), ..."

  2. die ich getroffen habe. Vor vier Jahren zu einem Interview. Im Gegensatz zu vielen deutschen Professoren, vollkommen unprätentiös. Er beantwortet Emails selbst und zwar nicht erst nach Wochen, sondern sofort. WENN er antwortet. Gleich oder gar nicht, sagte er. Ein funkelnder Geist.
    Verblüfft hat mich, dass er das Phänomen 'Geist' leugnet. Er sei eben Chemiker, die wären, im Gegensatz zu Physikern, fast nie spritiuell. Dabei hat er eine Riesensammlung von Paul Klee Gemälden - einem sehr spirituellen Maler und hat selbst eine Künstlerstiftung gegründet.
    Will man die Verkörperung von Geist und Nicht-Geist studieren, muss man nur Soros und Djerassi ansehen. Soros sieht im Vergleich und seiner jungen Yogalehrerin als Ehefrau. Djerassi ist 9 Jahre älter und sprüht wie ein 'Sternwerfer'.
    Seine literarischen Werke wurden in Deutschland tatsächlich weitgehend ignoriert. Ich habe versucht eine Lesung seines Buches 'Vier Juden auf dem Parnass' zu organsieren. Das war unmöglich. Selbst wichtige Damen der jüdischen Gemeide in München, Frau Knobloch und Frau Dr Salamander hielten ihn nicht einmal einer Antwort für würdig, als er ihnen schrieb. Dabei hat München zu diesem Buch einen sehr starken Bezug. Diese Damen scheinen so arrogant zu sein, dass sie das wirklich dumm macht. Glücklicherweise ist nicht die übrige Welt so doof wie die jüdische Gemeinde in München.

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