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ZEITmagazin: Ihr Name wird für immer mit der Pille verbunden sein, Sie sind reich, Sie haben 27 Ehrendoktorhüte. Was fehlt Ihnen denn noch, um zufrieden zu sein?

Djerassi: Es spielt keine Rolle, ob es 27 sind oder 30. Die Frage ist: Von wem habe ich noch keinen bekommen? Ich hatte zum Beispiel lange keine Ehrendoktorwürde aus meinem Geburtsland Österreich. Erst im vergangenen Jahr habe ich dort zwei solcher Titel bekommen, aber die hätten sie mir vor 30 Jahren geben sollen. Jetzt kriege ich sie nur, weil ich noch lebe.

ZEITmagazin: Wie sehen Sie sich selbst?

Djerassi: Ich kann mein Leben in zwei Wörtern beschreiben: produktive Unsicherheit. Viele halten mich für einen wichtigen Mann, aber ich habe das nie so empfunden. Ich denke immer, das Glas ist halb leer, und will wissen, was andere über mich denken. Das hängt mit 1938 zusammen, als meine Mutter mit mir vor den Nazis in die USA fliehen musste. Ich habe immer nach Bestätigung gesucht. Das Resultat war eine große Einsamkeit, weil ich mich oft in der Arbeit vergraben und nur damit beschäftigt habe. In mancher Hinsicht war das auch gut, vor allem nach dem Selbstmord meiner Tochter. Das war die größte Tragödie meines Lebens. Mit meiner Tochter konnte ich so reden wie mit niemand anderem je vorher oder nachher. Nach ihrem Tod habe ich jeden Tag 16 Stunden gearbeitet und nur so überlebt.

ZEITmagazin: Denken Sie, dass Ihre Tochter auch etwas von Ihrer Einsamkeit hatte?

Djerassi: Wir haben später erkannt, dass sie depressiv war. Viele Leute hinterlassen einen Brief, aber die wirkliche Botschaft ist der Selbstmord. Ich habe die Botschaft meiner Tochter verstanden. Sie war eine Künstlerin, sehr feministisch orientiert, und sie war verzweifelt, weil bei ihrer Ausbildung, in den Ausstellungen und in der Kunstgeschichte die Männer in der Überzahl waren. Ihr Freitod war die Verzweiflung einer jungen Frau über die phallozentrische Gesellschaft.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus der Verzweiflung gerettet, die eigene Tochter verloren zu haben?

Djerassi: Ich wollte etwas Lebendiges aus ihrem Tod hervorbringen, und so habe ich aus ihrem Haus ein Atelier für Stipendiaten gemacht. Ich habe meine große Kunstsammlung verkauft und eine Künstlerkolonie gegründet, wo Männer und Frauen aus verschiedenen Kunstrichtungen zusammen arbeiten und leben. Ich bin sicher, meiner Tochter hätte das gefallen.